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Deutschland und seine Führer

Aktueller Spiegel-Titel 51/2011Wer den Eiertanz verfolgt hat, der uns in den letzten Tagen von unserem Staatsoberhaupt, dem Bundespräsidenten Wulff, vorgetanzt wurde und immer noch getanzt wird, kann kaum noch mit dem Kopf schütteln, man kann das Ganze nur noch als ekelhaft empfinden. Der Mensch, der, zurecht oder nicht sei dahingestellt, vom Bundespräsidenten Johannes Rau lautstark wegen der Flug-Affäre im Jahr 2000 den Rücktritt forderte, ohne sich im Geringsten darum zu scheren, ob er das Amt des Staatsoberhauptes beschädigt, dieser Mensch hat ein paar Jahre später eindeutig als Ministerpräsident gegen das niedersächsische Ministergesetz verstoßen, indem er das Geschenk eines Freundes annahm, der ihm durch seine Frau einen Kredit in Höhe von 500.000 Euro verbilligt geben ließ.

(Von felixhenn)

Moralisch ist dieser Mensch also erledigt und als Bundespräsident nicht tragbar, zumal er auch noch den niedersächsischen Landtag angelogen hat. Eine Zeugenaussage bedeutet nämlich nicht nur, die Fragen zu beantworten, es darf auch nichts verschwiegen werden, was mit dem Fall zu tun hat. Und dass die Frau Geerkens etwas mit ihrem Mann zu tun hat, ist ja wohl offensichtlich. Als Anwalt sollte Wulff das wissen. Entweder war Wulff so blauäugig, dass ihm nicht klar war, dass eine Ex-Verkäuferin wohl kaum 500.000 Euro besitzt, um sie ihm verbilligt zu leihen, auch wenn sie mit einem reichen Mann verheiratet ist, oder aber er hat bewusst gelogen. Beides disqualifiziert ihn für jedes öffentliche Amt und ganz besonders für das des Bundespräsidenten. Ein Bundespräsident hat auch Vorbildfunktion.

Selbst wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass Bettina Wulff im Rotlichtmilieu tätig war und für Artemis gearbeitet hat, was merkwürdigerweise lange im Internet kursiert und trotz voller Namensnennung des Autors nicht von irgendwelchen staatlichen Stellen entfernt wurde, wird das wohl kaum rechtlichen Einfluss auf den Ehemann haben. Mir ist jedenfalls kein Gesetz bekannt, das einer ehemaligen Prostituierten verbietet, die Frau des Präsidenten zu sein. Das würde ihn nur moralisch belasten. Im Fall seiner Aussage vor dem Landtag hat er jedoch gegen das Gesetz verstoßen.

Warum schützt aber Bundeskanzlerin Merkel den Wulff? Sie hat ihn zum Präsidenten gemacht um einen eventuellen Konkurrenten für das Kanzleramt weg zu haben. Jetzt ist der aber ein zahnloser Tiger und für keinen eine Gefahr mehr, könnte also abgeschossen werden. Dass Merkel Demokratie und Meinung des Volkes völlig wurscht sind, hat sie in letzter Zeit fast täglich gezeigt, ob es sich dabei ums Ausland oder Inland handelt. Das Volk will weder Euro noch irgendwelche Rettungsschirme und auch keine Bonds oder eine europäische Wirtschaftsregierung, aber das Volk interessiert eben nicht und wird auch nicht gefragt. Alte Gewohnheiten aus der DDR-Zeit wird man eben nie los.

Jetzt könnte man denken, dass der Grund für den Schutz des Lügenpräsidenten die hauchdünne Mehrheit in der Bundesversammlung ist, die übrigens schon beim letzten Mal nicht von Wulff überzeugt war, sonst hätte er nicht drei Wahlgänge gebraucht. Ich denke jedoch, dass der wahre Grund der Nachfolger ist. Wer sollte das auch sein, nachdem Merkel in ihrer Machtgeilheit nahezu alles Brauchbare eliminiert hat? Schäuble? Der wird als Jasager gebraucht, so leicht findet sich kein ähnlich pflegeleichter Wendehals fürs Finanzministerium. Wenn es also keinen echten Nachfolger gibt, könnte ja Gauck nochmal auf die Idee kommen und sich für eine Kandidatur anmelden lassen. Das würde dann das sichere Ende der Ära Merkel einleiten.

Da wir kurz vor Weihnachten stehen, mal etwas zum Nachdenken von Erich Kästner, dessen Bücher, außer „Emil und die Detektive“, von den Nazis 1933 verbrannt wurden, während er daneben stand.

Hier also Freund Erich:

Das Führerproblem, genetisch betrachtet

Als Gott am ersten Wochenende
die Welt besah, und siehe, sie war gut,
da rieb er sich vergnügt die Hände.
Ihn packte eine Art von Übermut.
Er blickte stolz auf seine Erde
und sah Tuberkeln, Standard Oil und Waffen.
Da kam aus Deutschland die Beschwerde:
»Du hast versäumt, uns Führer zu erschaffen!«
Gott war bestürzt. Man kann’s verstehn.
»Mein liebes deutsches Volk«, schrieb er zurück,
»es muß halt ohne Führer gehn.
Die Schöpfung ist vorbei. Grüß Gott. Viel Glück.«
Nun standen wir mit Ohne da,
der Weltgeschichte freundlichst überlassen.
Und: Alles, was seitdem geschah,
ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen.

Das trifft wohl leider immer noch zu. Nach Helmut Schmidt, der gerade dabei ist seinen eigenen Ruf zu zerstören, gab es wohl nichts Brauchbares mehr in diesem unserem Lande (sollte jetzt jemand an Kohl gedacht haben, war das beabsichtigt). Und wenn wir uns einmal die Parteien anschauen, die sich immer mehr angleichen und bei denen nur noch marginale Unterschiede zu erkennen sind, fällt einem schon wieder Erich Kästner ein:

Die deutsche Einheitspartei

Als die Extreme zusammenstießen,
begriff Max Müller, wie nötig er sei.
Und er gründete die Partei
aller Menschen, die Müller hießen.
Müller liebte alle Klassen.
Politische Meinungen hatte er keine.
Wichtig war ihm nur das eine:
Sämtliche Müllers zusammenzufassen.
Seinem Aufruf entströmte Kraft.
»Wir verteidigen«, schrieb er entschieden,
»Rück- und Fortschritt, Krieg und Frieden,
Arbeitgeber und Arbeiterschaft.
Freier Handel und Hochschutzzoll
haben unsere Sympathie.
Republik und Monarchie
sind die Staatsform, die herrschen soll!«
Alle Müllers traten ihm bei.
Und die andern kamen in Haufen,
ließen sich eiligst Müller taufen
und verstärkten die neue Partei.
Und sie wuchs, trotz vieler Brüller.
Kurzerhand ging sie in Führung.
In der nächsten Reichsregierung
hießen zehn Minister Müller.
Diese Müllermehrheit wies
alle aus, die anders hießen
und sich nicht rasch taufen ließen.
Bis ganz Deutschland Müller hieß!
Von Memel bis zum Rande des Rheins
feierten nun die Deutschen Versöhnung.
Im alten Aachen gab’s Kaiserkrönung.
Und der Kaiser hieß: Müller Eins.
Festlich krachten Kanonen und Böller.
Doch das Glück war bald vorbei.
Denn am Tag darauf kam Möller,
und es entstand eine Gegenpartei.

Allerdings werden wir wohl auf einen Möller lange warten müssen, unsere Müllerin I wird den zu verhindern wissen. Warten wir also mal ab, was das nächste Jahr so bringt.

Schön wäre: Gauck als Bundespräsident, eine Regierung aus echten Experten gebildet, den unseligen Euro-Unsinn endlich beenden, Barroso für die nächste Mond- oder Marslandung vorbereiten und dann dort lassen, Wilders Regierungschef in den Niederlanden, alle Papas (Papademos, Papadopoulos usw.) in Griechenland zum Teufel jagen und Mama Merkel gleich mit.

Schlecht ist (und wird leider kommen): Wulff lügt weiter, Dilettanten bleiben an der Macht, der Euro wird uns ruinieren, Barroso arbeitet weiter am sozialistischen Europa, Sarkozy wird sich auch diesmal wieder durchlügen, die Papas zocken uns weiter ab und Mama macht mit und grinst dabei.

Und zum Schluss nochmal Erich Kästner:

Wird’s besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!

Manchmal hilft eben nur noch Fatalismus.

(Bild oben: Aktueller Spiegel-Titel 51/2011)