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Der arabische Frühling und Ägyptens Islamisten

Das Symbol der Muslimbruderschaft (rechts im Bild)Die Hoffnungen, die so viele in den Arabischen Frühling gesetzt haben, nicht zuletzt durch die Berichterstattung der Medien,  waren enorm. Der Sturm, den Intellektuelle und westlich-orientierte Studenten losgetreten haben, hat sich inzwischen gelegt. Die Akteure, die jetzt das Ruder an sich gerissen haben, sind aus westlicher Perspektive gar nicht so frühlingshaft. Die Rede ist von der Muslimbruderschaft.

(von Beschwichtiger)

Viele können vielleicht etwas mit dem Namen anfangen und wissen, dass sie für den politischen Islam stehen, aber viel mehr ist anscheinend nicht einmal dem deutschen Außenminister bekannt. Viele sind vielleicht nicht so mit der politischen Geschichte Ägyptens des frühen 20. Jahrhunderts vertraut.

Die Muslimbruderschaft wurde 1928 in Ägypten von Hassan al Banna gegründet. Banna, einer der großen Denker des Islams, wollte, dass der Islam das gesellschaftliche Leben regelt. Das Fundament der Bruderschaft bildet die untere Mittelschicht. Man betreibt Schulen, soziale Einrichtungen, Polizei etc. in eigener Regie, sozusagen eine Parallelgesellschaft. Gleichzeitig evozierte man im damaligen Ägypten einen Hass auf Juden und die Kolonialherrschaft. Die gewaltätige Seite der Bruderschaft zeigte sich in der Verfolgung und Ermordung von Juden, Attentate auf Regierungsmitglieder und Polizisten.  Außerdem war sie für die Zerstörung des damaligen europäischen Viertels in Kairo verantwortlich, das eine kosmopolitische Aura in der Stadt darstellte.

1952 übernahm Nasser durch einen Militärputsch die Macht in Ägypten. Der Kampf zwischen militärischer und religiöser Staatsführung wurde zu einem Kennzeichen des Nahen Ostens. Militärische Führer leiteten den Staat, während Islamisten die religiöse Macht besaßen und das religiöse Leben der Menschen bestimmten. Das Militär war also immer gezwungen, ob es wollte oder nicht, Bezug zur Religion herzustellen. Nassers Regime war sozialistisch-säkular und stand im krassen Widerspruch zum Islam.

Die Islamisten versuchten Nasser im Jahre 1954 zu ermorden, wodurch sich die Spannungen im Land immer mehr zuspitzten. Nasser ließ in den 60er-Jahren Sayyid Qutb, einen der führenden Ideologen der Bruderschaft, inhaftieren, und später hinrichten. Nasser bot Qutb Begnadigung an, aber er weigerte sich und wählte das Martyrium. Qutb wollte ein islamisches Erwachen, und dadurch die Machtergreifung in einem arabischen Land, um später auch die gesamte Welt zu islamisieren.

Nachdem Nasser eines natürlichen Todes im Jahre 1970 starb, versuchte sein Nachfolger Anwar al Sadat von Anfang an die Islamisten klein zu halten, wie es auch Nasser tat. Sadat entließ viele Islamisten aus den Gefängnissen und präsentierte sich als „Präsident der Gläubigen“. Sadat wollte Nassers Erbe fortführen und versuchte die verschiedenen islamistischen Bestrebungen in das gemeinschaftliche Leben zu integrieren. Es gab jene, die einen Kampf unter politischen Vorzeichen führen wollten, wie die Bruderschaft, und jene, die im revolutionären Sinne eine religiöse Diktatur errichten wollten. Zu den letzteren gehörte Ayman Al Zawahiri, späterer Führer der Al-Qaida. Was diese zwei unterschiedlichen Richtungen vereinte, war der Wille, einen Staat nach den Gesetzen der Scharia zu errichten! Es war der Weg dorthin, über den man stritt.

Sadat pflegte eine Politik, in der er die Islamisten durch Lippenbekenntnisse besänftigte, in der Praxis aber provozierte er sie. Der Präsident verabschiedete unter anderem ein Gesetz, das Frauen das Recht gab, sich scheiden zu lassen. Sadat blieb bis zum Ende seiner Präsidenschaft so mutig (übermütig?), dass er Frauen mit Burkas als „gehende Zelte“ verspottete. Er wurde somit zum Ketzer und zur Zielscheibe der Islamisten.

Sadat wurde am 6. Oktober 1981 bei einer Militärparade ermordet. Der Präsident salutierte zunächst dem Leutnant Khalid al-Islambouli, der aus einem Wagen stieg und auf ihn zu ging. Dieser zückte jedoch ein Maschinengewehr, und durchlöcherte Sadat, während er „der Pharao ist tot!“ schrie. Kahlid al-Islambouli war Anhänger des al-Jihad. Einer der Inspiratoren des al-Jihad war Ayman al Zawahri, bekanntlich eine Führungsfigur von al-Qaida. Zawahiri wird seit dem Anschlag vom 11. September 2001 in New York gesucht, und befindet sich vermutlich in Pakistan oder Afghanistan. Sadats Nachfolger war Hosni Mubarak, der ein Attentat im Jahre 1981 überlebte, aber bekanntlich im Zuge des Arabischen Frühling gestürzt wurde.