- PI-NEWS - https://www.pi-news.net -

Der halbe Weihnachtsbaum

Als mein Vater nach fünf Jahren Krieg und Gefangenschaft nach Hause kam, war er 24 Jahre alt. Das Elternhaus stand noch unversehrt und seine Eltern lebten.

(Eine Weihnachtsgeschichte von Westerby)

Mein Vater hatte Glück gehabt. Malaria auf der Krim. 40 Grad Fieber. Schüttelfrost trotz Militärmantel und 43 Grad Hitze im Schatten. Das reichte selbst im Krieg für einen Rücktransport in die Heimat. Für einen Aufenthalt im Lazarett in Frankreich. Anschließend Westfront und amerikanische Gefangenschaft.

Als er aus der Gefangenschaft entlassen wurde, hatte er einen amerikanischen Seesack und 16 Päckchen mit amerikanischem Tabak bei sich. Das war alles, war er in fünf Jahren verdient hatte.

Aber er war gesund und unversehrt.

Auch einer seiner Brüder war aus dem Krieg unversehrt zurückgekehrt. Andere Brüder nicht. Stattdessen Briefe. Gefallen auf dem Felde der Ehre. Vermisst an der Ostfront.

Mein Vater und sein Bruder tauschten den Tabak gegen Getreide. Aus dem Getreide brannten sie Schnaps. Korn. Sehr gute Qualität. Den Schnaps tauschten sie auf Hamsterfahrten gegen Lebensmittel. Getreide, Kartoffeln, Speck. Sie überlebten. Mein Vater konnte heiraten und eine Familie gründen.

Wir sind in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Die erste Wohnung hatte dreieinhalb Zimmer. Das Wohnzimmer war in der ersten Zeit völlig leer. Ohne Möbel. Lediglich ein Kohleofen stand dort. Wir Kinder spielten und sangen gerne in dem leeren Zimmer, weil es dort so schön hallte.

An jenem Weihnachtsfest arbeitete man noch fünfeinhalb Tage die Woche.

Mein Vater hatte Samstag Mittag Feierabend. Heiligabend. An diesem Tag gab es Weihnachtsgeld. Meine Mutter wartete an der Firma auf meinen Vater, um mit dem Weihnachtsgeld noch schnell Weihnachtsgeschenke für uns Kinder zu kaufen.

Als mein Vater an diesem Heiligabend von der Arbeit nach Hause kam, zog er sich schnell um und ging sofort los, um einen Weihnachtsbaum zu kaufen.

Der Markt war bereits geschlossen. Die Verkaufsstände schon abgeräumt. Weder hier noch anderswo gab es noch Weihnachtsbäume zu kaufen. Die öffentlichen Verkehrsmittel hatten ihren Betrieb eingestellt.

Mein Vater ging mit leeren Händen die kilometerlange und teilweise steile Straße zurück nach Hause. Ein LKW, beladen mit Tannenbäumen und Tannengrün, fuhr die Straße rauf. Während der LKW-Fahrer beim Hinauffahren des Berges an einer Steigung in einen anderen Gang schaltete, fiel ein Tannenbaum vom Laster auf die Straße. Der Fahrer hatte nichts bemerkt und fuhr weiter.

Mein Vater rannte zu der Stelle, an der der LKW den Tannenbaum verloren hatte, und schnappte sich den Baum. Er zündete sich eine Zigarette an und dachte daran, dass niemals irgend jemand ihm diese Geschichte glauben würde.

Auf dem Heimweg, mit dem Tannenbaum im Arm, rief ihm plötzlich jemand zu: „Hallo. Warten Sie. Einen Moment bitte. Woher haben Sie den Baum. Bleiben Sie stehen.“ Ein Mann rannte hinter ihm die Straße hinauf.

Mein Vater nahm den Baum und rannte sicherheitshalber ebenfalls los, gab den Wettlauf nach einer Weile aber auf. Der andere Mann war ohne Baum schneller.

Der Fremde fragte meinen Vater völlig außer Atem, wo er den Weihnachtsbaum noch bekommen habe. Er habe überall gesucht, aber nirgends mehr einen Baum gefunden.

Beide beratschlagten bei einer gemeinsamen Zigarette die Situation. Der Mann fragte meinen Vater, ob er ihm wenigstens einige Zweige seines Tannenbaums abtreten könne. Es sei undenkbar, dass er ohne Weihnachtsbaum und ohne Tannenzweige nach Hause komme.

An einer Kreuzung in der Nähe war eine Tankstelle, die noch geöffnet hatte. Der Tankwart hatte Werkzeug.

Die drei Männer machten sich daran, den Weihnachtsbaum meines Vaters der Länge nach in zwei Hälften zu teilen. Der Tankwart hatte offenbar auch alkoholische Getränke im Angebot. Ob er sie verkauft oder spendiert hat, weiss ich nicht mehr.

Als mein Vater mit dem halben Weihnachtsbaum nach Hause kam, staunten wir nicht schlecht. Den ganzen Abend mußte er die Geschichte wieder und wieder erzählen. Meine Mutter lobte meinen Vater und auch wir Kinder waren irgendwie stolz auf ihn.

Mein Vater stellte den halben Weihnachtsbaum in einer Ecke unseres Wohnzimmers auf. In diesem Jahr brauchte er noch länger als sonst für den Aufbau und für das Schmücken des Baums. Wir hatten silbernes Lametta und echte Kerzen.

Mein Vater las die Weihnachtsgeschichte vor:

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen,
und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.

Siehe, ich verkündige Euch eine große Freude,
die allem Volk widerfahren wird.

Euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr.

Und alsbald war bei dem Engel die Menge der himmlischen Herrscharen, die lobten Gott und sprachen:

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen.

Und der halbe Weihnachtsbaum glitzerte und strahlte bei der Bescherung, als wäre er ein ganzer Weihnachtsbaum.

Beitrag teilen:
[1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8]
[9] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8]