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Inländerfeindlichkeit

Prof. Peter StiegnitzEin Beamter bleibt ein Leben lang Beamter. Das nicht nur aus dienstrechtlichen Gründen – ein Beamter wird bekannter Weise nicht „pensioniert“, sondern „In den dauernden Ruhestand versetzt“; das heißt: er könnte jederzeit aktiviert werden. Auch eine besondere Mentalität und Gewohnheit zeichneten den Beamten aus: Wenn man ein Berufslebenlang gewohnt war, Akten zu verfassen und Aktennotizen zu vermerken, so macht man das auch im Privatleben. So ich auch:

(Von Prof. Peter Stiegnitz, Österreich)

Am 20. September 2012, an einem Sonntag um 16.30 Uhr, fuhr laut huppend eine Hochzeits-Kolonne von fünf Autos, darunter zwei Mercedes und drei Audis, durch die Burggasse. An jedem Auto waren türkische Fahnen befestigt und die Fahrgäste warfen so genannte „Knallfrösche“ – wie diese Unsitte nur zu Silvester manchmal üblich ist – laut grölend vor die Füße der Passanten; so auch vor meine. Die am Gehsteig explodierenden „Knallfrösche“ begleiteten die Hochzeitgäste mit lautem Lachen und erhobenem „Stinkefinger“.

Dann war der Spuk der lieben jungen Männer mit Migrationshintergrund vorbei.

Manche Medien berichten, wenn auch nur selten und auch das nur zwischen den Zeilen, über viel unangenehmere Vorfälle wie der jetzt geschilderte. So haben am 13. Oktober 2011 in Steyr (in Oberösterreich) türkische Jugendliche das zwölfjährige Mädchen Vanessa S. krankenhausreif geprügelt, weil sie nicht bereit war, den Spielplatz sofort zu verlassen.

In Deutschland ist diese Situation nicht viel besser. So haben die ausschließlich männlichen Besucher eines von Marokkanern geführten Caféhauses in einer Düsseldorfer Vorstadt den vorbeiziehenden Umzug des Vereines „St. Sebastian“ mit Steinen und Flaschen beworfen. Der Pressesprecher des Umzugs teilte den Medien lakonisch mit, dass „künftighin, um weitere Konfrontationen zu vermeiden, die Umzüge einen anderen Verlauf nehmen werden.“

Solche und ähnliche Beispiele könnte ich stundenlang aufzählen; es gibt allerdings genügend Gegenbeispiele der Ausländerfeindlichkeit. Anschläge auf Ausländer und Asylanten in nahezu allen europäischen Städten sind nicht selten an der Tages-, vor allem an der Nachtordnung. Der Unterschied ist nur, dass während unsere Medien über diese Untaten rechtsextremer Verbrecher ausführlich und wiederholt berichten, die andere Seite der  „Inländerfeindlichkeit“, verschämt verschweigen.

Diese mediale Einseitigkeit wird beim Lesen des vor kurzem veröffentlichten „Journalistenindex II“ verständlich. Nach ihrer politischen Einstellung befragt, bezeichneten sich 34 Prozent der Journalisten als Sympathisanten der „Grünen“. Die Autoren der Studie stellten unter anderem fest, dass die meisten Mediengestalter weiter links stehen als die Gesamtbevölkerung. 72 Prozent der befragten Journalisten gaben unumwunden zu, dass es bei ihrer Arbeit „darum geht, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu kontrollieren.“ Dass damit die Journalisten Aufgaben der Exekutive und der Gerichte für sich beanspruchen, das stört sie überhaupt nicht.

Wer nur halbwegs zufriedenstellende Lösungen sucht, der sollte zunächst die jeweilige Situation möglichst objektiv analysieren. Mit einer – auch für Österreich relevanten – Analyse beschäftigte sich die liberale „Frankfurter Allgemeine  Zeitung“ vom 20. September 2012: Unter dem Titel „Das Zuschauen muss ein Ende haben“ wird über das Buch des Lokalpolitikers Heinz Buschkowsky, das unter dem Titel „Neukölln ist überall“ im angesehenen Ullstein-Verlag erschien, berichtet.

Kurzes Zitat aus dem Artikel:

Dieses Buch ist kein Horrortrip ins Herz des Finsternis (…) es ist ein aufregender, hochpolitischer Zustandsbericht aus einem Zukunftslabor namens Neukölln.

Trotz der vielen, genau nachgewiesenen Gewalttaten von Migranten – der Autor spricht hier von einem „Verlust der Zivilität“ – sucht Bürgermeister Buschkowsky nach vernunft-diktierten Auswegen, die zwar nicht immer, doch manchmal zum Erfolg führen. Der Autor zitiert dabei Lassalle, „wonach alle politische Kleingeisterei im Verschweigen und Bemänteln dessen besteht, was ist.“ (FAZ).

Das Phänomen der Migration ist auch in Österreich nichts Neues. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur großen Gastarbeiter-Welle ab den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen viele hunderttausende Ausländer nach Österreich. Probleme, soziale Spannungen gab es immer schon, doch die Anpassungsbereitschaft aller sozialen Schichten der Migranten löste diese Schwierigkeiten auf natürliche Weise ohne staatlichen Einfluss und ohne Förderungsmaßnahmen auf. Die Situation der ostjüdischen Einwanderer vor dem Ersten und die der osteuropäischen Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg kennen wir nur zu gut; daher möchte ich sie jetzt nicht wiederholen.

Wer glaubt, dass der Islam in Österreich unser Zeitphänomen ist, der irrt sich gewaltig. Nach der Okkupation Bosniens im Jahre 1908 wurde am 15. Juli 1912 das so genannte „Islamgesetz“ verabschiedet. Damals lebten – allerdings im ganzen Reich und nicht nur in „Rumpfösterreich“ – über 600.000 Muslime. Bei der bisher letzten Volkszählung (2011) wurden in Österreich 500.000 Muslime gezählt (1971 waren es nur 22.267). Im Jahrzehnt zwischen 2001 und 2011 nahm die Zahl der Muslime von rund 340.000 (338.988) auf 500.000 zu, die in 250 Gebetshäusern, Moscheen und Vereinen organisiert sind.

Es wäre jedoch falsch und fatal, alle die in Österreich lebenden Muslime, vorwiegend Türken, als „Inländerfeinde“ abzustempeln. Das stimmt schon, dass ein Gutteil der ersten Gastarbeitergeneration, vor allem die Frauen unter ihnen, auch nach 30-40 Jahren in Österreich Probleme mit der deutschen Sprache und mit der österreichischen Kultur haben; und das trotz österreichischer Staatsbürgerschaft.

Das größte Hindernis auf dem Weg zur Integration ist – wider erwarten – nicht die islamische Religion, sondern die Familienzusammenführung. So haben nach Österreich eingewanderte Akademiker-Familien aus Osteuropa, die zu Hause nur ihre Heimatsprache sprechen, auch nach Jahrzehnten kulturelle Integrationsprobleme.

Das Phänomen der „Inländerfeindlichkeit“, dieses aggressive Auftreten gegen die autochtone Kultur, hat ihre Ursachen, die unter anderem auch die türkische Beraterin beim Salzburger Verein „Viele“, Tugba Dönmez-Aktürk, erkennt, im Konflikt zwischen Tradition und Moderne. (Ich zitiere):

Familien, die in Österreich leben, haben oft ein starkes Traditionsbewusstsein. Das liegt daran, dass sie fürchten, ihre Kinder könnten vergessen, woher sie kommen.

Diese, soziologisch gesehen, zwar gut gemeinte, doch schlussendlich falsche und schädliche Einstellung führt zu einem kulturellen Vakuum mehrerer türkischen Generationen.

Im vorigen Sommer hat das Berliner Meinungsforschungsinstitut „Info“ 1000 in Deutschland lebende Türken befragt. Die Ergebnisse, die durchaus relevant auch für Österreich sind, sollten uns alle zum Nachdenken veranlassen: 62 Prozent der Befragten sagten, dass sie am liebsten nur mit Türken zusammen sind. 55 Prozent wünschen sich den Bau von mehr Moscheen und 39 Prozent bezeichnen sich als „streng religiös“. Diese Zahlen sind im Hinblick der nicht wenigen Hassprediger in den islamischen Gotteshäusern bedenklich. Noch etwas Interessantes aus dieser Studie: 39 Prozent der Türken leben seit mindestens 30 Jahren in Deutschland, doch nur 15 Prozent bezeichnen das Land als ihre Heimat. Der harte Kern der „Deutschland-Verweigerer“, zehn Prozent, gab unumwunden zu, dass sie „mit Deutschen nicht zurechtkommen“. – Und das trotz deutscher Staatsbürgerschaft.

Der Geschäftsführer des Institutes, Holger Liljeberg, stellte auch eine starke Zuwendung junger Türken zur Religion ihrer Eltern, zum Islam fest. (Ich zitiere):

Dies könnte auf eine verstärkte Rückbesinnung gerade der jungen Generation auf religiöse Werte der Heimat ihrer Eltern zurückzuführen sein …

Dabei möchte ich kurz erwähnen, dass nicht-hierarchische Religionen, wie das Judentum und der Islam, nicht nur zahlreiche Kommentare, sondern auch unzählige, schwer kontrollierbare Auslegungen politisierende Rabbiner und Imame erlauben. So erleben wir das in Israel und im gesamten Islamismus. – Trotzdem möchte ich von einer Generalisierung warnen: So unangenehm das Auftreten der Inländerfeindlichkeit ist, deshalb aber von „terroristischen Netzwerken“ zu sprechen, wäre ein fataler Fehler und nicht wieder gutzumachender Irrtum.

Wenn ich schon von „Inländerfeindlichkeit“ rede, dann muss ich noch ein anderes Phänomen erwähnen: Den Nahost-Export des israelisch-palästinensischen Konflikts. Wir erleben immer öfter, dass islamische Jugendliche in Europa echte oder vermeintliche Juden auf offener Straße angreifen. So wurde zum Beispiel der Berliner Rabbiner Daniel Alter von muslimischen Jugendlichen krankenhausreif geprügelt; sein Jochbein wurde zertrümmert und seine siebenjährige Tochter mit sexueller Gewalt bedroht. Dazu der Rabbiner:“Es gibt Gegenden und Stadteile, in denen Cliquen und Subkulturen das Grundgesetz außer Kraft setzen.“  Allerdings: Verprügelt werden nicht nur Kippa tragende Juden, sondern auch Schwarze oder Angehörige anderer Minderheiten.

Um das Fortbestehen ihrer kulturellen Andersartigkeit zu betonen, beweist in Deutschland und in Österreich auch die Renaissance der Fahnenkultur. Während die nationalen Fahnen einst überwiegend in der Außenpolitik beheimatet waren, decken sich immer mehr, vorwiegend junge türkische Migranten, mit den türkischen Halbmond- und Sternfahnen ein. Einige unter ihnen – diesmal nur in Deutschland – schrecken auch nicht vor einer Verfremdung der Schwarz-Rot-Golden deutschen Flagge zurück: Im überdimensionalen, mittleren roten Bereich prangen Halbmond und Stern.

Inländer- und Ausländerfeindlichkeit gehen oft  Hand in Hand; gar nicht so selten ergänzen sie sich. Wir kennen es aus der Physik, dass Druck immer Gegendruck erzeugt; nicht anders in der Gesellschaft. Die Inländerfeindlichkeit wurzelt in dem  Ausgestoßensein bildungsresistenter junger Muslime – in Österreich überwiegend Türken. So beobachte ich seit einiger Zeit die AMS-Außenstelle in der Neubaugasse. Da ich dort einen Bekannten traf, konnte ich auch einige Gespräche mit jungen Türken führen, die – ohne Ausnahme – Schulabbrecher waren und ich zitiere jetzt einen meiner Gesprächspartner – „einen gutbezahlten, angenehmen Job“ suchen. Ähnlich äußerte sich auch Bürgermeister Buschkowsky in einem „Standard“-Interview (13./14. Oktober 2012): „Jeder zweite Jugendliche aus Einwanderermilieus verlässt die Schule ohne Abschluss…“ Seine Schlussfolgerung ist für alle Länder zutreffend: „Integration ohne Bildung ist nicht möglich.“

Dass wir  die rassistisch motivierte Ausländerfeindlichkeit ablehnen und wo es nur geht auch, bekämpfen – das steht außer Zweifel. Doch genauso wenig sollten wir auch die Inländerfeindlichkeit dulden, weil man beide ungute und gefährliche Phänomene nur als eine Einheit aus der Welt schaffen kann. Ob wir dieses Ziel je erreichen werden, das weiß ich nicht – doch bemühen sollten wir uns.


Prof. Peter Stiegnitz (*30. September 1936 in Budapest) ist ein österreichischer Autor, Ministerialbeamter und Soziologe. Er hat über 20 Bücher und über 1000 Fachbeiträge veröffentlicht. Als Korrespondent arbeitete er für mehrere deutschsprachige und jüdische Zeitungen und Zeitschriften. Der insbesondere für seine wissenschaftlichen Arbeiten zur Migrationssoziologie mehrfach ausgezeichnete Autor lehrt auch als Gastprofessor an der Universität Budapest im Fachbereich Sprachpraxis, Landeskunde und Sprachdidaktik. Er ist wissenschaftlicher Kurator der Österreich-Sektion der Forschungsgesellschaft für das Weltflüchtlingsproblem.