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Multikulti, Identität und kulturelle Souveränität

Die Identitären haben es auf die Titelseite der Jungen Freiheit vom letzten Freitag geschafft, andere aber sehen sie schon in der Krise, weil sie nicht die Identität bestimmen, die sie verteidigen wollen. Ich will hier die Gegenthese zur Diskussion stellen: Wer Multikulti mit einer positiven Bestimmung des Eigenen bekämpfen will, hat schon verloren. Denn Multikulti ist eine starke Position, weil sie inhaltlich leer ist und kaum etwas beweisen muss. Diese Leere kann man nur seinerseits ins Leere laufen lassen. Es ist also eine richtige Schwerpunktsetzung, wenn die Identitären sich nicht in Diskussionen um deutsche Identität verzetteln.

(Von Peter M. Messer)

Weil der Multikulturalismus keine konkreten kulturellen Inhalte vertritt, sondern nur eine konturlose Buntheit fordert, trägt er kaum Argumentations- und Beweislasten. Zusätzlich kann er sich auf die Werte von Wahlfreiheit, Veränderung und Expansion berufen, die gegenwärtig überall forciert werden und ebenfalls leer sind, weil sie kein positiv definiertes Ziel haben: Vom Neuen ist nur sicher, dass es nicht das Alte ist. Wer gegen den Multikulturalismus eine inhaltlich bestimmte Identität ins Feld führt, ist darum immer im Nachteil, weil er viel mehr als sein Gegner leisten muss und dabei in eine Reihe von Fallen tappt, die einen Erfolg letztlich unmöglich machen:

Die Definitionsfalle: Was ist denn bitteschön deutsch oder auch nur europäisch? Man weiß ja aus den Leitkulturdebatten, dass das eine schwierige Frage ist, über die sich auch Gegner von Multikulti zerstreiten können. Ein Multikulturalist hat kein vergleichbares Problem.

Die Reduktionsfalle: In jeder Diskussion ist der Raum (Sendezeit, Zeitungszeilen usw.) notwendig begrenzt. Ich kann dicke Bücher über die Deutsche Seele schreiben, aber nicht effektiv in die Diskussion einbringen. Vieles, was eine kulturelle Identität in ihrer Lebenswirklichkeit ausmacht, geht darum verloren. Multikulturelle Buntheit kann man in einem Satz fordern.

Die Abstraktionsfalle: Die notwendige Reduktion bringt die verteidigte Kultur auf abstrakte Begriffe. Damit gehen weitere Details und die Lebendigkeit des Eigenen verloren – Details, die auch Anknüpfungspunkte für zukünftige Entwicklungen der eigenen Kultur hätten werden können. Weil die Abstraktion die eigene Kultur verstümmelt und reizlos macht, wird es auch schwerer nachzuvollziehen, warum man sie denn bewahren und verteidigen sollte. Zudem sorgt die Abstraktion dafür, dass die Unterscheidbarkeit zu anderen Kulturen durch den Detailverlust gerade vermindert wird.

Die Versprachlichungsfalle: Diese Falle ist eng mit der Abstraktionsfalle verwandt, aber nicht dasselbe: Die Diskussionen um Kultur finden notwendigerweise im Medium der Sprache statt. Aber kann Sprache die Lebenswirklichkeit überhaupt vollständig abbilden? Kultur vollzieht sich ja meist nicht über das Anwenden begrifflicher Definitionen, sondern über das Erkennen und Wiederholen von Mustern, die sich auf alle Sinne beziehen können. Wenn ich ein bestimmtes Gericht als italienisch identifiziere, dann rattere ich in meinem Inneren keine Definition herunter, sondern erkenne ein geschmackliches Muster wieder. Die Bestimmung des Eigenen mit ausschließlich sprachlichen Mitteln ist darum notwendig unvollständig und darüber hinaus sogar lebensfeindlich: denn wie das Beispiel zeigt, hängen in vielen kulturellen Feldern Nichtsprachlichkeit und Genuss zusammen.

Die Legitimations- und Aggressionsfalle: Der Monokulturelle muss seine Kultur gegenüber dem Multikulturellen nicht nur darstellen, sondern auch als erhaltenswert legitimieren. Diese Begründung der Anhänglichkeit an das Eigene erfordert damit einen Rückgriff auf höhere und allgemeinere Werte. Das zieht eine Fülle von Folgeproblemen nach sich: Wenn meine Kultur nur ein Ausfluss höherer Werte ist, sind dann nicht die höheren Werte entscheidend, und nicht ihre konkreten Ausprägungen? Wenn es auch andere Kulturen gibt, die diese Werte verwirklichen, warum sollte ich mich dann von diesen abgrenzen? Und wenn die anderen Kulturen diese Werte nicht teilen, erhebe ich mich über sie und lege das Fundament für einen Angriff auf sie? Multikulti wird so zu einer Quelle interkultureller Aggression, weil die von ihr verursachten Legitimationsversuche eine Kultur dazu zwingen, den eigenen Geltungsanspruch zu universalisieren.

Die Selbstbindungsfalle: Woher will ich eigentlich wissen, dass ich bestimmte kulturelle Optionen mein Leben lang beibehalten will? Auch heutige Identitätsforscher, die das Konzept der individuellen Identität (das wird ja auch angegriffen!) aufrechterhalten, sehen Identität als eine Abfolge von „Identitätsprojekten“ an, die im Idealfall zu einer stimmigen Erzählung verbunden werden. Ich bleibe in dieser Erzählung aber nicht derselbe. Ob es einem gefällt oder nicht, das heutige Leben steht unter dem Stern der permanenten Veränderung, mit der die Annahme einer stabilen kulturellen Identität kollidiert.

Zuletzt die Publikumsfalle:
Jede positive Aussage zur eigenen Identität unterliegt dem Irrtum, dass einem der Gegner überhaupt zuhört. In der heutigen Lage bestimmen wir über unsere Identität aber nicht selbst, sie wird uns von unseren Gegnern aufgestempelt: wir sind als Nachfahren nazistischer oder kolonialer Aggressoren schuldbeladen und grenzen durch unsere Identität andere aus, weshalb wir uns den Fremden, deren Identität von den Herrschern des Diskurses niemals in Frage gestellt wird, zu unterwerfen haben. Von daher sind alle Anstrengungen zur Bestimmung des Eigenen in den Wind gesprochen.

Diese kurze Darstellung zeigt übrigens, dass Multikulturalität die eigene Kultur bereits durch die Abgrenzungs- und Definitionsarbeiten beschädigt, die sie ihr aufzwingt: Eine sprachlich-abstrakt definierte Identität ist eine deformierte Identität.

Man kann diese Fallen aber umgehen, indem man wie der Multikulturalismus auf konkrete Inhalte verzichtet und stattdessen seine kulturelle Souveränität verteidigt. Der Kultursouveräne verteidigt nicht mehr eine konkrete Kultur, sondern seine kulturelle Wahlfreiheit: er will selbst entscheiden, welchen kulturellen Einflüssen er sich zu welchem Zeitpunkt aussetzt. Eine Kultur muss ihm nicht die beste aller Lebensformen bieten, sondern einen Korb abgestimmter und erprobter Handlungsweisen, die es ihm erlaubt, eine große Anzahl von Entscheidungen und Handlungen seines Lebens vornehmen zu können, ohne jede einzelne zum Gegenstand eines aufwendigen Entscheidungsprozesses machen zu müssen. Dies schließt aber nicht aus, dass er eine solche Entscheidung treffen könnte, wenn er denn das Bedürfnis danach hat. Kultur ist hier weder ein Gemischtwarenladen noch eine vollständig verbindliche Ordnung, sondern ein default setting: eine Voreinstellung, die verwirklicht wird, wenn man einfach die Eingabetaste drückt.

Die Erhaltung einer halbwegs homogenen Kultur rechtfertigt sich damit nicht qualitativ, sondern quantitativ als Vorbedingung einer effizienten Nutzung der begrenzten Lebensressourcen Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit. Der Kultursouveräne lehnt Multikulturalität als Lärm ab, weil er sich auf die Dinge konzentrieren will, die ihm wirklich wichtig sind. Das kann zu einem Blick über den kulturellen Tellerrand führen, wenn er ein Ungenügen an einer von seiner Kultur gebotenen Option empfindet – aber nur dann. Man beschäftigt sich ja auch nur mit Speisekarten, wenn man Hunger hat.

Der Kultursouveräne weiß dabei, dass kulturelle Einflüsse unterschiedlich stark sein können. Die tiefgreifende Veränderung steht neben dem kurzlebigen Exotismus, und womit man es gerade zu tun hat, weiß man erst nachher. Anders als den Ethno-Look der vergangenen Saison kann man Einwanderer aber nicht in die Altkleidersammlung geben. Kultursouveränität rechnet also gerade mit kulturellem Wandel. Deshalb bevorzugt sie den Kulturaustausch über Waren und Informationen und nicht über den Austausch von Menschen. Das war in der Vergangenheit der Regelfall, und gerade durch die Vernetzung und Digitalisierung der Welt ist der Kulturaustausch durch menschliche Träger völlig überflüssig geworden. Wer heute noch Multikulti zur Vorbedingung von Kulturtransfers macht, zeigt nur, dass er keinen Computer bedienen kann.

Eine Angriffsfläche allerdings bleibt: der Kultursouveräne gibt zu, dass er eine konsistente Kultur als Grundlage seines Lebens braucht. Anders als der Multikulturalist behauptet er nicht von sich, ein beliebig souveräner Kulturkonsument zu sein, der sich aus einem breiten Angebot sein Leben zusammenbastelt. Darum aber steht ausgerechnet ihm das gesamte Theorie-Arsenal der Linken zur Verfügung, mit dem sie sonst die Idee des rein selbstverantwortlichen Individuums bekämpft. Die Idee des souveränen Konsumenten wird von der Linken ständig verneint, das zeigt jedes Werbeverbot. Auch sonst ist es für Linke ein schwerer Vorwurf, eine Position sei subjektivistisch, individualistisch oder psychologistisch und vergesse die gesellschaftliche Bedingtheit der einzelnen Existenz. Das Menschenbild des bunten Multikulturalismus besteht aus Annahmen, die Linke an anderer Stelle sofort als „kapitalistische Propaganda“ bekämpfen würden.

Kultursouveränität steht dabei positiven identitären Projekten nicht im Wege. Sie ist eine Kampftechnik, kein Inhalt, und sie muss deshalb auch für keinen Inhalt begeistern. Sie ist die Mauer um den Garten, nicht der Garten selbst. Sie macht es aber überflüssig, eine inhaltlich bestimmte Identität zur Verteidigung gegen die Zumutungen von Multikulti ins Feld zu führen. Wieso sollte ich auch meine Identität gegenüber einem Multikultifreak rechtfertigen wollen? Dazu ist mir meine Identität zu schade. Es reicht aus, die Freiheit für sich zu behaupten, sich nur den Einflüssen auszusetzen, denen man sich aussetzen will. Deshalb ist Kultursouveränität auch gut, um Brücken zu anderen Gegnern von Multikulti zu bauen, die sich aber nicht auf bestimmte kollektive Identitäten festlegen lassen wollen.