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Aykut Gülewüle an Haltestelle ins Koma getreten!

Weyhe. Am vergangenen Sonntag wurde der 25-jährige türkischstämmige Gemüsehändler Aykut Gülewüle nach einem Streit in einem Bus von einer Bande rechtsradikaler Deutscher ins Koma getreten. Aykut wollte eigentlich nur einen Streit schlichten. Denn schon während der Fahrt im Bus von der Discothek X-Plan zur Discothek Maddoxx in Weyhe, nahe Bremen, kam es zu Streitigkeiten.

(Von Tom Voß)

Fünf Rechtsradikale haben im Bus randaliert und die Fahrgäste eingeschüchtert. Per Handy riefen die Neonazis Verstärkung! An der Haltestelle am Bahnhof Kirchweyhe eskalierte die Situation. Einer der Neonazis trat Aykut G. so heftig gegen den Oberkörper, dass dieser gegen den Bus knallte und bewusstlos liegen blieb. Dann trat die Bande auf Aykut G.’s Kopf so lange ein, bis die Polizei eintraf. Der Haupttäter, Bernd W. aus Weyhe, flüchtete, konnte aber in der Nähe des Bahnhofs gefasst werden. Aykut G. fiel ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Er verstarb im Krankenhaus.

Ein Polizeisprecher: „Selbstverständlich war das eine fremdenfeindliche Tat! Wir sind tief betroffen. Neben dem Haupttäter haben wir alle beistehenden Personen, auch nicht direkt beteiligte, festgenommen.“

Staatsanwalt Gutmann: „Die nicht direkt beteiligten Personen werden wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Die Gruppe der 15 einschlägig bekannten Neonazis wird wegen Beihilfe zum Mord, und die fünf Rechtsradikalen aus dem Bus wegen Mordes angeklagt!“

Bundesweit wird der Akt von Fremdenfeindlichkeit zutiefst verurteilt. Schon am Sonntagnachmittag, wenige Stunden nach dem feigen Anschlag auf das Leben von Aykut G., fasste Bürgermeister Frank Lemmermann den Entschluss, den Rat der Gemeinde Weyhe einzuberufen. „Es ist eine Schande, die uns alle angeht, die uns alle betroffen macht! Der Rat hat spontan 15.000,- Euro aus Gemeindemitteln frei gemacht, um dem Opfer und der Familie des Opfers eine würdige Bestattung zu ermöglichen“, so Lemmermann. Ferner, so kündigte Lemmermann schon heute an, müsse ein Gedenkstein auf dem Platz angebracht werden, auf dem Aykut G. so feige niedergeschlagen wurde.

Am Montagmorgen traf Bundesinnenminister Friedrich in Weyhe ein, um den Tatort zu besichtigen. In seiner Begleitung waren eine Delegation aus der Türkei und der türkische Botschafter. Dieser forderte eine Lückenlose Aufklärung und erwähnte auch, dass ein Zusammenhang zur NSU-Mordserie nicht ausgeschlossen werden darf. Es sei immerhin bekannt, dass die Täter deutsche Jugendliche und somit wohl auch Neonazis waren.

ARD und ZDF berichteten in zwei Sondersendungen noch am Sonntagabend von der feigen Mordtat in Weyhe. Das Thema der Sendung von Günther Jauch „Kinderarmut in Timbuktu – Alles Schuld des Westens?“ wurde aufgrund der aktuellen fremdenfeindlichen Ereignisse in Weyhe in „Mordmob von Weyhe – Das üble Treiben der Neonazis“ geändert. In der Sendung wurde die Frage der latenten Fremdenfeindlichkeit der Deutschen im Allgemeinen thematisiert.

Am Montag hakte Frank Plasberg noch nach, der live aus Weyhe vom Runden Tisch gegen Rechts und für mehr Toleranz berichtete. Auch Anne Will am Mittwoch und Maybrit Illner am Donnerstag änderten kurzfristig das Thema ihrer Sendung. Bei Illner war erstmals die Familie des Opfers zu Gast und unter Tränen gerührt gab die Moderatorin das Spendenkonto des ZDF bekannt, das der Familie die nächste Zeit etwas erleichtern sollte.

Überhaupt rast eine Welle der Solidarität durch Deutschland. In allen Medien, auf allen Sendekanälen ist dieser feige Anschlag auf das Leben eines türkischen Mitbürgers das Thema dieser Woche gewesen. Der Spiegel widmete die kommende Ausgabe der Gewalt gegen Migranten.

Claudia Roth forderte ein sofortiges Verbot islamfeindlicher Internetseiten. „Es ist doch offensichtlich, dass das Internetblog PI-News eine erhebliche Mitschuld an dieser Schandtat trägt. Ich finde, dass der Innenminister die Pflicht hat, für die Schließung dieser Seite zu sorgen! Sich auf das Grundgesetz zu berufen reicht nicht. Man muss in solchen Fällen Grundgesetz eben Grundgesetz sein lassen!“

Cem Özdemir zeigte sich ebenfalls wütend. Er forderte, Weyhe nach dem Dorf zu benennen, aus dem Aykut Gülewüles Großeltern stammten. Außerdem sei es angebracht, den Bahnhofsvorplatz in Aykut-Gülewüle-Platz umzubenennen, so Özdemir.

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing heute die Familie Gülewüle im Kanzleramt, um ihr das Beileid auszusprechen: „Ich finde, dass Fremdenfeindlichkeit keinen Platz in unserer multikulturellen Gesellschaft haben darf. Der Bundestag muss endlich geschlossen einem NPD-Verbot zustimmen“, so Merkel.

Nach einer Eilsitzung des Bundestages wurde Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke zur ersten „Problemmanagerin Rechts“ der Bundesregierung ernannt. Sie soll helfen, Rechtsradikale und Neonazis dingfest zu machen. Hierzu werden ihr erhebliche Mittel aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung gestellt, so der vorläufige Plan. Die Mittel im „Kampf gegen Rechts“ werden somit von derzeit etwa 40 Millionen Euro auf knapp 80 Millionen nahezu verdoppelt. Röpke bezweifelte allerdings, dass diese Mittel ausreichen werden.

„Deutschland muss erkennen, dass der Rechtsextremismus das dringendste Problem seit der Wiedervereinigung ist. Man muss wohl inzwischen davon ausgehen, dass jeder in Deutschland getötete Migrant oder Mensch mit Migrationshintergrund einer rechtsradikalen Straftat zum Opfer fiel. Das sieht man am Fall Weyhe sehr deutlich“, so Röpke in ihrem Statement vor der versammelten deutschen Presse.

Aktivisten der antifaschistischen Jugend Weserland haben am vorigen Abend aus Protest gegen den Faschismus und Kapitalismus spontan etwa 25 Fahrzeuge in Weyhe und Umgebung angezündet. Außerdem gingen ein Schuhgeschäft und ein „JACK WOLFSKIN“-Outdoor-Bekleidungsgeschäft in Flammen auf. Grund: Der mutmaßliche Haupttäter des fremdenfeindlichen Mordanschlags trug bei der Tat eine Jacke der Marke JACK WOLFSKIN und Turnschuhe der Marke Adidas, die in dem Schuhgeschäft auch angeboten wurden, so ein Sprecher der Antifaschistischen Aktion Bremen (AAB).

Für die kommende Woche ist eine Lichterkette vom Bahnhof Kirchweyhe bis zum Hauptbahnhof Bremen geplant. Motto: „Mehr Toleranz wagen – Zeichen gegen Rechts zeigen!“

Im Übrigen hat der Bundesanwalt die Ermittlungen sogleich an sich gezogen.