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Das Hamburger Abendblatt und sein roter Faden

Halima KrausenAm 6. August 2011 startete das Hamburger Abendblatt eine neue Serie – eine ganze Seite, jeden Sonnabend unter dem Titel „Der rote Faden“. Henning Voscherau, von 1988 bis 1997 Erster Bürgermeister der Hansestadt, nahm den Faden als Erster auf.

(Von Alster, PI-Hamburg)

Jedes mal heißt es:

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, die Besonderes für Hamburg leisten, die als Vorbilder gelten.

Eigentlich eine nette Idee. Es folgten u.a. die Gründerin der Hamburger Tafel, eine bekannte Schwimmerin, der Geschäftsfüher vom Tierpark Hagenbeck, ein Chefarzt, ein junger Rabbiner, ein HSV-Fußballprofi – doch dann in der 17. Folge kam „Blümchen“ Jasmin Wagner. Sie gab den roten Faden an Vural Öger weiter: „Er ist einer der spannendsten Unternehmer Hamburgs. Ich finde sein Lebenswerk beeindruckend, und wir teilen ein Faible für Granatäpfel.“

Ab jetzt vertüddelte sich der Faden: Öger reichte den roten Faden an Theo Sommer weiter, den ehemaligen Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Theo Sommer reichte ihn dann an Sonja Lahnstein-Kandel weiter, eine Kämpferin für Toleranz und gegen Rechtsradikalismus. Sonja Lahnstein reichte den Faden weiter an den Thalia-Intendanten Joachim Lux. Dieser reichte ihn weiter an Professor Wolfram Weiße, Direktor der Akademie der Weltreligionen, mit dem er in Vorbereitung der „Nacht der Weltreligionen“ während der Lessing-Tage viele Gespräche geführt hat. Wolfram Weiße setzt sich für den Dialog zwischen den unterschiedlichen Glaubensrichtungen ein. Er reichte den roten Faden weiter an Halima Krausen (Foto oben), Imamin in Hamburg, weil er ihr Engagement für eine interreligiöse Verständigung in Hamburg und ihren Humor sehr schätzt.

Halima Krausen reichte den inzwischen tiefrot verknoteten Faden weiter an Dr. Andreas Hieronymus vom Institut für Migrations- und Rassismusforschung (iMiR), „weil ich sein vielfältiges Engagement gegen Diskriminierung schätze“.

In der 23. Folge also die Imamin Halima Krausen, die laut dem Hamburger Abendblatt „…besonderes für Hamburg leistet, die als Vorbild gilt“, und weil Prof. Wolfram Weiße, der „Brückenbauer zwischen den Göttern“, ihren Humor sehr schätzt.
Krausen erzählt Hans-Juergen Fink vom Hamburger Abendblatt, dass sie schon mit 13 Jahren wusste, dass ihr richtiger Gott der Fürchtegott Allah sein musste, obwohl oder weil sie aus einem katholisch/evangelischen Elternhaus kam: „Was mir vorschwebte, war, dass es einen Gott gibt und dass der gerecht und barmherzig ist.“ Ihre Zweifel beschreibt sie humorig: „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst …“ lacht sie. Sie lebt monatsweise in Pakistan und in Ägypten, eine Weile in Belgien und Schweden, fünf Jahre in Dänemark und kichert (humorig): „Ich hab ’nen Migrationshintergrund, den nimmt nur keiner wahr.“

Sie studiert islamische Theologie in verschiedenen islamischen Ländern. In Hamburg wird Halima Krausen schließlich in der Imam-Ali-Moschee zur rechten Hand ihres Lehrers Imam Mehdi Razvi, und als er aufhörte, war das nur ein „Sitzplatzwechsel.“

„Imam“, erklärt sie, „ist jemand, der vorne steht – in der Regel jemand, der dieses Gebet jetzt leitet – er oder sie. Und dann ist Imam jemand, der eine Gemeinde leitet, als Lehrer, Seelsorger und Richter. Das ist eine Amtsfunktion, dafür sollte man Ahnung und studiert haben“. Was tut sie genau, wird sie gefragt. „Alles, was kompliziert ist, landet früher oder später mal auf meinem Schreibtisch“. Religiöse Streitfälle zwischen den islamischen Richtungen, zwischen den Religionen. Das geistliche Richteramt versteht sie als Mediator in persönlichen Streitfällen – „in Familien, zwischen den Generationen, Ehesachen, wo es darauf ankommt, dass da eine Lösung gefunden wird, mit der die Leute leben können“. Sie darf auch den religiösen Teil einer Eheschließung vornehmen.
Wird sie da akzeptiert? „Sagen wir mal so: Männer empfinden mich meist in einer Mutterfunktion, und in patriarchalischen Strukturen ist die Mutter ja immer die Referenzperson per se, wenn es um den Hausfrieden geht.“

Und die Imamin, die Vorbeterin? „Frauen leiten normalerweise Gebete für Frauen, das geschieht dann in der eigenen Sphäre.“ Ärgert sie es, dass Frauen nicht vorbeten dürfen, wenn Männer dabei sind? „Ich hab keinen Bock auf Herzinfarkt. Nee, im Lauf der Zeit hat sich bei mir auch ein bisschen Humor entwickelt…“

Das Hamburger Abendblatt schreibt:

Viele Fragen, die ihr ständig gestellt werden, langweilen sie. Frauen im Islam? „Boo! Da red ich nur notgedrungen drüber und wenn das Honorar stimmt. Ich bin nicht bereit, mich aufzuregen über Kopftuch oder Gesichtsschleier. Wir haben andere Probleme. Dann doch eher: Wie kann man Studienprojekte aufbauen?“… Unversöhnliches mag sie nicht; vielleicht unterscheidet sie auch deshalb zwischen den religiösen Institutionen – „die sind eher wie ’ne Firma“ – und dem persönlichen Glauben. Ihr geht es um Religion „im Sinn von Werten … Verantwortung für die Welt.“ Sie baut gern Brücken. Arbeitet in Hamburg bei der Lehrerausbildung für den gemeinsamen Religionsunterricht mit, lehrt in London mit einer Rabbinerin über die Religionsgrenzen hinweg, kreativ mit Koran- und Bibeltexten umzugehen und sie auf sich selber zu beziehen, „das geht stellenweise fast schon ins Therapeutische“ …Einfach ist er nicht, der Weg der Imamin, aber das wäre auch nicht ihr Ding „Er ist manchmal einsam – und autsch, aber es macht mir auch Spaß.“

Nun also reicht sie den roten verworrenen Faden weiter (am 14. Januar) an Dr. Andreas Hieronymus, „weil ich sein vielfältiges Engagement gegen Diskriminierung schätze“. Wir freuen uns drauf!

Mehr Hamburg – mehr Gefühl: Das ist der Plan des neuen Chefredakteurs Lars Haider, um den Sinkflug der Auflage zu stoppen. Hamburg „durchdringen wie noch nie“. Für das Regionalangebot im Internet müssen die Leser bezahlen. Das Modell ist weit davon entfernt, erfolgreich zu sein. Trotzdem will Haider daran festhalten: „Wir werden diesen Weg weitergehen. Wir werden weiterhin Bezahlinhalte im Netz anbieten, weil man den Menschen klarmachen muss: Was da ist, kann nicht kostenlos sein. Da steckt eine große Zahl von Redakteuren hinter und viel Recherche. Guten Journalismus, der – man sieht in diesen Tagen an der Wulff-Affäre – extrem wichtig ist, gibt es nicht umsonst.“ Hierzu gibt es auf der Seite einen Kommentar von Leser „Käseblatt“:

Zitat: „Hamburg durchdringen wie noch nie…“ Kommt mir bloß nicht zu nahe!

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