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Geschichte Südtirols 5 – brutale faschistische Italianisierung durch Ettore Tolomei

bergbauern1918 erschien die Möglichkeit, daß der Brenner Italiens Grenze werden könnte, den Menschen in Tirol unvorstellbar. Das Londoner Geheimabkommen von 1915 (Italy shall obtain the Trentino, Cisalpine Tyrol with its geographical and natural frontier) war zwar durchaus bekannt geworden, aber Woodrow Wilson, der Präsident der inzwischen mächtiger gewordenen USA, hatte am 8. Januar 1918 sein berühmtes 14-Punkte-Programm bekanntgegeben, und in Punkt 9 stand dort, daß die zukünftigen Grenzen Italiens entlang klar erkennbarer Nationalitätslinien verlaufen sollten (A readjustment of the frontiers of Italy should be effected along clearly recognizable lines of nationality). Und diese Nationalitäts- und Sprachgrenzen waren im südlichen Teil Tirols, etwa an der Salurner Klause, völlig klar und überdeutlich. Weder Wilson noch die anderen Siegermächte hielten jedoch diese Punkte oder das mehrmals verkündete Selbstbestimmungsrecht der Völker ein.

Und wie beim Diktat von Versailles die Deutschen absolut nichts zu sagen hatten, so ging es den Österreichern 1919 beim Vertrag von Saint-Germain. Auch sie durften an den Verhandlungen nicht teilnehmen und mußten zwangsweise unterschreiben. Italien bekam mit dem Recht des Siegers Istrien, Südtirol, Welschtirol und das Kanaltal, wobei italienische Sozialdemokraten die Annexion Südtirols ablehnten. Eine Volksbefragung fand nie statt.

Dies war ein harter Schlag! Im eigentlichen Südtirol (ohne Trentino/Welschtirol) lebten zu der Zeit zirka 200.000 Deutsche und 10.000 Ladiner, der Anteil der Italiener lag unter 10 Prozent. Der italienische Staat ging sofort daran, dies zu ändern. Das Militär war bereits bei der Kapitulation 1918 eingeströmt. Zwar hatten die italienischen Abgeordneten und der König Viktor Emmanuel III. feierlich versprochen, der anderssprachigen Bevölkerung autonome Selbstverwaltung einzuräumen, aber eingehalten wurde davon nichts. Im Gegenteil.

Die beherrschende Gestalt in Südtirol wurde für die nächsten zwanzig Jahre Ettore Tolomei, italienischer Irredentist, Nationalist und Faschist. Seit der Jahrhundertwende hatte er die Brennergrenze im Visier gehabt. Auf dieses Ziel arbeitete er in wechselnden Posten und Gremien Tag und Nacht unermüdlich hin. Dazu suchte er unablässig und bienenfleißig wissenschaftlich zu beweisen, daß dieses Land eigentlich schon immer italienisch gewesen sei.

Seine schärfsten Waffen waren Geschichte, Geographie und Sprache. Überall suchte er bereits vor und während des Ersten Weltkrieges nach Spuren des Italienischen in Tirol. Und er fand und erfand die Italianità auch buchstäblich hinter jedem Stein. So bestieg er beispielsweise einen Berg, sagte wahrheitswidrig, er sei Erstbesteiger, und gab ihm einen italienischen Namen. Und Tolomei schrieb und verfaßte Bücher und Abhandlungen und Artikel. Und die fanden dankbare Leser, besonders bei Irredentisten und Faschisten.

PfitschSchon vor Mussolinis Marsch auf Rom 1922 war es zu faschistischen Übergriffen in Südtirol wie dem Bozner Blutsonntag gekommen. Nachdem aber Mussolini herrschte, brauchte Tolomei keine pseudowissenschaftlichen Bücher mehr, nun konnte er als faschistischer Senator regieren und befehlen. „Ein Schrei genügt und wir haben diesen schweinischen Abschaum eines überständigen Österreich hinweggefegt“, ließ er verlauten, nachdem er mit seinen Schwarzhemden das Bozner Rathaus gestürmt hatte. Schließlich wurde am 15. Juli 1923 sein schon lange ausgearbeitetes 32-Punkte-Programm zur Italianisierung des deutsch besiedelten Gebietes verkündet. Tolomei sah als wichtigste Maßnahmen vor:

Einführung der italienischen Amtssprache, Italianisierung aller Ortsnamen und Aufschriften, großzügige Förderung des italienischen Schulwesens und der Einwanderung von Italienern, Verstärkung der in diesem Raum stationierten Militär- und Carabinierieinheiten, Ernennung italienischer Gemeindesekretäre und Entlassung bzw. Versetzung deutscher Beamter und Lehrer nach Reichsitalien, Ausschaltung der von Einheimischen kontrollierten Wirtschaftseinrichtungen (Banken, landwirtschaftliche Genossenschaften) sowie Auflösung der Verbände und Vereine (Deutscher Verband, Alpenverein).
Das von Tolomei formulierte Programm wurde in den folgenden fünf Jahren mit wenigen Modifizierungen verwirklicht. Der öffentliche Gebrauch des Namens Tirol und aller damit zusammengesetzten Begriffe (Südtiroler usw.) wurden untersagt. Provisorisch tolerierte man die Bezeichnung Alto Adige (Hochetsch); Es durften nur noch die zum größeren Teil von Tolomei erfundenen italienischen Ortsnamen verwendet werden. Mit Beginn des Schuljahres 1923/24 wurde stufenweise ab der 1. Klasse die italienische Unterrichtssprache in den Volksschulen dekretiert und zur gleichen Zeit die italienische Amtssprache eingeführt.

Dementsprechend kam alsbald eine größere Zahl italienischer Beamter und Lehrer ins Land, die weder imstande waren, sich mit den Kindern zu verständigen, noch für die besondere Lage der Deutschen Verständnis aufbrachten. Private deutsche Schulen wurden verboten, ja sogar der private Deutschunterricht seit 1925 strengstens verfolgt. Nachdem zuerst überall italienische Gemeindesekretäre eingesetzt worden waren, verloren die Gemeinden den Rest ihrer Autonomie, als 1926 an die Stelle der gewählten Bürgermeister ein Podestä als staatlicher Beamter. (Josef Riedmann, Geschichte Tirols, Wien 2001, S. 241)

Selbstverständlich wurde auch die deutschsprachige Presse erledigt, einzig und allein die kirchlichen Predigten in Deutsch und den deutschsprachigen Religionsunterricht, der privat in Pfarrhäusern gegeben wurde, konnten die Faschisten nicht unterbinden! Siehe auch ‘Katakombenschulen’! Ansonsten war Widerstand gegen den Totengräber Südtirols unmöglich. Verhaftungen und Verbannung waren die Folge.

Eine weitere Methode der Faschisten bestand darin, möglichst viele Italiener ins Land zu holen. Neben den allgegenwärtigen Beamten dachte man auch an Süditaliener als Bergbauern, ein Experiment, das kläglich scheiterte. Viel erfolgreicher war die Ansiedlung von Industrie in den dreißiger Jahren, vor allem in Bozen. Ohne Rücksicht darauf, ob es wirtschaftlich sinnvoll war, wurden Firmen mit Prämien nach Südtirol gelockt und dazu Süditaliener als Arbeiter. Das Gelände für Fabriken und Wohnsilos wurde rücksichtslos enteignet. Ab ungefähr 1937 war auf diese Weise die Mehrheit der Bozner Bevölkerung italienisch!

Gossensass

Exkurs 1: Die Italianisierung der deutschen Namen

Wie kein anderer hat der Faschist Ettore Tolomei bis heute Südtirol verändert. Interessant ist sein System bei der Umwandlung deutscher Namen für Berge, Flüsse, Wälder, Vornamen, Familiennamen und Ortsnamen. Nichts blieb verschont. Vieles in der Geographie ist heute amtlich! Seine Methoden waren einfallsreich:

  1. Übernahme bereits vorhandener italienischer Namen wie Bolzano für Bozen, Merano für Meran.
  2. Suche nach alten, zum Beispiel lateinischen Namen: Sterzing hieß als römisches Lager Vipitenum. Daraus wurde italienisch Vipiteno.
  3. Phonetische Wortfindung: Brennero für Brenner, Brunico für Bruneck, Castelrotto für Kastelruth.
  4. Übersetzung, Etymologie: Lago Verde für Grünsee, Villabassa für Niederdorf.
  5. Schutzpatron oder andere Namen mit Ortsbezug: San Candido für Innichen.
  6. Geografische Ableitung: Colle Isarco (wörtlich Eisack-Hügel) für Gossensaß. (Was aber, niemand weiß es genau, Gotensitz oder Knappensitz bedeuten soll. Henrik Ibsen hatte hier einst Urlaub gemacht.)

Eine Methode funktionierte immer, Fehler eingeschlossen, notfalls mit Brecheisen! Hier eine kleine Sammlung aus Wikipedia! Und da das ganze alphabetische  PRONTUARIO DEI NOMI LOCALI DELL’ALTO ADIGE. Klicken Sie hinein! Kein Dachziegel und keine Pfütze war sicher vor Umbennennung! Siehe auch Die gewaltsame Italianisierung der Familiennamen in Südtirol hier!

Exkurs 2: Die Ladiner

In abgelegenen Alpentälern blieben an mehreren Stellen kleinere und größere Gruppen und Stämme von Menschen und Gemeinden übrig, isoliert und manchmal vergessen, zumindest aber von anderen Sprachen ziemlich abgeschlossen über Jahrhunderte, wie zum Beispiel die 13 Gemeinden bei Verona. So ähnlich muß man sich auch die Rätoromanen in der Schweiz und die Ladiner in Südtirol, etwa im Grödnertal und Gadertal, vorstellen. Ihre Sprache ist eindeutig romanisch und kommt aus dem Lateinischen.

So könnte der Unbedarfte denken, die Ladiner hätten sich bei den erwähnten Auseinandersetzungen um die Annektierung schnellstens den ihnen sprachverwandten Italienern angeschlossen, doch dem ist nicht so. Die Ladiner Südtirols wollten eigentlich schon unter dem Kaiser Autonomie. Im Vertrag von Saint-Germain wurden sie aber nicht einmal erwähnt. Die Faschisten rissen sie in drei Provinzen auseinander, die geschaffen worden waren, um Südtirol leichter zu italianisieren. Ansonsten wurden die Ladiner von Tolomeis Faschisten als “Beweise” benutzt, daß sie eigentlich Italiener seien und das ganze Land seit Kaiser Augustus deshalb italienisch. Italienisch sei auch ihre Sprache, wenngleich in einer heruntergekommenen Form. Diese Töne gefielen den Ladinern absolut nicht.

Langkofel-Gruppe

Die Ladiner gibt es natürlich auch noch heute – runde 30.000 Menschen. In diesem Link beklagen sich einige über den schwindenden Einfluß des Ladinischen. Mein Eindruck ist, daß Ladinisch gerne benutzt wird, wenn sie unter sich sind oder von den Touristen nicht verstanden werden wollen. Hier die Homepage der Ladiner-Union! Und auf dem Foto sieht man zwei ladinische Berge, links den Langkofel und rechts den Plattkofel!

Vorangegangene Folgen:

Geschichte Südtirols 1 – Prolog
Geschichte Südtirols 2 – Andreas Hofer
Geschichte Südtirols 3 – Der Erste Weltkrieg, Kriegserklärung Italiens
Geschichte Südtirols 4 – Gebirgskrieg 1915-1918

(Der nächste Teil behandelt die „Option“.)