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Der Multikulti-Knoten

Die Multikulti-Utopie stellt in Aussicht, durch progressive Migrations- und Umvolkungspolitik die globale „Vielfalt der Kulturen“ auf den Mikrokosmos der heimischen Metropolen zu projizieren und derart für das Entertainment jener bürgerlichen Kreise zu erschließen, die sich von Erlebnisnachmittagen im Multikulti-Kiez eine wie auch immer geartete Anregung versprechen („Bereicherung“). Folglich müssen Multikultis, wollen sie ihrer Ideologie nicht die Grundlage entziehen, annehmen, daß es so „etwas“ wie Kulturen überhaupt gibt und Wörter wie „Kultur“, „Volk“ oder „Nation“ nicht für leere Begriffe stehen.

(Wie man es fertigbringt, zu verwerfen, was man voraussetzt und vorauszusetzen, was man verwirft. Eine Auseinander-Setzung ohne Anspruch auf Vollständigkeit von „erklärbär“)

Soll die globale Kulturvielfalt als Vielfaltsvorrat für das lokale Gesellschaftsexperiment der „bunten Republik“ verfügbar bleiben, dann ist ferner wohlwollend anzuerkennen, was diese „Vielfalt“ ausmacht und ermöglicht, nämlich die Unterscheidung der als „Kultur“, „Volk“ oder „Nation“ bezeichneten Entitäten voneinander sowie deren Beharrungsvermögen und internen Zusammenhalt. Untrennbar damit einher gehen wiederum Wir-Gefühl, Gruppenegoismus, nationaler Selbstbehauptungswille, Abgrenzung des Eigenen vom Fremden. Würden sich alle Kulturen selbstlos ineinander auflösen, gäbe es gar keine für das hiesige Multikulti-Projekt abgreifbare globale Kulturvielfalt mehr.

Vielfältig unterschieden wird dabei auch zwischen Individuen, die zu den Gruppen dazugehören und solchen, die nicht dazugehören. Ohnehin ist für den Bestand einer kulturellen Einheit und damit für das den Vielfaltsvorrat bildende Gesamt solcher Einheiten die jeweilige Unterordnung des Individuums unumgänglich. Wo kämen wir auch hin, wenn jeder macht was er will? Nur wenn die Individuen, die einer Anregungspotential verheißenden Kulturgemeinschaft angehören, das übernehmen und fortschreiben, was sich „nach alter Väter Sitte“ geziemt – sei es reflektiert und einwilligend, sei es, wie in manchen Milieus üblich, unreflektiert oder unter Zwang –, halten sich die Kulturen durch, von denen multikulturalistische Bevölkerungspolitiker bereicherungsträchtiges Humankapital abzuschöpfen entschlossen sind.

Der Befund, daß die drückende Tristesse und Mangelhaftigkeit unserer heimischen Landeskultur nach externer Bereicherung verlangt, setzt zudem voraus, als prinzipiell möglich einzuräumen, daß Kulturen bisweilen ergänzungsbedürftig, mithin defizitär sind, daß gar an unterschiedliche Sättigungs- und Erfüllungsgrade zu denken ist, welche reichhaltigere von ärmeren Kulturen zu diskriminieren nahelegt. Wenn es etwa heißt, die kalte westliche Ellbogengesellschaft solle Heilung an orientalischer Gemütlichkeit suchen, so ist damit – abstrahiert vom konkreten Anwendungsfall – doch nichts anderes gesagt, als daß eine (diesbezüglich) überlegene Kultur eine (diesbezüglich) unterlegene vervollständigt.

Aber Vorsicht! Das bedeutet nicht zwingend, daß eine Kultur insgesamt einer anderen überlegen sein könnte noch gar, daß von einer Hierarchie der Kulturen entlang der vorgenannten Grade auszugehen ist. Das Konzept der „Bereicherung“ ließe sich – theoretisch – mit Gleichrangigkeit sehr wohl vereinbaren. Nachzuweisen ist lediglich, daß alle Kulturen ein exakt gleiches Quantum an qualitativ verschiedener Ergänzungsbedürftigkeit aufweisen, für das es Komplemente in anderen, diesbezüglich gesättigten Kulturen gibt und daß in globalem Maßstab die wechselseitigen Über- und Unterlegenheiten sich Dank des wundersamen Feintunings eines gnädigen Zufalls zu einem egalitären Nullsummenspiel ergänzen.

Merkwürdig ist nun, daß die verstohlen mitgeschleppten Implikationen der Multikulti-Ideologie hyperventilierende Empörung auslösen, sobald sie offenherzig und ohne dabei etwas Böses im Schilde zu führen auch ausgesprochen werden. Wie es aussieht, pflegen sich Multikultis von den Voraussetzungen ihrer eigenen Sozialutopie zu dispensieren, insbesondere dann, wenn die Rede auf die uns gemeinsame, eigene kulturelle Bedingtheit und Nationalität kommt. Dann gibt es das alles auf einmal nicht mehr, dann sind die so selbstverständlichen wie unausgesprochenen Annahmen der Multikulti-Ideologie urplötzlich – purer „Rassismus“!

Vielleicht hängt das damit zusammen, daß im linken Ideenverbund die Multikulti-Ideologie tatsächlich von einem viel mächtigeren Motiv getragen wird als dem, ein Umfeld zu schaffen, das es ermöglicht, vor Ort „Weltoffenheit und Toleranz“ zu zelebrieren, nämlich dem emanzipatorischen Eifer, sich von den eigenen kulturellen Voraus-Setzungen abzulösen kombiniert mit abgrundtiefem Haß auf die eigene Nation und Kultur. Multikulturalismus zielt dann in Theorie und Praxis auf Irritation und Verfremdung. Der größtmöglichen Unähnlichkeit der größtmöglichen Zahl auf kleinstmöglichen Raum ausgesetzt, soll das „Auge“ keinen Halt finden, soll Kontinuität brechen und einer Gruppenidentität, deren Reichweite den engen Szene- und Kiez-Horizont auf die Nation und den Kulturkreis hin überschreitet, der Nährboden entzogen werden.

Im begleitenden „Diskurs“ wird dabei explizit und schrill geleugnet, was die eben diese Dekonstruktion und Verfremdung des Landes flankierende Multikulti-Ideologie implizit und stillschweigend voraussetzt: daß es Kulturen, Nationen oder Völker „gibt“, daß diese sich voneinander abgrenzen, daß vielfältiges nationales Wir-Gefühl und Beharrungsvermögen den Erhalt globaler Kulturvielfalt erst ermöglicht, daß personale Identität nicht nur aber eben auch mit national-kulturellen Formvorgaben zusammen- und von diesen abhängt, daß unterschiedliche Grade denkbar sind, in denen unterschiedliche Kulturen die menschlichen Möglichkeiten zur Ausprägung bringen.

Demnach tritt, wo sich die Propagierung des Multikulturalismus aus der Geringschätzung, der Verachtung, ja dem Haß  auf die eigene Nation und Kultur ableitet, in dem so gearteten Motivmix eine bemerkenswerte Selbstwidersprüchlichkeit auf. Abschirmen läßt sich diese leicht einsehbare Anomalie dann nurmehr durch die hinlänglich bekannten „vorkritischen“ Methoden: Tabuisierung, „Diskurs“-Verbot, mediale Empörungskampagnen und Anathematisierung abweichender Meinungen.