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Henri-Nannen-Preis vs. Zeit-Artikel

Hartz IVDer ehemalige Focus Chefredakteur Helmut Markwort schreibt in seinem wöchentlichen Tagebuch im Focus über den Henri-Nannen-Preis, welcher dem Spiegel Redakteur René Pfister für den Artikel „Am Stellpult“ zuerkannt und dann wieder aberkannt wurde. Der Tagebuchartikel erlaubt tiefe Einblicke in die interne Diskussion zur Preisverleihung und zeigt, dass schon im Vorfeld vier Jurymitglieder den Artikel von Christian Schüle „Kein Bock“ in der Zeit favorisierten.

(Gastbeitrag von GrundGesetzWatch)

Der Zeitartikel über jugendliche Arbeitsverweigerer hat es wirklich in sich. Ich bitte die Leser, die journalistische Qualität von dem oben verlinkten Spiegel– und Zeitbeitrag zum Henri-Nannen-Preis zu vergleichen und sich ein eigenes Bild von den beiden (nicht-)preisgekrönten Artikeln zu machen.

Gnadenlos wird analysiert, warum beim Projekt U25 jugendliche Arbeitsverweigerung schöngeredet wird und eine gigantische Industrie besteht, in der allein zu einem Termin mit dem jugendlichen Arbeitsverweigerer vier Mitarbeiter zur Besprechung anwesend sind und weitere vier im Hintergrund eingebunden sind. Es ist eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Verwaltung. Die zahlreichen Gutmenschen unter ihnen reden es schön, kürzen HartzIV aber extrem selten auf Null, obwohl die angebotenen Essensgutscheine nicht einmal abgeholt werden.

Auszüge aus dem Artikel:

Marcel hat seit dem Ende seiner Schulpflicht 2008 sieben Eingliederungsvereinbarungen unterschrieben. Sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat er noch nie. …

Vier Angestellte des Staates warten im Besprechungsraum des Sozialbürgerhauses München/Milbertshofen-Am Hart auf Felix Bischoff, weil es heute um seine Zukunft geht: seine Arbeitsvermittlerin U25 (Unter 25), sein Leistungssachbearbeiter, seine Bezirkssozialarbeiterin und seine Betreuerin aus dem U25-Arbeitsmarktprogramm Ganzil (Ganzheitliche Integrationsleistung) der Deutschen Angestelltenakademie, die dann eingeschaltet wird, wenn die Arbeitsvermittler nicht mehr weiterwissen. …

Die Verwaltungsoberinspektorin Susan Raeke erzählt, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich noch kein einziger Jugendlicher, dessen HartzIV-Hilfe auf Null gesetzt wurde, jemals die Essensgutscheine abgeholt hat und redet von einem Sozialhilfe-Adel.

Tja, sagt die Verwaltungsoberinspektorin und macht eine überraschend lange Pause. „Wenn es denen egal ist, ob sie gekürzt werden, was willste da noch machen?“ Die Realität hat Susan Raecke Ernüchterung gelehrt. …

Aus ihrer Sicht ist der von einigen Mitarbeitern des Sozialbürgerhauses sogenannte Sozialhilfe-Adel das größte Problem des deutschen Sozialstaats – vererbte Hartz-IV-Karrieren, ein Teufelskreis: Hartzer, wie manche Kunden sich selbst nennen, die Kinder von Hartzern sind und deren Kinder wiederum Gefahr laufen, zum Hartzer zu werden. …

In dem Artikel wird berichtet, dass bis zu acht Mitarbeiter des Sozialbürgerhauses versuchen, einen einzigen Kunden in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Pro Kopf der drei Arbeitsvermittlerinnen des „U25-Projekts“ werden durchschnittlich vier Jugendliche monatlich in den Arbeitsmarkt oder ein Ausbildungsverhältnis integriert.

Die Arbeitsvermittlerin Petra Schneider:

Meine Kunden sind mit ihrem Leben bestraft genug, warum soll ich sie also durch Kürzung noch weiter bestrafen? Mehr noch: Kürzt man dem Kunden den Bezug, geht er dem Staat verloren, weil das bisschen aufgebaute Struktur zerschlagen wird und der Jugendliche sich das Geld woanders besorgt, als Dealer, Stricher, Schwarzarbeiter oder Dieb.

Arge-Chef Johannes Wastian

An den harten Kern der Unwilligen kommt man nicht ran«, sagt der Arge-Chef Johannes Wastian. Er schätzt, dass fünf bis zehn Prozent der zurzeit 149 arbeitslosen und 96 arbeitssuchenden Jugendlichen in seinem Bezirk zu diesem harten Kern gehören. Andere in seinem Haus glauben, dass es mehr sind, bis zu 40 Prozent. Genau weiß es aber niemand.

Das Postskriptum hat es in sich:

1. Marcel Meyers Arbeitsvermittlerin Petra Schneider sitzt jetzt selbst beim Arbeitsvermittler. Ihr Vertrag wurde nicht verlängert. Sie ist jetzt eine Nummer mit Datensatz. Status: arbeitssuchend.

2. Bis Ende kommenden Jahres wird der Staat eine beträchtliche Anzahl seiner Arbeitsvermittler und Leistungssachbearbeiter im Sozialbürgerhaus vier entlassen haben und dafür neue einstellen, wiederum befristet.

Ein absolut lesenswerter Artikel, wie man ihn von der linken Zeit nicht gewohnt ist. PI half sicher mit, der Wirklichkeit in die Augen zu schauen und sie nicht weiterhin zum Tabu zu erklären.