Österreich: Kein Einwanderungsland

Österreich: Kein EinwanderungslandAusnahmsweise lügt uns die Statistik nicht an: 87,5 Prozent unserer Wohnbevölkerung wurden in Österreich geboren; über eine Million Menschen, die heute in Österreich leben, kamen als Kinder, Jugendliche oder als Erwachsene nach Österreich. Mit diesen 12,5 Prozent im Ausland geborenen Personen liegt Österreich im internationalen Vergleich etwas vor den USA (11,1%).

(Gastkommentar von Dr. Peter Stiegnitz)

Mehr als ein Drittel der Zugewanderten kam aus Ex-Jugoslawien, 14,0% aus Deutschland und 12,5% aus der Türkei. Die so genannten „Arbeitsmigranten“ aus Ex-Jugoslawien und aus der Türkei kamen in den frühen 1960er-Jahren; diese jungen Männer waren überwiegend Hilfs- oder angelernte Arbeiter ohne Familienanhang. Hätten diese jungen Männer Österreicherinnen geheiratet, so wäre ihre Integration bedeutend schneller und besser als durch die spätere „Familienzusammenführung“ gelungen. – So entstanden auch in Österreich die für Westeuropa charakteristischen „Ausländer-Ghettos“.

Trotz dieser Statistiken ist Österreich kein Einwanderungs-, sondern ein Integrationsland. Warum? Weil der Begriff „Österreicher“ keine statistisch-geographische Frage, sondern eine des Bekenntnisses ist und vor allem, weil sich türkische Migranten der ersten und zweiten Generation immer noch nicht als Teil der „österreichischen Kultur“ betrachten. Genau diese, sozialpsychologisch eindeutig feststellbare Tatsache, führte die in Berlin arbeitende deutsch-türkische Anwältin und Autorin Seyran Ates zu ihrer Behauptung: „Integration? In Österreich eine totale Illusion“.

Das größte Hindernis der in Österreich lebenden Türken ist die Religion. Das weiß auch Seyran Ates: „Religion bedingt Kultur und Kultur bedingt Tradition. Und umgekehrt. Dies wird ja oft als Totschlagargument verwendet. (…) Man will Religion und Kultur ausklammern. Aber eine Tradition entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern aus Religionsverständnis und Kultur. Das sind die drei Komponenten, die sich gegenseitig bedingen.“

Die österreichische Migrationspolitik will den leichtesten Weg gehen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist der Islam eine gesetzlich anerkannte Religion, trotzdem wollte und will man seit dieser Zeit die Vielfältigkeit dieser Religion nicht akzeptieren. Da in jeder Religion meist konservative, orthodoxe oder fundamentalistische Kreise die Körperschaften der offiziellen Vertretungen besetzen, bilden auch in Österreich nur die konservativen Muslime die offizielle Gesprächspartnerschaft der Regierung und der anderen Religionsgemeinschaften.

Das ist allerdings ein Fehler und deshalb werden andere muslimische Gruppen nicht mehr gehört. Vor allem die anderen, die säkularisierten Muslime wären in der Lage, die Integration zu fördern. Das können sie aber nicht, weil sie nicht als offizielle Gesprächspartner anerkannt sind. Genau auf diese Fehler machte Seyran Ates aufmerksam und schlug vor, in Österreich, wie es in Deutschland der Fall ist, eine „Islamkonferenz“ ins Leben zu rufen: „Die säkularen Muslime finden in Österreich wenig Gehör, weil man das Podium den Konservativen überlassen hat.“

Vor allem die konservativen Muslime lehnen jedwede Assimilation, wie es auch der türkische Ministerpräsident, wenn auch nicht sehr feinfühlig, in Deutschland mitteilte, kategorisch ab. Selbst führende deutsche Linkspolitiker – im Gegensatz zu ihren österreichischen Genossen – kennen das Zauberwort der richtigen Integration: „Es kann keine Integration ohne Assimilation geben“, erklärte der Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse in einem „Die Presse“-Gespräch.

„Assimilation“ bedeutet heute nicht, wie es einst der Fall war, eine völlige Aufgabe der eigenen, mitgebrachten Kultur, sondern die Befolgung des einzigen richtigen und erfolgreichen Integrationsweges, den der „Doppel-Loyalität“: Nach Außen die Aneignung der Kultur des betreffenden Landes („Leitkultur“) und gleichzeitige Pflege der eigenen kulturellen Gepflogenheiten. Dass sich beide Kulturen gegenseitig beeinflussen ist selbstverständlich. Allerdings: Die geforderte Doppel-Loyalität bedingt keine religiöse Taufe; und genau davor schrecken die meisten Muslime zurück.

Wie erfolgreich dieses Integrationsmodell funktioniert, beweist Wien als „Schmelztiegel“; allein seit Ende des Zweiten Weltkrieges kamen über zwei Millionen Migranten – teils politische, teils Wirtschaftsflüchtlinge – und passten sich an die Wiener kulturellen Verhältnisse genauso gut an, wie das die Zugewanderten um die Jahrhundertwende (19.,/20.) einst vollzogen haben.


Dr. Peter Stiegnitz ist Migrationssoziologe, Publizist und em. Prof. der Universität Budapest. Für seine wissenschaftliche Arbeiten erhielt er zweimal den Theodor-Körner-Preis. Er hat rund 6.500 Fachbeiträge und bisher 24 Bücher publiziert, zuletzt „Guten Morgen Abendland – guten Abend Morgenland“. Zur Konkurrenz der Kulturen mit einem Vorwort von Günther A. Rusznak. 248 Seiten, ISBN 978-3-85167-199-5, € 21,90 / SFr 38,00.