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Inklusion – die neue Integration

Was bedeutet eigentlich Inklusion? Und warum ist Integration plötzlich nicht mehr gut genug? Über Integration weiß ich Bescheid (so dachte ich), denn ich habe sie als Kind hautnah miterlebt: Am Rande unseres beschaulichen Neubaugebiets wurde ein Häuserblock hochgezogen, in dem sich jeweils zwei russlanddeutsche Familien Bad und Küche teilen mussten. Anfangs war die Situation schlimm: Es sah aus wie im Zigeunercamp, die Russen lernten kaum Deutsch (wie auch, wenn man nur von Russen umgeben ist) und etliche meiner Freundinnen kamen nach der vierten Klasse auf die Hauptschule, obwohl sie nicht dumm waren, sondern weil sie nie richtig Deutsch gelernt hatten. Im Russenviertel bekam man Huren und Drogen, und schließlich gab es den ersten Mordfall seit langer, langer Zeit im Ort.

(Ergänzung zum Beitrag „Inklusion – der neueste Neusprech“ von Gorgo)

Zehn Jahre später hatte sich die Situation gebessert: Die Unverbesserlichen waren im Knast, die meisten jedoch hatten sich angestrengt und waren in normale Wohnungen, verteilt im gesamten Wohngebiet, gezogen. Es gab kaum mehr Autorennen und auch die Deutschen durften den Basketballplatz benutzen. Für mich war unser Ort ein Beispiel für gelungene Integration. So sah für mich Integration aus:

Auf Latein bedeutet integrare: erneuern, wiederherstellen, auf Italienisch: ergänzen, beifügen. Aus einem Grundstoff A wird also durch Zugabe geringer Mengen eines anderen Stoffes B eine Variation des Grundstoffes A mit veränderten Eigenschaften.

Als Beispiel dienen legierte Metalle: In der Kristallstruktur des Metalls werden einzelne Atome gegen fremde Atome, z.B. Kohlenstoff, ausgetauscht. So können die Eigenschaften des Metalls je nach Anforderung verbessert werden. Der Stoff an sich ist und bleibt aber Metall.

Nun taucht plötzlich das Wort Inklusion auf, und wieder denke ich, ich weiß Bescheid. Ich kannte die fötale Inklusion:

Anstatt sich zu Zwillingen (zwei getrennt voneinander lebensfähigen Individuen) oder zu siamesischen Zwillingen (zwei Individuen, die partiell verschmolzen sind und oft ohne einander nicht lebensfähig) zu entwickeln, wird ein nicht voll entwickelter Zwilling im Körper des anderen eingeschlossen. Er stellt einen Fremdkörper dar und ist eindeutig von seiner Umgebung abgrenzbar. Medizinisch gesehen stellt er meist eine Belastung für seinen Wirt dar und wird wenn möglich entfernt.

Ich kannte Inklusionen aus der Mineralogie:

Bei der Bildung eines Kristalls werden vorhandene andersartige Elemente vom Kristall ummantelt bzw. eingeschlossen. Die Einschlüsse bilden eine homogene Masse innerhalb einer ansonsten ebenfalls homogenen Masse und sind in ihrer Struktur klar von ihrer Umgebung abgrenzbar.

Ich kannte Inklusionen aus der Materialkunde:

Z.B. werden bei der Herstellung von Stahl z.T. fremde Stoffe wie Schlacke oder Gasblasen in dem Metall eingeschlossen. Diese Einschlüsse verringern die Qualität des Stahles und sind zu vermeiden.

Zusammenfassend hatte ich also folgendes Bild von Inklusion:

Ein fremder/andersartiger Stoff befindet sich in einer ansonsten homogenen Masse. Er vermischt sich nicht mit seiner Umgebung, kann aber auch nicht ab-/ausgestoßen werden, darum wird er eingeschlossen/umschlossen.

Lateinisch bedeutet includere: einschließen, einsperren. Soviel zur Naturwissenschaftlichen Bedeutung des Wortes Inklusion.

Ich ging also davon aus, dass auch die Geisteswissenschaften das Wort in einem ähnlichen Zusammenhang gebrauchen. Ich hätte kaum falscher liegen können.

Wikipedia klärt mich über die soziologische und pädagogische Bedeutung des Wortes Inklusion auf:

Hatte ich jahrelang das Wort Integration missverstanden? Offensichtlich waren meine Russen schon damals, als sie eingepfercht im Ghetto innerhalb unseres Wohngebiets lebten, voll integriert.

Oder ist es vielmehr so, dass ein Haufen Grünkernbratlinge fressender, pseudointellektueller (Ex-)Langzeitstudenten so lange die Tatsachen verdrehen, die Wörter solange umdeuten, bis wir in Babylonischer Sprachverwirrung keinen klaren Gedanken mehr fassen, geschweige denn zu Ende denken können?

In wenigen Jahren wird auch Inklusion nicht mehr gut genug sein. Dann bleibt uns nur noch, die grünen, roten, blauen und gelben Pünktchen in einem riesigen Mixer zu einer stinkenden braunen Pampe zu verrühren.