Thierry Chervel, der Boss bei Perlentaucher, hat einen großen Essay des französischen Intellektuellen Pascal Bruckner (Foto) ins Deutsche übersetzt: Wege aus dem Schlamassel. Das ist ein Text, wie ihn gebildete Franzosen lieben, sprachlich funkelnd, voller Ideen und Geistesblitze – und mit viel Nebel. Wenn man den Essay nämlich durchliest, ist man am Schluß genauso weit wie vorher, man wird nicht klüger.

Man könnte auch sagen, wer viel schreibt, hat immer wieder recht, liegt aber genauso oft falsch. Schon der Beginn ist ein Witz:

Der Kapitalismus scheint den Tod seines ältesten Feindes, des Kommunismus, nicht zu überleben.

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß wir im Kapitalismus leben. Seit Adenauer im Jahre 1957 die kapitalgedeckte Rente aus wahltechnischem Kalkül in eine umlagefinanzierte verwandelt hat, im später so genannten „Generationenvertrag“, seither ist Deutschland Jahr für Jahr mehr in den sozialistischen Sumpf geglitten, geführt von unverantwortlichen, ignoranten Politikern. Und das gilt in Frankreich noch mehr. Dort steht die Politik seit Menschengedenken weit über der Wirtschaft. Warum sind Intellektuelle unfähig, die Eingriffe der Politik in den Markt richtig zu bewerten? So etwas ist nicht mehr freier Kapitalismus, sondern rundherum Staatswirtschaft voller Gesetze, Verordnungen, Abmachungen, Vorschriften, Steuern, erzwungener Selbstverpflichtungen, Ökowahn und anderer Würgegriffe der Politik. Und da unsere Intellektuellen diese ins Auge fallende Gegebenheiten nicht erkennen, sind auch ihre Rezepte meist untauglich.

Trotzdem, wer viel Zeit hat, hier ist das Opus!

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16 KOMMENTARE

  1. OT
    oder doch nicht?
    Heute am Nachmittag/Abend kein Durchkommen.
    Egal,viel Feind,viel Ehr!!! Nicht nachlassen!!!
    Bin davon überzeugt,Ihr schafft eine Lösung.!

  2. Eben. Sehe ich genauso. Kapitalismus wird seit auch in den USA dem spaeten 19Jh nicht mehr in der Reinform praktiziert.

    Ein freier Mart ist eine feine Idee, doch wo sind die Maerkte ueberhaupt noch frei?

  3. Kapitalismus ist wenn es keine Staatliche Rente, Krankenversicherung, Subventionen, Fördergelder und sonstige Förderungen und Unterstützung gibt. Natürlich auch kein Arbeitslosengeld und Wohngeld etc.

    Dafür zahlt man dann auch keine Steuern. Man ist frei und für sich selbst verantwortlich. Genau so wie es die Sozialisten immer fordern!^^

    Kostenloser Koran – Nein Danke

  4. Tur mir ja leid, aber ich halte den Artikel in weiten Teilen für brillant. Etwa hier:

    Wäre die Krise nur materieller Natur, würden wir sie bewältigen. Finanzielle und ökonomische Probleme lässt man immer irgendwann hinter sich. Aber sie ist geistiger Art und rührt an die Fundamente eines an zwei Hauptübeln krankenden Europas: Angst und Larmoyanz. Es hat über sich selbst so eine klägliche Meinung, dass es sich nicht traut, seine Konstruktion zu vollenden. Seit vierzig Jahren scheitert es daran, sich eine solide Struktur, eine Diplomatie, Verteidigung und Regierung zu geben. Es ist eine Krankheit an der Seele, nicht an der Gemeinschaftswährung, die es durchmacht. Was ist in Europa fehl gelaufen, dass es sich in jeder schwierigen Phase mit den selben Dämonen konfrontiert sieht: dem Zweifel, der Müdigkeit,dem Selbsthass aus einer allzu blutigen, allzu schwer zu ertragenden Geschichte? Wie soll der Rest der Welt Europa lieben, da es sich selbst nicht liebt und nicht aufhört sich zu geißeln und mit den schwersten Vorwürfen zu überhäufen? Die Technik fügt dem ein weiteres Element hinzu: Die Angst erwächst aus unserer eigenen Erfindungskraft.

  5. Selten wurde die grassierende Technikfeindlichkeit so elegant in das ihr angemessene Licht gerückt:

    Eine von Angst besessene Gesellschaft schafft unweigerlich, was sie fürchtet: Lähmung. Schwächegefühle drücken sich in unterschiedlichen Epochen unterschiedlich aus. Aber selten hat man wie in der Gegenwart Innovation an sich als gefährlich angesehen und aus Verhinderung eine Tugend gemacht. Man kann die menschliche Aktivität nicht auf die Beschwörung aller denkbaren Gefahren beschränken. Je umfassender der Schutz, den man sucht, desto gestaltloser die Risiken, die überall zu drohen scheinen. Im medizinischen Bereich etwa wächst die Furcht vor schweren Krankheiten parallel zu den Fortschritten der Wissenschaft. Was die Sorge begrenzen soll, stärkt nur ihr Regime. Von der Ernährung über die Handys, die Funkwellen und die Luft, die wir atmen. Das Reich der Technologie scheint bewohnt von bösartigen Geistern und raffinierten Giften, die nur auf unsere Vernichtung aus sind. Wir fürchten die Dinge, die aus unseren Händen kommen und sich gegen uns wenden. Eine veritable Philosophie der Angst tritt hier als Weisheitslehre auf und versetzt uns in ein posttechnologisches Mittelalter mit seinen kollektiven Wahnschüben.

  6. In dem Essay geht es nicht um den Kapitalismus als nationale Wirtschaftsform und schon gar nicht um unsere soziale Marktwirtschaft, lieber kewil. Problematisiert wird vielmehr der weltweit unregulierte, globale Kapitalismus, der politisch kaum kontrollierbar ist und zum Teil gefährliche, zum Teil chaotische Eigenmechanismen entwickelt. Kritik ist hier durchaus angebracht, wie ich finde. Eine Lösung (und eben nicht nur eine Utopie) ist jedoch tatsächlich in nächster Zeit nicht vorstellbar.

  7. Auch zum Thema Islam die passenden Worte:

    Die arabischen Aufstände, deren Beharrlichkeit solche Bewunderung abnötigte, waren am Ende womöglich nur der Umweg des fundamentalistischen Islams auf seiner Welteroberung. Nach Jahrhunderten des Niedergangs führt er sich immer noch wie ein Besiegter auf, der nur Revanche will und seinen Zeloten eine starke Dosis Ressentiment einimpft. Zum Glück ist die Religion des Propheten in Sunniten und Schiiten aufgespalten, und man sollte nicht müde werden, dieses Ursprungsschisma zu vertiefen. Man könnte über den Islam sagen, was François Mauriac einst über den deutschen Nachbarn sagte: Man liebt ihn so sehr, dass man gerne mindestens zwei davon hat. An jenem Tag, an dem der Islam mindestens so viele Spielarten zulässt wie das Christentum und er akzeptiert, eine Religion unter anderen und nicht die einzig wahre zu sein, wird er aufhören jene Gotteswut zu verbreiten, die so vielen Menschen – und an erster den moderaten Muslimen – Sorge bereitet. Ein Gott nach dem Herzen ist einem Gott nach den Riten mit seinem gnadenlosen Proselytentum vorzuziehen. Davon sind wir leider weit entfernt. Es wird eine der großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts sein.

  8. Dieser Essay ist für mich typisch für die Selbstbeweihräucherung der „westlichen“ Intellektuellen. Es werden die klassischen Vorurteile gepflegt ohne irgendwelche Perspektiven aufzuzeigen. Als ich den Text las, meinte ich, ein Kiffer säße mir gegenüber, der Sätze aneinander reiht, Hauptsache sie klingen schön, sie nebeln den Gegenüber vollkommen ein. Wenn man die Sätze aber, jeden einzelnen, auf seinen Wahrheitsgehalt abklopft, erschrickt man vor so viel Leere. Vielleicht brauchen wir aber diese nichtssagende Leere, die unsere Depressionen nur verstärken kann, uns weiter einlullt, damit wir endlich ganz mit dem Denken aufhören. So sind wir dann einfacher aber umfassender manipulierbar, wir werden zu kleinen verhätschelten Hunden, die nur noch auf das Wort des Herrchens hören. Unser Menschsein haben wir aufgegeben. Ach wie schön, wir können den ganzen Tag relaxen.

  9. Häufig liegt in Bezug auf Kapitalismus eine Sprachverwirrung vor; es gibt durchaus Kapitalismuskritiker, die Kapitalismus sagen und damit das regulierte bürokratische Wirtschaftssystem Europas samt seines inflationierenden Staatsbanken-Zentralismus meinen.

    Leider sind die in Europa vorherrschenden Begrifflichkeiten ähnlich diffus wie die technokratischen Verwinkelungen unseres degenerierten Wirtschaftssystems.

    Deshalb versuche ich Debatten über Begriffe wenn möglich zu vermeiden, sondern freue mich lieber über gemeinsame Schnittpunkte dort, wo sie vorliegen.

    Allerdings gehört die Staatsgläubigkeit sowohl der europäischen Eliten wie der Durchschnittsbevölkerung zur unveräußerlichen und kaum hinterfragten Doktrin unseres Zeitalters. Daran ist übrigens das hohe Mittelalter schuld. Seitdem beginnen nämlich staatliche Bürokratien zu wachsen und zu gedeihen; seitdem steigert sich der Finanzbedarf des Flächenstaates ins Unermessliche, seitdem entsteht eine Staatsbürgerschaft als eine mithin sich entwickelnde Staatsuntertänigkeit, die – im Verlauf der Jahrhunderte – zunehmend an die Stelle der ummittelbaren grundherrlichen Abhängigkeit getreten ist.

    Das politische Erbe des Etatismus, das es in Amerika in dieser Form so eben nicht gibt, weil es dessen Gründerväter in Europa weitgehend zurückgelassen hatten, dämpft die allgemeine Fähigkeit der Europäer zum ergebnisoffenen Erkenntnisgewinn in Bezug auf die Analyse ihres eigenen sozioökonomischen Daseins. Es handelt sich sozusagen um ein Problem kulturimmanenter Denkblockaden.

    68 ist da nur die letzte Spitze des Eisberges, die diese Staats-Doktrin zum totalitären Zwang erhoben hat.

  10. @ #7 Stefan Cel Mare (10. Apr 2012 19:48)

    Ich denke nicht, dass man mit diesen blumigen Ausführungen dem Merkelschen Atomausstieg gerecht wird. Einfache Menschen wie Merkel (und auch die Grünen usw.) denken nicht so kompliziert, wie Bruckner philosophiert

  11. „Trotzdem, wer viel Zeit hat, hier ist das Opus!“
    …………………………………………………………………

    Nö weil, liegt ja schon alles offen, wie ein aufgeschlagenes Buch.
    Dafür reicht schon der Leitsatz, oder die These die Monsieur Pascal Bruckner an den Anfang seines Sermons stellt.

    „Der Kapitalismus scheint den Tod seines ältesten Feindes, des Kommunismus, nicht zu überleben.“

    Ganz einfach, der feine Herr irrt in seinem gutmenschlich konditionierten Denken, schon im Ansatz. Durch den verwöhnten Lebensstil den diese Theoretiker gewöhnt sind, weis man nicht erkennen sie die Wirklichkeit nicht, oder Lenken sie sich selber und ihre Adresssaten nur ab, indem sie gerne Nebelwände aufbauen, die ein Verweilen im Ungefähren und Ungenauen garantieren.

    Ganz einfach, der feine Herr irrt in seiner „humanistischen“ Atitüde, aber wen wundert‘ s, Monsieur kommt ja aus dem Mutter_innenland der „Humanist_innen.
    Er übersieht grundsätzlich die Tatsache, daß die Beseitigung eines auf der freien Konkurrenz der kreativen Ideen aufgebauten Kapitalismus (Freie Marktwirtschaft), und der „freie Übergang“ (den die GenoSS_innen uns vorgaukeln) in den Kommunismus, welcher aus dem Stadium des Sozialismus, zumindest bis Dato noch nie hinausgekommen ist, die höchst „brutalste“ Form der Diktatur darstellt. Diese als Kommunismus bezeichnete „Staatsform“, ist nichts anderes als ein reiner STAATSKAPITALISMUS. In diesem zentralistisch aufgebauten System bündelt sich die Macht im Staatsmonopol, und das Resultat ist nichts anderes als eine „neue“ Form des Feudalismus in rigider Kontrolle und Machtausübung der Parteiklique und deren der Nomenklatura. Das absolute Nirvana des „Kommunismus“, kann man am Modell von Nordkorea beobachten, es ist das perfekte Orwell‘ sche 1984.

    So what, Sturm im Wasserglas und viel Tinte auf Papier….

    Den „Humanismus“ in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf ! :mrgreen:
    http://img806.imageshack.us/img806/7016/humn.png

    A. C. A. B.
    All Communists are Bastards !!! :mrgreen:

  12. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß wir im Kapitalismus leben. Seit Adenauer im Jahre 1957…

    Den reinen Kapitalismus gibt es nirgends auf der Welt – er ist spätestens mit der großen Krise in 30-ern gescheitert und als System nur durch Eingriffe des Staates überlebt.
    Seitdem gibt es nur Mischformen mit mehr oder weniger großer Einmischung des Staates, weil es anders nicht geht.

    Der reine Kapitalismus ist nicht überlebensfähig, genauso wie der reine Sozialismus.
    Die Kunst ist ein optimales Verhältnis zwischen dem freien Markt und dem Staat zu finden.

    Der Kapitalismus scheint den Tod seines ältesten Feindes, des Kommunismus, nicht zu überleben.

    Der Kapitalismus drohte schon mehrmals zu scheitern und jedes Mal hat der Staat gegen gesteuert und ihn angepasst.
    So war es bei Monopolbildung (Antimonopolgesetze, Kartellbehörde), konjunkturelle Krisen (antizyklisches Handeln), Finanzkrisen (Massnahmen der Zentralbanken), Verschmutzung der Umwelt (Emissionsgesetze) usw.

    Gegen MASSENEINWANDERUNG in die Industrieländer, die der Kapitalismus verursacht, wird jedoch nicht gesteuert. DARAN KANN KAPITALISMUS IN DEN INDUSTRIELÄNDERN TATSÄCHLICH SCHEITERN.

  13. #12 ingres (11. Apr 2012 09:40)

    Einfache Menschen wie Merkel (und auch die Grünen usw.) denken nicht so kompliziert, wie Bruckner philosophiert.

    Was ist an einer „Philosophie der Angst“ kompliziert?

    Es ist ja nicht nur die Angst vor dem Atom. Erinnern wir uns: kaum war die Energiewende beschlossen, tauchte eine neue, noch dramatischere Gefahr auf, die „uns“ bedrohte. Ihr Name … EHEC.

    Während das böse Atom und die „Strahlen“ nur gaaanz langsam „töten“, schaffte es EHEC dem Vernehmen nach bereits in wenigen Wochen!
    Keiner kannte due Ursache! Ein Handelskrieg mit Spanien stand dicht bevor, als man die vermeintliche Ursache von EHEC in spanischen Gurken ausmachte.

    EHEC jährt sich dieser Tage (btw: PI sollte dieses Jubiläum nicht vergessen!) und wird aktuell durch einen neuen Dioxin-Eier-Skandal ersetzt.

    Angst vor den Handy-Strahlen, vor der Asse, vor dem Fluglärm, vor EHEC und Dioxin, vor dem Gen, vor dem Atom, vor dem Nano-Molekül…
    was weiss ich. Das gutmenschliche Denken ist so „kompliziert“, dass es vor allem Angst auslöst.

    Vor allem? Halt: EINE Ausnahme gibt es dann doch: „Islam ist Frieden!“.

    Was ein Glück.

  14. #13 7berjer (11. Apr 2012 11:49)

    Dafür reicht schon der Leitsatz, oder die These die Monsieur Pascal Bruckner an den Anfang seines Sermons stellt.

    “Der Kapitalismus scheint den Tod seines ältesten Feindes, des Kommunismus, nicht zu überleben.”

    Tatsächlich spielt dieses Thema in Bruckners Text nur eine geringe Rolle. Insofern handelt es sich nicht um einen „Leitsatz“, auch wenn das bei kewil so erscheinen mag.

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