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Kirchweyhe: So manipuliert uns die Presse

Die Berichterstattung über den Mord einer türkischen Schlägerbande an Daniel S. in Kirchweyhe ist geradezu ein Paradebeispiel für die Manipulation durch die Massenpresse in Zeiten der „Bunten Republik“. Eine Analyse der Erstberichte vom 14. und 15.3. in „Focus“, „Welt“, „Spiegel“ und „Stern“.

(Von M. Sattler)

Ohne den Bericht in der Bild-Zeitung vom 14. 3., „Daniel von Schlägerbande ins Koma getreten“, wäre der Fall vermutlich genauso geendet wie alle anderen Mord- und Totschlagfälle, in denen Türken die Täter und Deutsche die Opfer waren: Die Öffentlichkeit hätte nie davon erfahren. Totschweigen, kaschieren, abstreiten und unter den Teppich kehren – das sind die brüchigen Fundamente der „Bunten Republik“. Dass die Bild-Zeitung überhaupt über diesen Mord berichtet hat, ist daher erstaunlich. Dass sie zudem die Fakten lückenlos benannte und nicht verheimlichte, dass Türken die Mörder waren, ist noch erstaunlicher. Diese Klarheit der Erstmeldung in der Bild-Zeitung war offenbar der Auslöser, dass ab dem 14.3. auch andere überregionale Zeitungen die Berichterstattung aufnahmen, erkennbar mit der Absicht, die klare und ungeschönte Darstellung der Sachlage in der Bild-Zeitung manipulativ zu verzerren.

Nehmen wir zunächst die Meldung im Focus: “Brutale Schlägerbande prügelt 25-jährigen in den Tod“ vom 14. 3. und 15.3. Der Text beginnt:

Daniel S wurde am Wochenende von einer brutalen Schlägerbande ins Koma getreten. Nun erlag der 25-jährige in Bremen seinen schweren Verletzungen. Seine Mutter sagt: ‚Sein Körper hat den Kampf aufgegeben. Dann ist er eingeschlafen‘.

Diese ersten drei Sätze legen die Linie bereits fest: Die politische Brisanz, die in der Bild-Zeitung noch durchschimmert, soll nicht thematisiert werden. Stattdessen wird der Vorfall unter dem Gesichtspunkt „allgemeine Jugendgewalt“ behandelt und die Aufmerksamkeit des Lesers schnell auf das emotionale Leid der Mutter hin abgelenkt. Für den politisch interessierten Leser sind emotionale Rührseligkeiten allerdings sekundär, und genau das ist auch der Zweck dieser raschen Hinwendung zum Herzschmerz: Der politisch interessierte Leser soll gelangweilt wegklicken.

Unter Bezug auf die Meldung der Bild-Zeitung fährt der Text fort:

Seine Mutter habe den 25-jährigen bis zuletzt begleitet. „Ich war in seinen letzten Stunden an seinem Bett. Kurz vor 4 Uhr hat sein Körper den Kampf aufgegeben. Dann ist er eingeschlafen.

Gezielt arbeitet der „Focus“ weiter mit der Bildsprache der „Bunten“ und „Gala“: weibliche Rührung, Mutterschmerz. Spätestens jetzt schaltet der politisch interessierte Leser, vor allem der männliche Leser, ab. Auch im dritten und vierten Absatz konzentriert man sich auf die emotionale Sicht der Mutter – die Darstellung der eigentlichen Sachlage wird erfolgreich verzögert. Im fünften Absatz wird der Tathergang zumindest gestreift: „Ein Haupttäter ist … 20 Jahre alt, sechs weitere sind inzwischen auf freiem Fuß.“ Eine nähere Täterbeschreibung fehlt allerdings, der Leser soll weiterhin irrtümlich annehmen, er befinde sich in einem Text über allgemeine Jugendgewalt. Nach diesem kurzen Ausflug in Richtung Sachlichkeit findet der „Focus“ im sechsten Absatz zurück zur apolitischen Rührseligkeit: „Am Tatort lag auch ein Foto des Opfers, daneben ein Zettel, auf dem Stand: Warum?“ Der irreführende Eindruck, es handele sich um eine völlig willkürliche, sinnlose Gewalttat, wird so beim Leser verstärkt: Gäbe es nämlich ein „Warum“, hätte der Focus diese Frage nach dem „Warum“ ja aufgegriffen und nach dem „Warum“ gesucht. Da sich der Focus aber mit dem „Warum“ nicht weiter beschäftigt, geht der Leser davon aus, dass es kein „Warum“ gibt und hakt die Frage ebenfalls ab.

Erst im siebten und letzten Absatz erfährt der Leser, sofern er überhaupt noch da ist, endlich nähere Einzelheiten zum Vorfall. Und erst im vorletzten Satz (!) wird versteckt die politische Brisanz angedeutet: „Am Bahnhof Kirchweyhe warteten dann angeblich bereits Freunde des jungen Türken, die dieser per Handy herbeigerufen haben soll.“ Die bemüht in den Satz gepressten Worte „angeblich“ und „soll“ schwächen die Darstellung bewusst ab: Vielleicht war alles ganz anders, der Leser soll die ganze Meldung am besten nicht so ernst nehmen. Das eigentliche politische Thema dieses Falls: dass ein Türke der Täter war, das Opfer deutsch und wir damit eine Umkehrung des politisch korrekten Täter-Opfer-Bildes haben, sich dadurch natürlich sofort die Frage nach Aufrichtigkeit oder Heuchelei der Politik stellt und guter Journalismus genau hier hätte ansetzen müssen – dass alles bleibt beim „Focus“ selbst im letzten Absatz unerwähnt.

Auch die „Welt“ konzentriert sich in ihrem Bericht vom 15.3., „Fassungslos, hilflos, nicht glauben wollen“, auf emotionale Gesichtspunkte, um weiterführende Fragen nach der politischen Brisanz gar nicht erst aufkommen zu lassen. Der Text beginnt mit einem rührseligen „Vor einer Bushaltestelle im beschaulichen Kirchweyhe liegen Blumen und Kerzen“, die „Bunte“ lässt grüßen. Immerhin findet sich in der anschließenden Tatbeschreibung ein Hinweis auf die türkische Nationalität des Täters: „Dann trat der mutmaßliche 20 Jahre alte Täter, ein Mann türkischer Abstammung, weiter auf den regungslos am Boden liegenden Verletzten ein“. Dabei bleibt es dann auch, weitere Fragen werden nicht gestellt (War der türkische Täter ein rechtsextremer Grauer Wolf? War er Sympathisant von Islamisten? Hasste er Deutsche? Trat er auch deshalb auf den regungslosen Daniel S. ein, weil Daniel Deutscher war? Hätte er auch getreten, wenn Daniel ein Russe gewesen wäre? Hätte er auch getreten, wenn Daniel ein Türke gewesen wäre?). Statt nun endlich die journalistischen Fühler nach der eigentlichen Story auszustrecken, holt die „Welt“ lieber das Taschentuch heraus und widmet sich im fünften und sechsten Absatz ausführlich der örtlichen Bestürzung und Trauer – unverkennbar eine gezielte Ablenkung vom thematischen Kern.

Ohne weiter auf die Tat und mögliche Hintergründe einzugehen, endet der Bericht in der „Welt“ mit einer deutlichen Belehrung und Mahnung an den Leser: Diese Tat darf auf keinen Fall politisch unliebsam interpretiert werden! Als Mittler dieser Botschaft versteckt sich die „Welt“ hinter vermeintlichen „Experten“, in diesem Fall dem „Präventionsrat“ und dem „Runden Tisch“ von Kirchweyhe, wer immer das sein mag. Die Meinung dieser nicht näher erläuterten Gremien wird über zwei Absätze im Wortlaut wiedergegeben, der Leser soll diesen Text im Detail verinnerlichen: “Klar und deutlich entgegentreten werden wir jedem Versuch von rechtsextremen und neonazistischen Kräften, die berechtigte Empörung über die Gewalttat für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren und rassistische Hetzparolen zu verbreiten.“ Diese phrasenreiche Botschaft ist tatsächlich eine Botschaft der „Welt“ an ihre Leser, die da lautet: Jede politische Deutung dieser Tat ist eine rechtsextreme Handlung! Diese Botschaft ist der „Welt“ so wichtig, dass sie im letzten Satz indirekt wiederholt wird, indem „Präventionsrat“ und „Runder Tisch“ noch einmal zu Wort kommen: „Wer eine Straftat begehe, müsse sich dafür als Individuum und nicht als Angehöriger einer bestimmte Bevölkerungsgruppe verantworten, betonten Präventionsrat und Runder Tisch“ –Schlusspunkt, Textende. Der Leser nimmt mit: Widerspruch gegen die Meinungen des „Präventionsrats“ und „Runden Tischs“ (und damit Widerspruch gegen alle anderen amtlichen und halbamtlichen Autoritäten) sollte man für sich behalten.

Vom „Spiegel“ als politisch-korrektem Leitorgan ist im Falle türkischer Täter ohnehin kein journalistischer Selbstanspruch zu erwarten. In einer auf Pseudosachlichkeit und scheinbare Reduktion auf die Faktenlage getrimmten Meldung vom 14.3., „Niedersachsen: 25jähriger stirbt nach brutalen Tritten“, wird dem Leser jede Täterbeschreibung vorenthalten. Hätten sechs Deutsche in Kirchweyhe einen jungen Türken erschlagen, hätte die Überschrift ganz anders gelautet. Tagelang hätte ein komplettes Redaktionsteam des „Spiegel“ in Kirchweyhe jeden Stein umgedreht, um nach etwaigen türkenfeindlichen Aussagen des Haupttäters zu suche: Nachbarn interviewt, alte Schulfreunde hervorgekramt, irgendeiner hat doch immer mal was gehört. Aber selbstverständlich fragt das sonst so investigative Hamburger Nachrichtenmagazin nicht nach, ob der Herr Cihan A. im Vorfeld der Tat durch deutschfeindliche Aussagen aufgefallen sein könnte. Der „Spiegel“ wäre nicht der „Spiegel“, wenn er bei türkischen Tätern irgendwelche Fragen stellen würde.

Enttäuschend ist im Bericht des „Spiegel“ auch die sprachliche Einfallslosigkeit, mit der die Redaktion versucht, die Nationalität der Täter so bemüht zu kaschieren. Dem „Spiegel“ fällt in seinem Text nichts Besseres ein als die bekannte Stereotype von den „jungen Männern“ – ein längst auch jenseits von PI-Kreisen entschlüsselter Codebegriff für „Türken/ Araber“. Deutsche Täter sind niemals „junge Männer“. Für eine Zeitschrift, die trotz ihrer politischen Zwangsjacke durchaus mit journalistischem Schliff glänzen kann, ist das ein etwas lustloser Umgang mit Sprache, selbst manipulativer Sprache.

Der „Stern“ bringt am 14.3. eine Erstmeldung mit ähnlicher Herzschmerz-Struktur wie der oben genannte Bericht im „Focus“, ringt sich allerdings nicht einmal einen dezenten Hinweis auf die politische Bedeutung des Vorfalls ab. Ähnlich wie beim „Spiegel“ hoffte man anfangs wohl, den Vorfall über die pseudosachliche Schiene abtun zu können und sich hinter „Fakten“ zu verstecken, die die entscheidenden Fakten ungesagt lässt. Erst am 15.3. wird in dem Bericht „Nach der Trauer droht die Rache“ der politische Hintergrund angesprochen. Der Text lohnt eine nähere Betrachtung:

Als Einstieg dient das am Tatort angebrachte „Warum?“, das auch der „Focus“ bereits bemühte:

Über dem Zettel hängt ein Foto des 25-jährigen, daneben die Frage, die alle bewegt: ‚Warum?‘ Warum musste Daniel S. sterben – totgetreten mutmaßlich von einem 20-jährigen bei dem Versuch, einen Streit zu schlichten.

25-jähriger, 20-jähriger: Hier werden Opfer und Täter zunächst auf eine gemeinsame Ebene, „Jugendliche“, gehoben. Wie schon im „Focus“ wird der Eindruck erweckt, es handele sich um eine „normale Jugendschlägerei“ ohne jede politische Bedeutung. Für den „Stern“ erstaunlich ist dann die Antwort, die der „Stern“ auf die so demonstrativ in den Vordergrund gestellte Frage nach dem „Warum?“ gibt. Deutschlands selbsternanntes Investigativjournal Nummer Eins, jene legendäre Zeitschrift, die Staat und Regierung einst mit Enthüllungen über die Standorte der Pershing-Raketen das Leben schwer machte, das Blatt, das bis weit in die 80er als Stachel im Fleisch politischer Selbstgefälligkeit galt, hat lapidar zur Antwort: „Während Polizei und Staatsanwaltschaft nach einer Antwort auf die Frage suchen…“. Im Klartext: Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft nach der Antwort suchen, dann ist ja alles in Ordnung. Dann braucht ja der „Stern“ nicht auch noch nach der Antwort zu suchen. Polizei und Staatsanwaltschaft: In deren Recherchen hat der „Stern“ vollstes Vertrauen.

Vom Stachel im Fleisch zum politischen Propagandablatt der Regierenden: Seine neue Rolle hat der „Stern“ längst gefunden, und er findet sie auch in seinem Bericht über Kirchweyhe: Das „Warum?“ der Tat ist für den „Stern“ uninteressant, interessant ist für den „Stern“ hingegen die Veranstaltung des „Präventionsrats“ und des „Runde Tischs“. Die Honoratioren aus Kirchweyhe: Bürgermeister, Pfarrer, Ökobauer, Lehrer, Gastwirt. Das sind die Autoritäten, an die der „Stern“ von heute glaubt.

Die auffällige Überbetonung lokaler Autoritäten (Polizei, Staatsanwaltschaft, Präventionsrat, Runder Tisch) dient im „Stern“ aber auch einem manipulativen Zweck. Ähnlich wie bereits in der „Welt“ verbirgt sich dahinter eine Warnung an den Leser: Halt Dich raus! Dem Leser soll der Eindruck vermittelt werden, der Staat und lokale Autoritäten kümmerten sich bereits um den Fall, als Leser braucht er also nicht weiter nachzufragen. Nachzufragen stört nur die Staatsanwaltschaft und den Präventionsrat, die jetzt ja ganz ordentlich ihre Arbeit machen.

Statt sich mit dem „Warum?“ zu beschäftigen oder wie in glanzvollen alten Zeiten die Arbeit der Autoritäten zu hinterfragen (Warum schweigt der Innenminister? Warum schweigt die Kirche? Warum schweigen die sonst so laut lärmenden türkischen Verbände? Hätten all diese Autoritäten auch geschwiegen, wenn bei einer „normalen Jugendschlägerei“ sechs Deutsche einen Türken totgetreten hätten? Hätte dann auch der „Stern“ genauso geschwiegen? Hätte er seinen Artikel dann genauso aufgebaut, genauso geschrieben?) widmet sich der „Stern“ ganze drei Absätze lang einem Thema, das mit der Tat in Kirchweyhe überhaupt nicht in unmittelbarem Zusammenhang steht: dem deutschen Rechtsradikalismus (… und hätte er in einem Bericht über den Mord an einem jungen Türken durch sechs Deutsche den türkischen Rechtsradikalismus der Grauen Wölfe zum Thema gemacht?).

Was der Rechtsradikalismus mit Kirchweyhe zu tun hat, ist dem „Stern“-Leser zunächst völlig unklar: Der „Stern“ hat seinen Leser ja über den ethnopolitischen Hintergrund der Tat gar nicht informiert. Der Leser also fragt sich verwirrt: War der Täter etwa rechtsradikal? Oder war das Opfer rechtsradikal? War vielleicht der Busfahrer rechtsradikal? Steckt denn mehr dahinter als eine „normale Jugendschlägerei“? Um was geht es hier eigentlich? Erst im allerletzten Satz (!!) gewährt der „Stern“ seinem Leser den entscheidenden Hinweis: „Nach der Tat kam der 20 Jahre alte Cihan A. wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Untersuchungshaft.“ Keine Benennung der Nationalität natürlich, aber in Zeiten der „Bunten Republik“ hat der Leser in Deutschland längst gelernt zwischen den Zeilen zu lesen, und das weiß man natürlich auch in der Redaktion des „Stern“. Insgesamt also ein schwacher und verwirrender Abschluss – aber zwangsläufige Folge einer Berichterstattung, die vom ersten Satz an nur darauf abzielt, sich um den Kern der Sache, das „Warum?“, geschickt herumzumogeln.

Liebe Kollegen vom „Stern“! Über alle politischen Unterschiede hinweg sei daran erinnert: Ein Journalist, der aufhört nach dem „Warum?“ zu fragen, ist kein Journalist mehr, sondern macht sich zum Büttel politischer Interessengruppen, auch wenn er meint, aus „guten Gründen“ zu handeln. Es ist und bleibt das Wesenselement des journalistischen Berufes, nach dem „Warum?“ zu fragen, ganz gleich, ob die Antwort auf dieses „Warum?“ den jeweils herrschenden Autoritäten gefällt oder nicht. Ein Journalist, der es aus politischer Rücksichtnahme aufgegeben hat, nach dem „Warum?“ zu fragen, hat sich selbst aufgegeben.