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Wiedersehen mit Mohammed & Karl d. Großen (2)

Emmet Scott ist ein Historiker, spezialisiert auf die antike Geschichte des Nahen Ostens. Während der letzten zehn Jahre hat er sich insbesondere mit der späten klassischen Zeit und ihrem Niedergang beschäftigt, den er als eines der wichtigsten Ereignisse der westlichen Zivilisation ansieht. Das vorliegende Dokument ist das letzte Kapitel aus dem Buch von Emmet Scott. Er befasst sich mit den Thesen des belgischen Historikers Henri Pirenne zur Geschichte Europas vor und nach dem Beginn der islamischen Eroberungen um 700 n.Chr. Wir haben den Text übersetzt, leicht umstrukturiert und mit Untertiteln und ->Links versehen. Wir veröffentlichen nachfolgend den zweiten Teil unserer vierteiligen Serie (hier Teil 1).

Theokratie als islamisches Prinzip

Eines der herausragendsten Charakteristika des Mittelalters, und eines, welches diese Periode wahrscheinlich am deutlichsten vom klassischen Altertum unterscheidet ist seine Theokratie. Das Mittelalter war, par exellence, das Zeitalter priesterlicher Macht. Im Westen war der Einfluß der Kirche immens und reichte viel weiter als dies unter den christlichen römischen Kaisern und den germanischen Königen des fünften und sechsten Jahrhunderts je der Fall gewesen war. Das Papsttum hatte jetzt die Macht, Könige und Kaiser zu beurteilen, sie einzusetzen oder zu entfernen. „Durch mich regieren Könige“ (Gottesgnadentum) war der stolze Ausspruch der mittelalterlichen Päpste. [6]

Wie kam es soweit? Folgen wir Pirenne, war die Umformung des westlichen Reiches unter Karl dem Grossen unmittelbar verbunden mit dem Aufstieg des Islam und der Zerstörung der byzantinischen Macht. Es wurde auch sehr bewußt als eine Methode angesehen, das westliche Christentum gegen den vordringenden Islam zu stärken. In den folgenden Jahren erhielt das neue westliche Reich dann auch einen neuen Namen: ->Heiliges Römisches Reich – außergewöhnlich zutreffend für eine symbiotische Union von spiritueller und irdischer Autorität im Herzen Europas. Die Krönung des Kaisers – die Inauguration Karls des Grossen wurde zum Modell – war ein Ereignis voll von religiöser Bedeutung. Diese Männer regierten Dei gratis, die Kirche wurde damit zum Hauptinstrument königlicher Regierungstätigkeit. Die Autorität der westlichen Herrscher wurde nun nicht mehr nur von ihrer militärischen und ökonomischen Stärke abgeleitet, so wie es unter des Cäsaren und germanischen Königen des fünften und sechsten Jahrhunderts der Fall gewesen war, sondern sie war letztendlich von der Sanktionierung und Anerkennung der Kirche abhängig.

Es waren mehrere Faktoren an dieser entscheidenden Entwicklung beteiligt. Wie Pirenne festgestellt hat wurden mit dem Niedergang der Schriftkultur im siebten Jahrhundert – als Folge der Unterbindung des Schiffsverkehrs auf dem Mittelmeer – die Könige gezwungen, bei der Kirche Ersatz an gebildeten und fähigen Verwaltern zu suchen. Verwalter, die es brauchte, um einen Staatsapparat funktionsfähig zu halten. Nochmals: der Verlust an Steuereinkommen als Folge des Ausfalls des mediterranen Seehandels schwächte die Position der Könige gegenüber den Baronen und dem Kleinadel. Diese konnten nun ihre Macht und Unabhängigkeit stärken. Die Könige brauchten dringend ein starkes Gegengewicht welches die Unterstützung der Kirche nun bot. Mit der Kirche auf ihrer Seite konnten die Könige die Barone im Grossen und Ganzen unter Kontrolle halten. Aber das hatte einen Kompromiß zur Folge. Die Kirche mochte wohl den König auf dem Thron halten aber sie gewann im Gegenzug nie dagewesenen Einfluß und Autorität. Mit der Zeit wurden die europäischen Könige dadurch im eigentlichen Sinne den Päpsten untergeordnet. Diese konnten in extremen Fällen sogar einen König entthronen. Alles was ein mittelalterlicher König tat oder tun wollte konnte er nur mit der Sanktion der Kirche tun. Sogar der machtvolle und unabhängige Herzog der Normandie und spätere König von England William der Eroberer konnte die Invasion Englands erst durchführen, nachdem er dafür die päpstliche Einwilligung abgeholt hatte.

Europas Übernahme theokratischer islamischer Prinzipien

Die Herrscher der karolingischen und ottonischen Zeit legten im neunten und zehnten Jahrhundert das Fundament für die mittelalterliche Theokratie; obschon damals das Papsttum noch relativ schwach war. Um die Unterstützung von Otto dem Ersten gegen die italienischen Gegner von Papst Johannes XII zu bewirken, bestätigte letzterer dafür Otto im Gegenzug die Kaiserwürde. Der Anspruch darauf war nämlich mit dem Tod Karls des Grossen erloschen. Hier sehen wir, daß die Umstände und Bedingungen im zehnten Jahrhundert nach einer angeblichen 300 jährigen Periode der Dunkelheit noch immer weitgehend dieselben waren, so wie sie im sechsten und frühen siebten Jahrhundert geherrscht hatten: Die germanischen Königreiche waren grundsätzlich säkularer Natur und Päpste und Priester waren den Königen unterstellt. Aber die Konditionen veränderten sich. Otto I und seine Nachfolger statteten ihre Verwaltungen mit Kirchenleuten aus; letztere hatten zu jener Zeit offensichtlich das Monopol an Wissen sowie Lese- und Schreibkompetenz. Die alte römische Welt war definitiv eine Sache der Vergangenheit geworden. Von nun an nahm die Macht der Kirche stetig zu.

Aber sogar jetzt noch mußte die Kirche um Überlegenheit kämpfen, ein Kampf, der im zehnten Jahrhundert mit Hilfe der ->Ottonen begann und der im elften Jahrhundert mit dem Sieg des Papsttums endete. „Sie (die Kirchereformer) kämpften, um die endgültige Kontrolle der Kirche als eigenständige, dominante und monarchische Institution abzusichern. Ein solcher Wettstreit war eine frontale Herausforderung gegenüber dem alten System des römischen Reiches. Es war ein direkter Angriff gegen die Könige welche noch voraussetzten, daß sie die Rechte der römischen Herrscher geerbt hätten. Es war auch ein indirekter Angriff auf den Kaiser von Konstantinopel im Osten. Dieser unterhielt noch immer das alte System (der säkularen Vorherrschaft) und wurde nun für seine Bemühungen des Schismas bezichtigt.“ [7]

Der „Heilige Krieg“ kommt nach Europa

Der eigentliche Gipfel der mittelalterlichen Kirchenmacht kam ein Jahrhundert später während der Regierungszeit von ->Innozenz III (1198-1216) zum tragen.

Papst Innozenz III (1160 – 1216)

Dieser Mann richtete zwischen rivalisierenden deutschen Kaisern und setzte Otto den Vierten ab. Er stellte England unter ein Interdikt und exkommunizierte König John weil dieser sich weigerte, Stephen Langdon als Erzbischof von Canterbury anzuerkennen. Seine bemerkenswertesten Aktionen waren hingegen die Etablierung der Inquisition und der Start des berüchtigten Kreuzzugs gegen die Albigenser. Durch diesen löschte er die Bewegung der Katharer völlig aus. Schließlich war Innozenz – der mächtigste unter den mittelalterlichen Theokraten – ein Verfechter des „Heiligen Krieges“ und ein Vollstrecker der absolut konformen Doktrin. Unter ihm wurde Apostasie ein Kapitalverbrechen. Während seiner Zeit wüteten auch die anderen Kreuzzüge gegen die Muslime Spaniens sowie des Nahen und Mittleren Ostens weiter.

Ironischerweise ist Innozenz’ Haltung gegenüber der Apostasie und der absolut konformen Doktrin sowie dem „Heiligen Krieg“ in totaler Übereinstimmung mit islamischen Vorstellungen – wir müssen uns an dieser Stelle überlegen, in welchem Ausmaß diese extremen Positionen europäischer Theokratie sich letztendlich aus den islamischen abgeleitet haben.

Der Islam war natürlich von Anfang an theokratischer Natur. Es gibt kein: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Matthäus 22, 21) Gleich zu Beginn waren spirituelle und weltliche Macht in der Person von Mohammed vereint. Dieselbe Situation herrschte später unter den Kalifen; ein jeder war zuallererst “Befehlshaber der Gläubigen”. Trotzdem können wir nicht beurteilen, ob die Gründung der europäischen Theokratie das Resultat einer bewußten Imitation islamischer Ideen war so wie dies die Bilderstürmerei und der „Heilige Krieg“ gewesen waren. Der Beitrag des Islam zur europäischen Theokratie war real genug aber eher nachfolgender denn nachahmender Natur. Wie wir gesehen haben, ließ die Verarmung Europas und seiner Monarchen, verursacht durch die muslimische Mittelmeerblockade, den Herrschenden kaum eine andere Möglichkeit übrig als sich zwecks Unterstützung an die Kirche zu wenden. Zudem nahm der Kampf um die Verteidigung Europas wegen der eigentlichen Natur des Feindes eine religiöse Dimension an (jeglicher Glaube gewinnt an Stärke wenn er Opposition erlebt). Auch das mag wohl die Macht und das Prestige der Kirche gestärkt haben.

Während also die mittelalterliche Theokratie nicht das Resultat direkter Nachahmung islamischer Ideen war, so war der Islam bei ihrer Geburt doch hilfreich. Zudem stammen die Art von Theokratie welche sich damals in Europa formte sowie einiger der darunter liegenden verknüpften Ideen sehr wohl vom Islam ab.

Apostasie und Häresie als Kapitalverbrechen

Von Anfang an betrachtete der Islam Apostasie und Häresie als Kapitalverbrechen. [8] Beinahe unmittelbar nach dem Tod Mohammeds brachen ernsthafte und äußerst gewalttätige Dispute im Zusammenhang mit kollidierenden Ansprüchen auf die Nachfolge des Propheten aus. Attentate und Meuchelmorde gehörten zur Tagesordnung. Sogar diejenigen, die keine Führungsansprüche besaßen jedoch heterodoxe Ansichten vertraten waren gewaltsamer Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt. Das berüchtigtste frühe Beispiel finden wir im Schicksal von ->Mansur al-Halladsch (858-922), einem persischen Mystiker. Sein Tod war demjenigen von Jesus ähnlich – es ist überliefert daß man ihm, bevor er gekreuzigt wurde, die Augen ausgestochen und ihn auch anderswie gefoltert habe. Das Töten von politischen und religiösen Opponenten sowie allen anderen, welche irgendwie vom orthodoxen Islam abweichten ereignete sich vom Beginn weg und zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte muslimische Geschichte hindurch. Dasselbe geschah auch mit den Ungläubigen wie den Christen und Juden – welche ja theoretisch zumindest dhimmis, also „Beschützte“ sind: tatsächlich waren sie aber schon immer die Objekte grausamer Attacken seitens der Muslime. So wissen wir zum Beispiel, daß im Jahr 704/705 der Kalif Walid (705-715) „die armenischen Nobelmänner in der St. Gregory Kirche von Naxciwan und der Xrain Kirche von Araxis zusammentreiben und in der Folge verbrennen ließ. Andere wurden gekreuzigt und geköpft sowie deren Frauen und Kinder gefangen genommen. In Armenien wurde die gewalttätige Christenverfolgung von 852 bis 855 geschichtlich festgehalten.“ [9] Zumindest von der Almohadenzeit (im frühen 12. Jahrhundert) an existierten in Spanien und Nordafrika Untersuchungskomitees, eine wahrhaftige „Inquisition“ um Apostaten auszuhebeln. Man erzählt daß die Juden, welche zu der Zeit gezwungen wurden den Islam anzunehmen, eine Masse von „neuen Konvertiten“ ausmachten welche trotzdem ihre angestammte Religion heimlich weiter ausübten. Aber die „almohadischen Inquisitoren zweifelten an deren Aufrichtigkeit, nahmen ihnen die Kinder weg und zogen sie als Muslime auf.“ [10]

Beginnend im späten 12. frühen 13. Jahrhundert adoptierte die mittelalterliche Christenheit dann dieselbe Haltung. Man hatte nun eine eigene Inquisition um Häretiker zu isolieren und es wurde für solche Missetäter die Todesstrafe vorgeschrieben. Der richterliche Gebrauch von Folter, „eine Neuheit in Europa“ zu der Zeit, wurde gang und gäbe. [11] Tatsächlich waren all diese Praktiken neu im Europa des 11. und 12. Jahrhunderts: die barbarische Behandlung von Kriminellen und Dissidenten welche im alten römischen Imperium gebräuchlich war, verlief sich während den frühen christlichen Jahrhunderten im Sand. Konstantin schaffte die Kreuzigung als Hinrichtungsform ab und versuchte dasselbe mit den Gladiatorenshows, welche dann schlußendlich durch Honorius im frühen 5. Jahrhundert aufgehoben wurden. Die Situation der Sklaven verbesserte sich durch die Christianisierung des Reiches dramatisch und die Kirche arbeitete darauf hin, diese Institution in ihrer Gänze aufzuheben – ein Ziel, welches dann im 8./9. Jahrhundert erreicht wurde. Gefangenfolter, eine Routine im römischen Reich, wurde ebenfalls nach und nach während dieser Zeit abgeschafft. Es gibt keinen Nachweis, daß es in den ersten christlichen Jahrhunderten die Art letaler Intoleranz gab, welche die Inquisition charakterisierte. Zugegebenermaßen war die Kirche der Frühzeit in eine Serie langwieriger und bitterer Dispute über die korrekte Interpretation von Jesus’ Leben und Mission involviert. Diejenigen, welche nicht mit den durch diverse Konzile festgelegten etablierten Dogmas in Übereinstimmung waren wurden als Häretiker verschrien und eine ziemlich heftige Verurteilung dieser Leute und Gruppen war beinahe endemisch verbreitet. Obwohl die Sprache dieser Dispute oft unmäßig war wurden sie selten gewalttätig; falls sie einmal ausarteten, so fanden diese Ausschreitungen in kleinem Rahmen und grundsätzlich ohne offizielle Sanktionen oder Genehmigungen statt. Gewalteinsatz zwecks Durchboxens orthodoxer Standpunkte wurde von sämtlichen Kirchenvätern verurteilt. ->Lactantius argumentierte folgendermaßen: „Glauben kann man nicht mit Gewalt erzwingen; man muss die Sache nicht mit Schlägen sondern mit Worten vorantreiben damit der Wille beeinflusst werden kann.“ Er schrieb weiter:

„O, mit was für ehrenhaften Neigungen laufen die miserablen Menschen in die Irre! Denn sie sind gewahr, daß es für Menschen nichts Exzellenteres gibt als die Religion und daß diese mit all unserer Kraft verteidigt werden muss; genau so wie sich aber in den Belangen der Religion selber täuschen lassen, so auch in der Art und Weise ihrer Verteidigung. Denn Religion soll nicht mit töten, sondern mit dem Tod; nicht mit Grausamkeit, sondern mit geduldiger Ausdauer; nicht mit Schuld, sondern mit richtigem Glauben verteidigt werden. …

Denn wenn man wünscht, die Religion durch Blutvergießen, Folter und Schuld zu verteidigen, dann wird sie damit nicht mehr länger verfochten, sondern sie wird verschmutzt und entweiht. Denn nichts ist so sehr die Domäne des freien Willens als der Glauben; wenn der Geist des Gläubigen sich gegen ihn wehrt, verschwindet er sofort und hört auf, für ihn zu existieren.“ [12]

Später schrieb ->Johannes Chrysostomos: “Es ist falsch einen Häretiker zu töten denn unausweichlich würde in der folge Krieg auf Erden herrschen.“ [13]

Johannes Chrysostomos (344 oder 349 – 407).

Auch Augustinus schrieb über Häretiker, daß „es nicht der Tod eines Häretikers ist, den wir suchen, sondern seine Erlösung vom Irrtum.“ [14] Trotz all dieser sowie weiterer Ermahnungen kam Gewalt gegen Häretiker vor; es waren jedoch isolierte Vorfälle welche die Kirchenväter nie billigten. Ein solches Beispiel war die Unterdrückung der sogenannten ->priszillianischen Häresie im Spanien des späten 4. und frühen 5. Jahrhunderts. Priszillian wurde mit sechs seiner Nachfolger getötet und man verfolgte die Sekte auch auf andere Weise. Diese Morde wurden jedoch von der Kirchenautorität ganz und gar verurteilt.

Dasselbe war der Fall betreffend des weit berühmteren Mordes von Hypatia. Dies ereignete sich im frühen 5. Jahrhundert und erreichte in manchen Kreisen fast einen Kultstatus: es wird als das Beispiel für christliche Engstirnigkeit und Obskurantismus angesehen. Vom wenigen was wir darüber wissen wird trotzdem klar, daß dieser Mord von einer gesetzeslosen Bande Fanatiker und nicht von der Kirche verübt wurde. Wir weisen zudem darauf hin, daß sich dieser Anschlag in Ägypten ereignete, einem Land mit einer langen Tradition von religiösem Fanatismus. Während der Regierungszeit von Julius Cäsar zum Beispiel lynchte ein ägyptischer Mob einen römischen Hauptmann – dieser Akt hätte ihnen schreckliche Vergeltung einbringen können – weil er die Kühnheit hatte, eine Katze zu töten. Solche isolierten Akte von Fanatismus kamen in allen Religionen und in der gesamten Geschichte vor. Sogar der Buddhismus, die friedfertigste und toleranteste der religiösen Ideologien ist nicht gänzlich frei davon. Alles in allem kann uns der Mord an Hypatia nicht viel erklären. Im 5. Jahrhundert betrachtete der christliche Kirchengeschichtschreiber Sokrates Scholastikos ihn als bedauernswerten Fall von Engstirnigkeit; 300 Jahre später jedoch billigte sein Landsmann Johannes von Nikiu den Mord voll und ganz. Er beschrieb Hypatia als „eine Heidin“, die sich „der Magie verschrieben und viele Menschen mit ihren satanischen Listen betört habe.“ Was hat nun diesen Wandel verursacht?

Humanismus gegen Zauberei und Hexenkult

In der Welt welche wir eine „mittelalterliche“ nennen waren die Vernunft und der Humanismus der Klassik bis zu einem gewissen Grad verschwunden. Dunkle Fantasien und Aberglauben waren mehr verbreitet. Der Glaube an die Kraft von Magiern und Zauberer welcher mit der primitivsten Denkweise assoziiert wird erlebte ein Comeback. In den rückständigsten „modernen“ Gesellschaften gibt es noch immer total unschuldige Menschen welche der „Hexerei“ bezichtigt und auf brutalste Weise für ein Verbrechen getötet werden, daß sie nie begangen haben und das auch gar nicht existiert. Am Ende des Mittelalters war diese Mentalität nach Europa zurückgekommen und im Jahre 1484 verkündete eine ->päpstliche Bulle den Tod für Hexen und Satanisten. Sogar zurzeit von Innozenz dem Dritten glaubte man daß die Häretiker jener Zeit, die Katarer und die Waldenser, der Inspiration von Satan unterworfen seien.

Als Europa im 10. Jahrhundert jedoch aus dem sogenannten dunklen Zeitalter wieder auftauchte, badete es noch immer im Licht der Vernunft und des Humanismus. So kam es daß ein zeitgenössisches Kirchengesetz den Glauben unter den ländlichen Bewohnern, „gewiße Frauen“ hätten die Angewohnheit mitten in der Nacht auf Biestern herumzureiten und noch vor dem Morgengrauen große Distanzen zurückzulegen, kritisierte und verurteilte. Laut diesem Kanon war jeder, der so was glaubte „zweifelsohne ein Ungläubiger und Heide.“

Etwas früher verkündete der heilige Agobard, Bischof von Lyon, es sei nicht wahr, daß Hexen Stürme heraufbeschwören und Ernten zerstören könnten. Ebenfalls würden sie weder Menschen verschlingen noch mit dem „bösen Blick“ umbringen. [15] „Nur ein paar Generationen später“, schreiben Colin Wilson und Christopher Evans, „war jegliche Person, welche nicht an die nächtlichen Ausritte der Hexen sowie sie die Kirche definierte glaubte, in Gefahr als Häretiker auf dem Scheiterhaufen zu landen.“ [16] Die beiden Autoren fragen was sich wohl in den dazwischen liegenden Jahren ereignet haben mag, daß sich die Haltung der Kirche derartig verändert hatte.

Um dies zu beantworten erinnern wir uns, daß im 11. und 12. Jahrhundert wissbegierige junge Männer aus Nordeuropa ins islamische Spanien reisten um die dortigen Erkenntnisse und Lehren zu studieren. Wie jedoch Louis Bertrand erwähnte waren es nicht die maurischen „Wissenschaften“ welche sie anzogen sondern vielmehr die Pseudowissenschaften der Alchemie, Astrologie sowie der Magie. [17] Was die Mauren gelehrt haben war weit entfernt von dem, was heute so breit gefächert in den politisch korrekten Lehrbüchern unserer Bibliotheken und Buchläden gelobt wird.

Die Idee der Inquisition wird vom Islam übernommen

Magie und Alchemie waren nicht die einzigen Subjekte welche die Europäer von den Muslimen lernten. Erstere nahmen Ideen auch direkt aus dem Koran und den ahadith; zum Beispiel darüber, wie Häretiker, Apostaten und Magier behandelt werden sollen. Und es darf kaum angezweifelt werden, daß Innozenz III, indem er seine eigene Inquisition etablierte, direkt das Beispiel der Almohaden Spaniens imitiert hat welche schon 50 Jahre vorher ihre eigenen Einsatzkommandos ausgesendeten um Häretiker und Apostaten habhaft zu werden.

Innozenz III wird von den Feinden des Christentums als bête noir, als lebendige Verkörperung von allem was am Christentum falsch war und ist, angesehen. Die Tatsache jedoch, daß seine Haltungen islamische – nicht christliche – Vorläufer hatten wird nie erwähnt. Und es gilt noch einen weiteren Punkt in Betracht zu ziehen: währenddem wir das Ausmaß von Innozenz’ Handlungen nicht zu verkleinern suchen, dürfen wir nicht vergessen daß im 12. und 13. Jahrhundert die muslimische Gefahr bei weiten nicht gebannt war. Im Gegenteil: sie war so stark und bedrohlich wie eh und je. Während solcher Umstände werden – wie in jeder Kriegszeit – innerstaatliche Meinungsverschiedenheiten (sowie sie die Katarer darstellten) als so genannte 5. Kolonne wahrgenommen, welche mit dem Feind kollaboriert.

Und es ist bestens bekannt, daß sämtliche abweichenden Meinungen während Kriegszeiten mit einer massiveren Gründlichkeit und Schonungslosigkeit unterdrückt werden als es sonst der Fall ist. Die spätere spanische Inquisition, welche auf der iberischen Halbinsel drakonische Maßnahmen gegenüber Abweichlern durchgesetzt hat, muß in demselben Licht betrachtet werden. Die islamische Bedrohung war allüberall und wir können ziemlich sicher annehmen, daß die starke Unterdrückung der Muslime zu dieser Zeit in direktem Zusammenhang mit der Angst vor einer erneuten muslimischen Invasion der Ottomanen in die iberische Halbinsel stand und damit der Möglichkeit, daß die einheimischen Muslime eine 5. Kolonne bilden würden um die Invasoren zu unterstützen.

» In Kürze Teil 3