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Merkel will mehr Migranten im öffentlichen Dienst

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit dem Polizisten Erdogan Yildirim aus BerlinNach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt es zu wenig Migranten in der Politik und im Öffentlichen Dienst. „Das muss sich ändern“, so die Kanzlerin in einem Videopodcast-Interview mit dem Polizisten Erdogan Yildirim aus Berlin (Foto).

Hier die Textversion des Gesprächs:

Yildrim: Sind Sie mit der bisherigen Integrationspolitik der Bundesregierung zufrieden?

Merkel: Also, zum Teil gibt es sehr gute Erfahrungen. Die Bundesregierung, aber auch die Länder und die Kommunen, tun ja sehr viel für die Integration. Aber wir können auch noch besser werden. Wir haben uns jetzt zum Beispiel noch einmal die Integrationskurse angeschaut. Dort haben wir leider noch zu Viele, die diese Kurse abbrechen. Und ich glaube, wir sollten auch ein bisschen strenger sein, wenn verpflichtende Integrationskurse angeboten werden und das wird nicht wahrgenommen. Wir haben leider noch immer Sprachprobleme, auch bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund, und hier müssen die Sprachtests auch ganz intensiv durchgeführt werden. Aber ich glaube, das Thema ist als gesellschaftliches Thema angekommen und es gibt auch unendlich viele geglückte Integrationsbeispiele, und Sie sind ja auch eins davon.

Vielen Dank. Planen Sie, plant die Bundesregierung noch Veränderungen in der Integrationspolitik?

Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen. Wir planen aber auch, dass wir noch mehr Menschen ermutigen, zum Beispiel einen Integrationskurs zu machen. Wir arbeiten mit der Wirtschaft, dass Migranten auch wirklich eine Chance bekommen: „Charta der Vielfalt“ – ein Programm, wo eben Unternehmen aufgefordert werden, türkisch- und andersstämmige Menschen wirklich schnell zu integrieren, ihnen eine Chance zu geben. Denn ich habe auch festgestellt: Wenn jemand einen Namen hat, der nicht ganz deutsch klingt, dann ist es oft so, dass er bei bestimmten Berufen auch Schwierigkeiten hat, im Betrieb überhaupt angenommen zu werden.

Stimmt. Wie sehen Sie denn die Integrationspolitik in Deutschenland – zum Beispiel in fünf Jahren?

Da kann ich zum Beispiel sagen, dass wir uns angeschaut haben, wie viele Menschen vielleicht einen Integrationskurs machen sollten, wo sie die Sprache besser lernen, auch über unser Land mehr lernen. Und da brauchen wir jetzt ungefähr noch fünf Jahre, um allen, die dafür infrage kommen, zum Beispiel ein solches Angebot zu machen. Und ich fände, das wäre eine gute Sache. Ich hoffe, dass alle Kinder dann Deutsch sprechen können, wenn sie in die Schule kommen. Und wir wollen es schaffen, dass die Schulabschlüsse von genauso vielen Migranten gemacht werden, wie von deutschen Kindern. Hier haben wir heute noch die doppelte Anzahl von Schulabbrechern als bei deutschen Kindern – und das ist zu viel.

Frau Bundeskanzlerin, kann es aber auch sein, dass die Menschen hier im Lande nicht zu viel von der Bundesregierung erwarten sollten, sondern sich selber ändern sollten?

Der Meinung bin ich; dafür sind Sie vielleicht auch ein gutes Beispiel. Die Eltern müssen mitziehen – zum Beispiel auch zu Elternversammlungen gehen, sich für das Schicksal der Kinder interessieren –, und die Kinder und die jungen Menschen natürlich selber. Und jeder ist willkommen, der Deutsch lernen möchte und es heute vielleicht noch nicht so kann. Aber da habe ich an Sie die Frage: Wie war das bei Ihnen, haben Ihre Eltern Sie ermuntert, einen Beruf zu lernen, gut in der Schule zu sein?

Ich kann von meiner Seite aus sagen, dass meine Eltern mich sehr gefördert haben. Klar, natürlich nicht mit der Sprache, das habe ich mir selber angeeignet. Aber mit dem Willen, mir etwas selber anzueignen bzw. die Schule zu besuchen, regelmäßig da zu sein. Ich habe mir persönlich angeeignet, mir von beiden Kulturen die positiven Seiten zu nehmen und ich hoffe, dass ich sie auch umgesetzt habe.

Und wie ist das, wenn man Polizist ist und einen türkischen Namen hat: Wird man da akzeptiert? Haben Sie gute oder schlechte Erfahrungen gemacht?

Zum größten Teil, muss ich sagen, Frau Bundeskanzlerin, dass ich nur positive Erfahrungen gemacht habe. Auf der Straße – sobald Personen mit Migrationshintergrund an mich herantreten, sind sie ganz anders. Sie reden mit mir und sie sind viel vertrauter, sie haben ein besseres Gefühl. Und ich hoffe, dass es sich auch in Zukunft vermehrt, in dem Sinne, dass Migranten mehr im Öffentlichen Dienst …

Genau!

… eingesetzt werden bzw. auch unter anderem – ein Appell an die Bundes- bzw. Landesregierung – mehr Migranten in die Politik zu integrieren. Das wäre auch ein Appell.

Das nehmen wir als Auftrag für unseren Integrationsgipfel, denn wir haben heute wirklich eine Unterrepräsentation von Menschen im Öffentlichen Dienst, die einen Migrationshintergrund haben, und das muss sich ändern.

Vielen Dank!

Frau Bundeskanzlerin, wie wäre es, wenn Ihnen im nächsten Podcast am 6. November einmal ein normaler autochthoner Bürger dieses Landes ein paar Fragen zum Thema „Deutschenfeindlichkeit“ stellen dürfte? Man wird doch wohl noch träumen dürfen…

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