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Martin Luther: die Deutschen, die vollen Säue…

Als die Türken im Jahre 1529 Wien belagert hatten, aber schon wieder abgezogen waren, schrieb Luther gegen Ende des Jahres die „Heerpredigt wider den Türken“. Bereits am 3. Januar 1530 erschien die zweite Auflage. Luther, dem wir die Entwicklung des Neuhochdeutschen wesentlich zu verdanken haben, schreibt deutlich. Hätte er den politkorrekten Stuß, der heute als deutsche Sprache verbrochen wird, lesen müssen, hätte er sich wohl jeden Morgen erst mal erbrochen.

Der Text besteht aus zwei Teilen. Im ersten beschreibt er die Gotteslästerung und Ungerechtigkeit der Türken gegen die Christen und beweist, daß diejenigen als fromme Märtyrer zu betrachten seien, welche im Kriege gegen die Türken umkommen. Im zweiten zeigt er, daß Vornehme und Geringe mit ihren Sünden und Lastern die Strafe des Krieges verdient haben; ermahnt dabei aber zur Tapferkeit und zum Kriegsdienst, nicht als christliches Heer, sondern unter dem jeweiligen Landesherrn, warnt vor dem Abfall zum Islam und drängt immer wieder darauf, man solle Christus treu bleiben.

Und er tröstet diejenigen, die von den Türken versklavt wurden. Sie sollen nicht fliehen, sondern ihr Schicksal annehmen. Sie sollten sich von den Türken, ihrem Gebet und ihren Geistlichen in der Moschee, der Vielweiberei etc. nicht täuschen lassen, das seien alles Äußerlichkeiten. Wer zu Christus halte, komme in den Himmel. Immer wieder sind auch Seitenhiebe gegen den Papst drin, den er für gleich schlimm hält wie die Türken. Hier ein paar wenige übersetzte Sätze daraus als Kostproben:

Und ich kenne doch bestens meine lieben Deutschen, die vollen Säue. Die sollen sich jetzt wieder, wie sie es immer tun, ruhig hinsetzen und wohlgemut in aller Sicherheit zechen und es sich gut gehen lassen. Und sie glauben, sie brauchen die große Gnade, die ihnen erzeigt worden ist, gar nicht; sondern sie vergessen das mit aller Undankbarkeit, und sie denken: Ha! Der Türke ist nun weg und geflohen, was sollen wir viel sorgen und unnützes Geld ausgeben? Er kommt vielleicht nimmermehr wieder. Diese Leute haben eine gerechte Strafe von Gott redlich verdient. (Teil I, 5)

Kaum waren also die Türken geschlagen, fielen die Leute leider in den alten Trott zurück, als ob nichts gewesen wäre.

Aber Mohammeds Schwert und das Reich des Türken ist stracks wider Christus gerichtet, als hätte der Türke sonst nichts zu tun und könne sein Schwert für nichts besser gebrauchen, als wider Christus zu lästern und zu streiten, wie denn auch sein Koran und die Tat dazu beweisen.
Danach kann nun jeder sein Gewissen richten und sich versichern, wenn er zum Kampf gegen den Türken gefordert wird, wie er denken und sich verhalten soll. Er braucht nämlich keinen Zweifel haben. Wer gegen den Türken (wenn der den Krieg anfängt,) kämpft, der kämpft gegen Gottes Feind und die Lästerer von Christus, ja, er kämpft gegen den Teufel selbst. Er muß sich also keine Sorgen machen, wenn er etwa einen Türken erwürgt, dass er unschuldiges Blut vergieße oder einen Christen [gemeint sind übergetreten Christen im türkischen Heer] erwürge, sondern gewiß erwürgt er einen Feind Gottes und Lästerer Christ… (Teil I, 70/71)

Luther will die Leute aber bei der Stange halten. Er befürchtet eine Rückkehr der Türken:

Sperrst du dich aber, und willst nichts [für den Krieg] geben, noch daran teilnehmen; wohlan, dann wird dir der Türke das schon noch beibringen, wenn er ins Land kommt. Und er macht mit dir das, was er gerade vor Wien getan hat. Er fordert von dir nämlich keine Steuern und keinen Heeresdienst. Nein, er steckt dir Haus und Hof an, nimmt dir Vieh und Futter, Geld und Gut, sticht dich zu Tode (dann hast du noch Glück), schändet oder erwürgt dein Weib und deine Töchter vor deinen Augen, zerhackt deine Kinder und spiesst sie auf deinen Gartenzaun. Und du mußt das, was das Ärgste ist, alles erleiden und sehen mit bösem, verzagtem Gewissen, als ein verdammter Unchrist, der Gott und seiner Obrigkeit ungehorsam gewesen ist.
Oder der Türke führt dich weg in die Türkei, verkauft dich daselbst wie einen Hund, daß du dein Leben lang musst um ein Stück Brot und Trunk Wasser dienen, in stetiger Arbeit, Tag und Nacht, mit Ruten und Knütteln getrieben, und du verdienst dennoch keinen Lohn oder Dank. (Teil II, 9/10)

Dies quasi als Sonntagspredigt heute! Texte, Einleitung und Übersetzung sind auf einer dänischen Seite: Hier Teil I, und da der Teil II! Die Dänen haben tollerweise noch viel mehr von Luther online gestellt. Im Internet finden sich ab und zu auch echte Perlen!