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Türkei – Proteste gegen Erdogan eskalieren

Bürgerkriegsähnliche Szenen spielten sich am Freitag bis spät in die Nacht in Istanbul ab. Nachdem die Polizei gewaltsam ein Protestcamp von Umweltschützern im Gezi-Park geräumt hatte, entlud sich der geballte Volkszorn gegen den autoritären Führungsstil von Premier Recep Tayyip Erdogan.

(Von L.S.Gabriel)

Anfang der Woche hatte die Zerstörung eines Parks und die Rodung hunderter Bäume eine, da noch friedliche Protestwelle ausgelöst. Erdogans Pläne für ein großes Einkaufszentrum anstelle des Parks stießen auf heftigen Widerstand. Da es sich hierbei um eines der letzten verbliebenen Naherholungsgebiete der Metropole handelt. Wie Spiegel online berichtet, solidarisierten sich am Freitag zehntausende Menschen mit den, brutal von der Polizei vertriebenen Naturschützern, Studenten und Menschenrechtsaktivisten. Es waren keine Chaoten, sondern Bürger aus der Mitte der Gesellschaft, auf die die Beamten einprügelten. Es wurde mit Wasserwerfern, Tränengas und Pfefferspray gegen die Demonstranten vorgegangen. Und, wie über Twitter lanciert wurde, soll sogar scharfe Munition zum Einsatz gekommen sein. Die Aktivisten setzten sich ihrerseits mit Steinen zur Wehr.

Blutende, teilweise nur noch am Boden kriechende Menschen flüchteten sich in die U-Bahnschächte, verfolgt von der schwarzen Staatsmiliz, die daraufhin Tränengas in die Metro pumpte und gleichzeitig Rettungswagen daran hinderte zu den teils Schwerverletzten durchzudringen.

Viele retteten sich zu Fuß in die umliegenden Krankenhäuser, die mittlerweile überfüllt sind. Menschen mit Knochenbrüchen, Platzwunden und Schwerverletzte, die das Glück hatten einen der Krankenwagen zu erreichen und dringend medizinisch versorgt werden müssen.

Tatsächlich ging es zu der Zeit schon lange nicht mehr um ein paar Bäume im Herzen einer Stadt, sondern um die individuelle Freiheit der Menschen eines ganzen Landes. Der seit Monaten aufgestaute Zorn, über den despotischen Führungsstil der Regierung Erdogan brach sich Bahn. Die Oppositionellen, Liberalen, Linken und Säkularen, die schon lange ein Problem mit Erdogans AKP haben, die zunehmend kompromisslos herrscht und in letzter Zeit nicht nur rücksichtslos Studiengebühren eingeführt hatte und reihenweise Journalisten und Oppositionelle unter Terrorverdacht verhaften hatte lassen, sondern auch zunehmend für eine schleichende Islamisierung der Türkei steht. Dafür spricht auch das kürzlich im Parlament verabschiedete Gesetz, das vorsieht Alkohol de facto zu verbieten.

„Mögen all die Einkaufshäuser einstürzen und Tayyip unter ihrem Schutt begraben werden“, stand auf einem Banner der Oppositionellen, die mit Slogans wie: „Der Widerstand ist überall!“, Richtung AKP-Zentrale marschierten.

Mittlerweile sind die Unruhen auch auf Ankara, Izmir, Bodrum, Eskisehir und Konya übergesprungen. Auch in Berlin versammelten sich Menschen zu einer Kundgebung.

Währendessen beschuldigte die AKP nahe Presse, die Demonstranten selbst schuld zu sein, an ihren teils schweren Verletzungen. „Hätten sie doch nicht demonstriert!“

Widerspruch ist nicht gefragt in Erdogans islamischer Türkei. Wenn es nach dem korantreuen Premier geht waren Säkularität, Freiheit und Gleichheit von Mann und Frau gestern. Seine Türkei gleicht wohl eher einem islamischen Gottesstaat.

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