1

Christian Jung zu Jörg Lau und dessen Dschihad

ZEIT-Autor Jörg Lau hat auf die Video-Stellungnahme des bayerischen Landesvorsitzenden der FREIHEIT, Christian Jung (Foto), mit einem weiteren Kommentar geantwortet. Auf diesen geht nun Jung ein, der seinen Vorwurf erneuert, es habe die von Lau postulierte offene Debatte zu Integration und Islam im Falle Sarrazin gar nicht gegeben.

Hier Jungs Entgegnung:


Der von mir kritisierte und von Lau auf Geert Wilders gemünzte Begriff der „blonden Bestie“ wird von dem Journalisten nun zum Witz erklärt. Man möchte Lau fast glauben, dass er anerkennenswert selbstkritisch einräumt, der Witz sei wegen des augenscheinlichen Erklärungsbedarfs kein guter gewesen. Aber die Art wie er die Kritik am Islam – die er aus propagandistischen Gründen reflexhaft rechtspopulistisch nennt – missversteht, ja offensichtlich missverstehen will, nährt Zweifel an einer offenen Auseinandersetzung und damit an der Selbstkritik. Dazu trägt auch bei, wie er auf den aus seiner Sicht falsch verwandten Artikel (der) zu Dschihad eingeht. Ein wenig oberlehrerhaft ersetzt er diesen durch den Artikel „das“, da es sich beim Dschihad um das (!) Machtstreben handele. Doch damit begeht Lau nicht seinen letzten Fehler.

Aber vor allem vermisst man bei Lau das Eingehen auf einen der hauptsächlichen Vorwürfe. Nämlich den auf seine ursprüngliche falschen Behauptung der „offenen Debatte quer durch die Parteien“, die ich anhand der ganz und gar nicht offenen „Sarrazin-Debatte“ widerlegte.

Doch zunächst ist es richtig, dass ich den „Witz“ nicht erkannt habe. Man kann nun lange darüber spekulieren, ob es für mich mit der von Lau nun für besser gehaltenen Formulierung „blondierte Bestie“ leichter gewesen wäre. Das bezweifle ich, da ich mit großer Wahrscheinlichkeit auch dann nicht die Brücken geschlagen hätte, die Lau mit dem Nietzsche-Zitat und der Islamkritik verbindet. Der „Zeit“-Blogger unterstellt den Islamkritikern eine heimliche Bewunderung für „Muslime“ zu haben, da die aus Sicht der „Rechtspopulisten“ so wunderbar moralfrei zur Mordtat schritten. Darauf wäre ich – bei aller Leidenschaft für Assoziationsketten – tatsächlich wohl kaum gekommen.

Die Islamisierung unserer europäischen Gesellschaften wird von den Islamkritikern nicht deswegen aufgezeigt und zu verhindern versucht, weil ein heimlicher Neid auf die Gewaltbereitschaft der Schariahörigen besteht. Vielmehr steht diese unseren Werten des freien und selbstverantworteten Menschen entgegen. Wir sehen Gefahren, weil wir erkennen wie unsere unter vielen Opfern, mehrere Revolutionen und Millionen von Toten erkämpften und uns wohl allzu leicht (zumindest den „Wessis“) vererbten Werten und Freiheiten für obsolet erklärt werden. Dies geschieht unter der Prämisse des „Verständnisses“ für fremde Kulturen. Oder aber gar aus der irrigen Annahme heraus, innerhalb einer freien Gesellschaft könnten die Werte einer totalitären Ideologie mit denen des Westens als gleichwertig anerkannt werden.

Wir nennen dies Kulturrelativismus. Doch wenn wir diesen kritisieren und die Kultur des freien Westens, in die viele der Gotteskrieger – angeblich oder tatsächlich – zum Schutz und zur besseren Lebensführung geflüchtet sind, für besser halten, so wird uns dies als Überlegenheitswahn ausgelegt. Doch heimlich – so analysiert Lau – seien wir neidisch auf die Nichtbefolgung unserer Werte.

Wer aber Gewalt ausüben will oder eine heimliche Sehnsucht danach hat, muss nicht neidvoll auf die Krieger Allahs blicken. Wollte ich so ganz ohne moralische Skrupel gewalttätig sein, so ließe ich meinen roten Bart sprießen, häkelte mir ein Käppchen, zöge ein Kaftan an und predigte neben der Einführung der Scharia in Neukölln die (im Sinne des Westens) moralfreie Gewalt, auf die Geert Wilders, ich und andere nach der Ferndiagnose des Jörg Lau so sehnsüchtig blicken.

Diesen Fehler der Projektion führt er fort, wenn er eine völlig und sein ganzes Unverständnis offen legende „Analyse“ für die Abneigung von Gutmenchen durch Islamkritiker anbietet. Letztere attackieren, anders als Lau glaubt, keine abendländisch-christlichen Gutmenchen. Gerade weil diese nicht abendländisch sind, werden sie kritisiert. Gutmenschen sind moralamorphe Gesellen, die alles als gleichwertig zu den westlichen Errungenschaften sehen und diese dadurch abschaffen. So ist der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hassemer ein Gutmensch, weil er bei „Ehren“morden im Falle des „richtigen“ kulturellen Hintergrundes einen unvermeidlichen Verbotsirrtums geprüft wissen will. Nicht Hassemers christlich-abendländische Wertehaltung trägt ihm Kritik ein, sondern die Abwesenheit dieser!

Insofern glauben Islamkritiker nicht wie von Lau unterstellt, der Westen werde wegen seiner „Bedenkenträgerei (Rechtsstaat)“ untergehen, sondern das Gegenteil ist richtig. Der Westen droht aus unserer Sicht an seiner Gedankenlosigkeit und seinem mangelndem Willen zur Verteidigung des Rechtsstaates unterzugehen.

Laus Vermutungen ließen sich ja noch ertragen, wenn sie nicht von (weiteren) Logikbrüchen begleitet würden. So soll ich in meiner Video-Stellungnahme Lau nach seiner Lesart in seiner Zuschreibung bestätigen. Und dies pikanterweise, weil ich darin anmerke, dass Laus Hinweis auf die von ihm ins Feld geführte Abwendung vom Dschihad der Ahmadiyya im Umkehrschluss hieße, dass der (!) Dschihad damit ansonsten zum Islam dazu gehört. Nachdem mich Lau zitiert, fügt er einen Gedankengang an, den er als Folge meiner Feststellung wohl bei mir vermutet. Der Zeit-Blogger unterstellt mir die Gedanken: „Die wissen noch wie man kämpft! Die sind durch nichts in ihrem Welteroberungsplan abzubringen!“

(Wenn Jörg Lau übrigens die Frage stellt, ob es zulässig sei, gegen die Ahmadiyya zu protestieren auch wenn sich diese vom Dschihad losgesagt haben, möchte ich dies in die Beurteilng Jörg Laus stellen. Wenn er meint, Protest gegen den Papst sei unzulässig, weil der keinen Dschihad propagiert, so will ich das zur Kenntnis nehmen. Ich darf aber darauf hinweisen, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht die hervorstechenste Eigenschaft der Ahmadiyya ist. Und für sonderlich tolerant halte ich eine Relgionsgemeinschaft, die wegen des angeblich schwul machenden Effekts von Schweinefleischverzehr warnt, auch nicht. Stützen einer pluralistischen Gesellschaft sehen anders aus!)

Da ich also feststelle, dass Jörg Lau in seinem Ausgangsartikel – wenn vielleicht auch nicht ganz bewusst – klar macht, dass der Islam eine Politikreligion ist zu der der Dschihad dazu gehört, beneide ich Muhammat Atta und seine 18 Mittäter vom 11. September 2001 um ihre knapp 3.000 Morde. Es ist keine zwingende Argumentation, derjenige sei eine „blonde Bestie“, der feststellt, dass der Dschihad zum Islam gehört, sondern ein absonderliches im luftleeren Raum schwebendes Konstrukt. Aber diesen Versuch kennt man seit des Kaisers neue Kleider. Wer die Friedlichkeit des Islams nicht erkennt, ist ein „Rechtspopulist“ oder eben eine „blonde Bestie“.

Doch Lau fällt in Bezug schon im nächsten Satz in seine eigene Grube. Denn dort fragt er, wer denn ernsthaft bestreiten möchte, dass der Dschihad zum Islam gehöre. Nach seiner eigenen Herleitung müsste er so selbst eine „blonde Bestie“ sein. Zum Dschihad sei noch darauf hingewiesen, dass der Dschihad laut Duden einen männlichen Artikel hat und nicht wie von Lau behauptet einen sächlichen. Dort heißt es: „Dschihad [arab.] der: der Heilige Krieg der Mohammedaner zur Verteidigung und Ausbreitung des Islams“. Das liest sich doch ganz anders als Laus („das“) Machtsstreben.

Laus Fragen, wie der Dschihad zum „Islam“ gehört und ob er der unwandelbare Kern des „Islam“ sei, ist aus folgendem Grund schwer zu beantworten: Lau versieht den Islam hier mit Anführungszeichen, was es mir schwer macht, die Ernsthaftigkeit der Fragen einzuschätzen. Ob er damit sagen will, dass es „den“ Islam nicht gibt? („Den“ Islam gibt es bekanntlich nur, wenn es um seine friedlichen Aspekte geht, und wenn „der“ Islam angeblich „Frieden“ bedeutet.)

Ohne Anführungszeichen beim Islam möchte ich lediglich darauf hinweisen, dass der Koran das ungeschaffene Wort Allahs ist, ewig gültig und unabänderbar. Der Koran ruft zum Dschihad an den verschiedensten Stellen auf. Eine Aufklärung, der eine kritische und zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem heiligen Buch des Islams möglich machte, hat es in der islamischen Welt nicht gegeben. Aufklärerische Ansätze wurden durch Al-Ghazali beendet und fanden seither nicht mehr statt. Das Christentum erlebte in großen Teilen eine Rückbesinnung auf das was Jesus wirklich tat und sagte und dabei (Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“) eine immer stärkere Trennung zwischen Staat und Kirche. Die Taten und Aussprüche Mohammeds unterscheiden sich diametral von denen Jesu. Die Aufklärung in Europa wurde nur durch eine zum Teil äußerst heftige Kritik an religiösen Dogmen ermöglicht.

Daher kann ich Laus Frage nicht in ihrer Endgültigkeit beantworten. Ich kann auch nicht vorhersagen, ob zum Beispiel Hamed Abdel-Samads Forderung nach einem postkoranischen Diskurs wirklich eine Chance hat. Aber – so viel Offenheit muss sein – ich bin mehr als skeptisch.

Eine Anmerkung zum Schluss: Es ist schön, dass das Blog der „Zeit“ gemäß Lau zur Unterstützung eines iranischen Dissidenten entstanden ist. Dieser Hinweis brachte mich deshalb zum Lächeln, weil ich den gut eine Woche alten Kommentar Jörg Laus leider erst gestern über mein Smart-Phone las, während mein Tischgenosse mit einem Telefonat beschäftigt war. Als wir beide uns wieder unserem Gespräch in einer schönen Münchner Gastwirtschaft im Schatten der Frauenkirche widmeten, erzählte mir mein Konversationspartner weiter die Geschichte seiner Flucht aus dem Iran, wo er seine Bücher nicht mehr veröffentlichen konnte. Wir haben dann auch aufgrund unserer kritischen Sicht auf den Islam gemeinsame Aktionen besprochen und heftig diskutiert. Die Freiheit, Herr Lau, wird nicht untergehen! Aber der Preis der Freiheit, ist immer währende Wachsamkeit. Und dazu gehört die Kritik – auch und gerade an einem religiösen Dogma. Auf dass unsere Kinder und Enkel nicht eines Tages in einem fremden Land die Geschichte ihrer Flucht erzählen müssen.