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Wirsching hofft auf den Euro-Islam

Andreas Wirsching„Gehört der Islam zu Europa?“ – diese Frage lässt die SZ im Feuilleton ihrer gestrigen Printausgabe Andreas Wirsching (Foto) stellen, seines Zeichens Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der LMU München, und natürlich auch beantworten. Der Autor ist seit 1. April 2011 Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und da bittet ihn die SZ natürlich, seinen Senf zur Debatte zu geben.

(Von Monika Kaufmann)

Der „Kampf der Kulturen“ sollte nicht herbeigeredet, sondern vermieden werden

So heisst es im Untertitel. Vermeiden, verehrter Herr Professor, kann man nur etwas, was noch nicht besteht. Dinge, die bereits im Gange sind und das seit mindestens zehn Jahren, kann man nur eine andere Wendung geben oder sie abstellen. Sie scheinen wohl gewisse Ereignisse in Europa verschlafen zu haben, wie die Terrorakte in Madrid, London, Glasgow und Frankfurt. Der Clash ist mitten unter uns.

Wirsching stellt zunächst einmal fest:

Seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist die sogenannte Neue Islamische Präsenz in Westeuropa zum Thema geworden. Zu vielen Hunderttausenden und mehr kamen Indonesier und Surinamer in die Niederlande, Pakistaner nach Großbritannien, Türken nach Deutschland, Nordafrikaner nach Frankreich, Italien und Spanien. 2008 lebten in den 27 EU-Ländern mehr als 19 Millionen Menschen, die aus Gebieten außerhalb der Europäischen Union zugewandert waren; die weitaus meisten von ihnen sind Muslime, in Deutschland sind es mehr als vier Millionen.

Laut Wiki lebten 2009 in der EU 13 Millionen Mohammedaner, andere Zuwanderer machen bekanntlich keine Probleme. Dann konstatiert Wirsching eine gewisse Ratlosigkeit bzw. „tiefe Verunsicherung über dem eigenen Standort“ in Deutschland, die sich in den widersprüchlichen Aussagen zweier hochrangiger Christdemokraten manifestiert. Bundespräsident Christian Wulff: „Der Islam gehört zu Deutschland“ und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich: „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt“. Nun lässt sich letzteres ohne Weiteres auf ganz Europa ausdehnen. Denn, so schreibt der amerikanische Politologe Samuel P. Huntington in seinem bereits 1996 erschienenen Buch „The Clash of Civilizations“, das der Autor natürlich bei seinem Untertitel im Visier hatte, dass die Europäer den Islam immer abgelehnt haben, sich immer gegen die Islamisierung zur Wehr gesetzt haben, auch wenn sie wie in Spanien fast 800 Jahre lang unter islamischer Herrschaft leben mussten. Sie hatten also mehr als genug Zeit, sich an islamische Gepflogenheiten zu gewöhnen, wollten dies aber nicht. Wir Europäer sind eben eigen. Oder der Islamexperte Bernard Lewis in seinem Buch „Islam and the West“ (1993):

Vom ersten Eintreffen der Mauren in Spanien bis zur zweiten türkischen Belagerung von Wien war Europa unter permanenter Bedrohung durch den Islam.

Eine Wesenheit, die jemanden bedroht, gehört wohl kaum dazu, so kann nur jemand denken, der wie alle Islamapologeten und Schönredner unter chronischem Masochismus und krankhafter Selbstverleugnung leidet.

Aber Wirsching beschreibt das Problem folgendermaßen:

Der Kern des Problems liegt darin, dass sich die europäische Kultur in ihrem Selbstverständnis einerseits auf Freiheit, Demokratie und Individualismus gründet; verbürgte Minderheitenrechte gehören ebenso hierzu wie religiöse Toleranz.

Zu diesen „verbürgten Rechten“ gehört allerdings nicht das Recht auf Diktatur der Minderheit und Unterjochung der Mehrheit. Die britische Journalistin Melanie Phillips spricht sogar in ihrem neuen Buch „The World turned upside down“ vom „Unliberalismus der Minderheitenrechte“.

Aber Wirsching hat eine probate Lösung anzubieten:

Aus dem Dilemma führt nur ein pragmatischer Weg, der in vier Schritten begangen werden kann. Der erste Schritt wäre ein Zuwachs an Laizismus. In einer multikulturellen Gesellschaft mit religiöser Vielfalt muss die Religion Privatsache des Einzelnen bleiben und von dem öffentlichen Bereich von Politik und Recht getrennt werden.

Hier scheint unser Professor im Geschichtsunterricht geschlafen zu haben, denn genau diesen Schritt sind die Franzosen mit ihrem Gesetz von 1905 gegangen, das Religion zur reinen Privatsache macht und die strikte Trennung von Religion und Staat vorschreibt. Und genau das versuchen die Mohammedaner in Frankreich immer wieder zu unterlaufen.

Wirsching weiter:

Will man aber den ‚clash of civilizations‘ nicht herbeireden, sondern ihn vermeiden, dann muss der zweite Schritt gemacht und nachhaltig eingeübt werden. Er lautet: Kraft zur Unterscheidung. Es ist keine Verharmlosung, darauf hinzuweisen, dass inakzeptable Gewalttaten oder Verletzungen der Meinungsfreiheit durch Muslime die Ausnahme sind. Selbst die als frauenfeindlich empfundene strenge religiöse Praxis ist unter den europäischen Muslimen, wie neuere Studien zeigen, nicht sehr weit verbreitet.

Der Herr Oberlehrer hebt den Zeigefinger und weist uns auf die berühmten Einzelfälle™ hin:

Aber erst die Fähigkeit zu unterscheiden erleichtert es drittens, Gesetzesübertretungen von Muslimen ihres kulturellen Überbaues zu entkleiden und sie ohne ausufernde Identitätsdiskussionen zu ahnden.

Das ist doch sehr schön gesagt. Eigentlich heisst das ja „Der Islam hat mit dem Islam nichts zu tun.“ Aber wenn man Direktor des Instituts für Zeitgeschichte ist, muss man sich schon etwas verschwurbelter gewählter ausdrücken; das bringt die Würde des Amtes so mit sich.

Am wichtigsten ist aber viertens das Vertrauen in die befreiende und verändernde Kraft der Menschenrechte, der Demokratie und des freiheitlichen Individualismus. Denn die europäische Idee von der rechtlichen Gleichheit und der egalitären Würde des Menschen zieht auch außereuropäische Migranten an und wirkt auf sie integrativ.

Oh heilige Einfalt! Kann man es in Deutschland denn nur zum Professor für neuere Geschichte bringen, wenn man abgrundtief naiv ist? Natürlich fühlen sich die Mohammedaner von diesen hehren Ideen angezogen wie die Fliegen vom Honigbrot, aber nicht weil sie diese so wunderbar und befreiend finden, sondern vielmehr, weil sie die Gefahr der Selbstaushebelung in sich bergen. Man will uns mit unseren eigenen Verteidigungsmitteln schlagen. Schon seit Jahren wird uns das bei der UNO vorexerziert. Alfred E. Neuman, der Vertreter des amerikanischen Satiremagazins MAD, hat es auf den Punkt gebracht:

„The U.N. is a place where governments opposed to free speech demand to be heard.“ (Die UNO ist ein Ort, an dem Regierungen, die freie Meinungsäußerung ablehnen, verlangen gehört zu werden.)

Wird er der neue Direktor des Instituts für Zeitgeschichte der LMU? Alfred E. NeumanUnd warum gibt es denn eine separate Sharia-konforme Kairoer Erklärung der Menschenrechte, wenn Mohammedaner die befreiende Kraft der Menschenrechte rückhaltlos anerkennen? Wetten, dass dieser Widerspruch Alfred E. Neuman nicht entgangen wäre? Man hätte ihn besser zum Direktor des Instituts für Zeitgeschichte der LMU gemacht.

» wirsching@ifz-muenchen.de

(Spürnase: Vorwien1683)