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Es wird Geschichte geschrieben!

Das Jahr 2011 beginnt mit einem weltpolitischen Paukenschlag: die Proteste in Tunesien sind auf das größte Land der arabischen Welt übergeschwappt. So außergewöhnlich und unerwartet die Ereignisse einerseits sind, so unabsehbar ist jedoch, zu welchem Ergebnis sie führen werden. Sicher ist nur: es wird Geschichte geschrieben. So oder so.

(Kommentar zur Lage in Ägypten von Frank Furter)

Wer hätte das vor nicht allzu langer Zeit für möglich gehalten? Nachdem in Tunesien die Menschen für mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand demonstrierten, ist diese Bewegung nun auch auf Ägypten übergeschwappt. Proteste sind in der arabischen Welt nichts neues. Im Gegenteil. Ungewohnt ist jedoch, dass keine amerikanischen oder israelischen Flaggen brennen. Auch hasserfüllte „Allahu-Akbar“ Rufe sind kaum zu hören.

Das Außergewöhnliche ist, dass die Proteste nicht dem verhassten Westen gelten, sondern den wahren Feinden der ägyptischen Bevölkerung: ihrer eigenen Regierung unter Staatspräsident Muhammad Husni Mubarak. Der hält sich seit Jahrzehnten mit Notstandsgesetzen an der Macht. Von Demokratie kann, wie überhaupt in der arabischen Welt, keine Rede sein.

Ob es überhaupt Demokratie ist, wonach die Demonstranten streben, mag fraglich sein. Ein Blick in die Vororte Kairos und Alexandrias erklärt jedoch, worum es den Menschen mindestens geht: um mehr Lebensqualität und Wohlstand. Den wiederum lassen Systeme wie die ägyptische Militärregierung kaum zu. Vielmehr wird beinahe jeder Dollar, der von wo-auch-immer ins Land getragen wird, innerhalb der Herrscherklicke umverteilt. Der Islam kommt diesem System zugute, er wirkt wie Marx’ berühmtes „Opium fürs Volk“ und gibt den patriarchalischen Machtstrukturen in muslimischen Ländern ihre moralische Legitimität.

Das Aufbegehren der Menschen – wenn es auch vornehmlich im Streben nach mehr Wohlstand begründet ist – kann also durchaus als Zeichen einer Entwicklung gewertet werden, die in der arabischen Welt längst überfällig ist: Aufklärung nämlich, und Emanzipation von dem archaischen Gesellschaftstyp, der mit dem Islam notwendigerweise einher geht. Denn breitverteilter Wohlstand, Freiheit und Selbstbestimmung scheinen in einer Gesellschaft undenkbar, zumindest so lange sie ihre Moral aus jenem Islam bezieht, der an der Kairoer Universität gelehrt wird.

Kein Wunder also, dass die Islamisten, von denen es in Ägypten weit mehr gibt, als dieser Tage ersichtlich, mit dieser Form des Protestes scheinbar nicht allzuviel anfangen können. Ihnen sind die Ziele der Demonstranten befremdlich, wenngleich sie der Hass auf die Regierung einen müsste. Doch Seit an Seit mit Freiheitskämpfern werden sich die Islamisten nicht aufs Schlachtfeld begeben. Mutmaßlich sehen sie die Zeit auf ihrer Seite. Denn sollten die Proteste zu demokratischen Wahlen führen, wäre das auch für sie die Chance, die Macht im Land zu übernehmen. Diejenigen unter den Ägyptern, die nun für Freiheit und Wohlstand demonstrieren, könnten also am Ende gar vom Regen in die Traufe kommen. Für Lobgesang ist es somit noch zu früh.

Ähnlich schwierig wie für die Islamisten ist die Lage auch für westliche Machtpolitiker. Sie haben Mubarak und sein System jahrzehntelang gestützt, allen voran die Amerikaner. Im Zentrum ihres Interesses stand und steht vornehmlich die geostrategische Bedeutung des Landes am Nil. Wer Ägypten kontrolliert, kontrolliert den Suez Kanal. Ein islamischer Gottesstaat, durch den diese Lebensader der Weltwirtschaft fließt, und der zudem an den Gazastreifen und Israel grenzt, käme einer sicherheitspolitischen Katastrophe gleich.

Darüber hinaus sitzt der Westen in seiner selbsterschaffenen Glaubwürdigkeitsfalle: denn demokratische Werte standen im Falle Ägyptens stets hinter geostrategischen Interessen zurück. Die Unterstützung für Mubarak wird so zum Boomerang. Nun, da es eine Bewegung für Freiheit und Demokratie in Ägypten gibt, sollte gerade der freie demokratische Westen keinen Einfluss üben. Denn jede Einflussnahme könnte im schlimmsten Falle gar den Islamisten in die Hände spielen. Und die wiederum sind das größte annehmbare Übel, das bedrohlich über den aktuellen Geschehnissen schwebt.

Dabei ist dem Westen seine Haltung gegenüber Mubarak und anderen arabischen Herrschern kaum vorzuwerfen. Die Geschichte – zuletzt im Fall Iraks und Afghanistans – hat bewiesen, dass streng islamische Gesellschaften nicht einfach per Anweisung demokratisierbar sind. Im Gegenteil hat gerade das den islamischen Kräften weltweit in die Hände gespielt, und ihr Wiedererstarken begründet.

So ruht die Hoffnung nun also auf den Muslimen selber, beziehungsweise auf den aufgeklärten unter ihnen. Dass es solche gibt, war und ist unbestritten. Selbst der Iran, seit Jahrzehnten unter dem Joch einer streng islamischen Diktatur gefangen, hat sich eine wohlgebildete Bürgerschaft bewahrt. Deren Kinder sind es nun, die als „Generation Facebook“ in die Geschichte eingehen könnten.

Denn was im ersten Moment leicht befremdlich klingt, macht bei genauerer Betrachtung durchaus Sinn. Das Internet hat die Welt verändert, nicht nur hierzulande. Und da es arabische Staaten nicht vermögen, den Informationsfluss in einem Maße zu kontrollieren, wie es beispielsweise die Sozialisten in China tun, könnte sich das Internet in einiger Zeit rückwirkend als die beste Waffe des Westens erweisen. Denn es hat die ungefilterte Wahrheit in die Stuben ägyptischer Studenten gebracht, und damit vielleicht die Erkenntnis genährt, dass es nicht die Amerikaner sind, oder die Juden, oder der Herrgott höchstpersönlich, die für die schlechten Lebensbedingungen im Land verantwortlich sind.

So mögen viele der Demonstranten erkannt haben, was eigentlich jeder sehen kann: Wohlstand ist auf dieser Erde nicht zufällig, sondern folgerichtig dort weitverbeitet, wo Demokratie und Freiheit einen solchen überhaupt zulassen. In der arabischen Welt jedoch steht der Islam dem gesellschaftlichen Fortschritt wie ein frühmittelalterliches Bollwerk entgegen.

Die Demonstranten haben also ihre größte Prüfung noch vor sich. Denn um ihre Ziele zu erreichen, wird es früher oder später notwendig sein, sich mit dem wahren Grund für die grassierende Armut in der arabischen Welt auseinanderzusetzen. Fakt aber ist auch, dass ein Prozess der gesellschaftlichen Aufklärung nicht in ein paar Wochen erfolgen kann. Vielmehr wird es Jahre brauchen, wenn nicht gar Jahrzehnte. Umso wichtiger also, dass dieser Prozess nunmehr vielleicht endlich beginnt, und das sogar dort, wo er notwendigerweise erfolgen muss: in der arabischen Welt selber, und aus der Unzufriedenheit der Menschen heraus.

So wird also dieser Tage Geschichte geschrieben. Der Ausgang ist freilich offen. Und so verführerisch die Vorstellung einer selbst injizierten Aufklärung der muslimischen Welt mitsamt der längst überfälligen Emanzipation von den gesellschaftlichen Fängen des Islam sein mag, so bedrohlich und beängstigend ist doch auf der anderen Seite das schlimmste denkbare Szenario: ein Gottesstaat am Nil. Sollte sich letzteres am Ende bewahrheiten, erscheint ein globaler Krieg der Kulturen langfristig kaum noch abwendbar. Letztlich hätte aber auch das sein Gutes, würde es doch vielen Träumern hierzulande endlich die Augen öffnen.

Denn irrwitzigerweise sind die Proteste in Ägypten auch ein Fingerzeig in die Mitte unserer Gesellschaft. Dort, in Kairo, wo die wichtigste Instanz der islamischen Welt ihren Sitz hat, demonstrieren die Menschen für etwas, dass wir hierzulande sukzessive zu verlieren drohen: Freiheit und Wohlstand. Das ist dann wohl „die Ironie an der Geschichte“ – im wahrsten Sinne des Wortes.