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Türkische Schüler: Nur 10 % aufs Gymnasium

Was hat die Pharmaindustrie mit Integrationsbeauftragten gemeinsam? Beide sind Meister darin, durch künstlich verkomplizierte Statistiken unliebsame Fakten zu verstecken. Wo ist der Unterschied: Die Pharmaindustrie ist weitaus geschickter. Wie ungeschickt man im Hause Böhmer ist, zeigt die Seite 592 des neuen Integrationsberichts der Bundesregierung exemplarisch.

Hier hat man die Antwort auf die heiß diskutierte Frage versteckt, wie viele Schüler mit türkischem Migrationshintergrund denn in Deutschland eigentlich aufs Gymnasium gehen? Der Aspekt war während der Sarrazin-Debatte hochaktuell. Und da war dann plötzlich diese sehr geschwätzige Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, die mit ihren Zahlenspielen verblüffte.

Der Anteil hätte sich über die Zeit um 900 % gesteigert. Sie war der Meinung, dass bis zu 27 % aller Schüler mit türkischem Migrationshintergrund mittlerweile aufs Gymnasium gehen. Also soviel wie „deutsche“. Tage später waren es dann nur noch 18 %. Zum Vergleich: bei Schülern ohne Migrationshintergrund (man könnte auch deutsche Schüler sagen) liegt der Anteil, der aufs Gymnasium geht, bei 24 %. Dann wurde behauptet, dass zu der Frage überhaupt kein verlässliches Zahlenmaterial existiert. Offenbar doch! Nur ist es nicht ganz so vorteilhaft für die türkische Community, wie man es gerne hätte. Die Zahlen sind mäßig gut versteckt auf der Seite 592 des neuen Böhmischen Integrationsbericht, in der Tabelle 20 (zum Vergrößern aufs Bild klicken):

Zwar kann man mit Statistiken gut manipulieren, sie durch Umgruppierung und unsinnige Prozentbezüge für den Laien unlesbar machen, nur die Wahrheit steckt immer noch drin. Mit etwas Rechenarbeit kann man sie wieder ans Tageslicht befördern. Der Aufwand ist in diesem Fall gar nicht so groß. Falls Frau Foroutan mitliest – sie will ja sicher auch wissen, was der Gegner so treibt – bitte Taschenrechner rausholen. Zuerst wird die Zahl aller Schüler in Deutschland (1) mit dem Prozentsatz der Schüler ohne Migrationshintergrund (2) multipliziert. Dann wissen wir schon mal, wie viel Schüler es in Deutschland gibt, die noch keinen Migrationshintergrund haben (T= Tausend, rechnet sich einfacher). Voilà: 8 409 T. Und jetzt die Frage, wie viel Schüler ohne Migrationshintergrund aufs Gymnasium gehen. Dazu multipliziert man die Zahl der Gymnasiasten (3) mit dem entsprechenden Prozentsatz (4). Das macht: 2 056 T. Fast geschafft. 2 056 T / 8 409 T entsprechen 24 Prozent. Das war zu erwarten.

Und was ist mit den Schülern mit türkischem MiHiGr? Der Rechengang noch mal, nur mit den MiHiGr-Zahlen, das sind die Angaben (1), (5), (3) und (6). In Deutschland gibt es also 778 T Schüler mit türkischem Migrationshintergrund. Davon gehen 81 T aufs Gymnasium. Ja und das sind dann leider nur 10% aller türkischen MiHiGr-Schüler. Auf Deutsch: Nur jeder zehnte Schüler mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland besucht ein Gymnasium. Eine Katastrophe für alle Beteiligten! Kann ja mal passieren nach 40 Jahren Integrationserfolg. Übrigens, bei der Hauptschule sieht es genau umgekehrt aus. Hier sind die Türken führend. Die Zahlen darf sich jeder der will gerne selbst ausrechnen.

Der neue Böhmersche Integrationsreport ist also spannender als man denkt. Da lassen sich bestimmt noch mehr unerwünschte Zahlen rauskitzeln. Ran an die Taschenrechner. Zur Abb.: So sieht die Antwort auf die Frage aus, wie viele Kinder mit türkischem MiHiGr auf welche Schule gehen. Einfach schön kompliziert machen, dann kommt schon keiner dahinter.

(Text: hgrberlin)