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Michael Klonovsky über WK I und Eurorettung

2014 steht das nächste Jubiläum für unseren in journalistische Zeitzonen gegliederten Erinnerungsbetrieb an: Im August vor hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Wahrscheinlich werden die großen Magazine ihre Artikel wie immer verfrüht publizieren, und man wird neben ausgiebigen Schilderungen des Schreckens der Materialschlachten gewiss sehr viel moralisieren und von Schuld reden, von deutscher selbstredend (unsere tägliche Schuld gib uns heute).

Speziell die alten Tanten beiderlei Geschlechts bei der Zeit werden zumindest sie selber erschütternde Kontinuitäten zwischen Kaiserreich und Drittem Reich bloßlegen, der Spiegel wird vermutlich nassforsch den Ersten als Probelauf für den Zweiten Weltkrieg präsentieren, vielleicht erstmals mit dem jungen Hitler auf dem Titel, und ganz sicher wird Frau Merkel, die Soubrette der Alternativlosigkeit, unter dem beifälligen Nicken von Bundesfreiheitsbuffo Gauck und verbreitet von allen Sendeanstalten der EU als Retterin, ja Erlöserin von der mörderischen europäischen Zwietracht und dem deutschem Hegemonialstreben in angemessen schlechtem Deutsch ihr Lob trällern, die Kontinuität der Schande von Ludendorff bis Zschäpe dabei hoffentlich wenigstens andeutend.

Was dagegen höchstwahrscheinlich nicht zu hören sein wird, dürfte der Hinweis auf gewisse ganz andere Kontinuitäten deutschen Wesens bzw. Unwesens sein. Mich erinnert zum Beispiel die Politik des Kaiserreiches in ihrer Wirklichkeitszurechtbiegerei, ihrer Realitätsblindheit und grandiosen Sturheit im Fortsetzen des nun einmal eingeschlagenen Weges sehr an Merkel-Schäubles Eurorettungspolitik. Die merkwürdige Konstante deutscher Politik seit dem Tode Bismarcks besteht in ihrem Illusionismus, ihrer Wunschweltenbesiedelung und ihrer aggressiven Besserwisserei.

So gleicht die Unfähigkeit des Reichs, Anfang oder Ende 1916 einen Kompromissfrieden zu schließen – ja überhaupt die Notwendigkeit dafür zu erkennen, weil man sich immer noch in der Offensive und kurz vor dem Durchbruch wähnte –, der ideologiefixierten Unfähigkeit der heutigen Bundesregierung, aus dem Euro-Abenteuer auszusteigen, weil man sich ebenfalls in der Offensive und kurz vor dem Durchbruch glaubt. Das strategisch längst in die Defensive gedrängte Kaiserreich gestand sich die tatsächliche Lage nicht ein und verbiss sich in die durch keinerlei Realität gestützte Theorie, auch einen Abnutzungskrieg länger durchhalten zu können als die Entente, die Bundesregierung beharrte und beharrt, durch die Schuldenkrise des gesamten europäischen Südens unbelehrt und unter Einsatz des Privatvermögens der deutschen Untertanen, auf dem ESM. Der ja typischerweise auch quasi auf dem Generalstabswege, an der parlamentarischen Schwatzbude vorbei, durchgedrückt wurde. Wichtig ist immer der anstehende Durchbruch und der feste Glaube an jede Art Endsieg! Durchbruch wohin? Es sind die ewigen Streber aus der Provinz, die Anschluss an die „Welt“ suchen, indem sie alles besser machen wollen, ohne zu sehen, dass man andernorts ihre Provinzvorstellungen von Weltbeglückung nicht teilt und ihren Provinzlerehrgeiz belächelt bzw. ausnutzt.

Einzusehen, dass ein Ziel unerreichbar geworden ist, das ist nicht deutsch. Deutsch ist vielmehr, bis zuletzt stramm in der Illusion zu verharren und, wie wir von einem großen deutschen Philosophen wissen, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun; sollte sich die Wirklichkeit indes gegen die Illusion spreizen, dann ist das, mit den bekannten Worten eines anderen großen deutschen Philosophen, desto schlimmer für die Wirklichkeit. Neben der Euro-Rettung sollen hier die Stichworte Energiewende („Klimarettung“ statt Pragmatismus), Familienpolitik („buntere“ Lebensformen statt Kindern) und Einwanderung („Willkommenskultur“ nach allen Seiten statt Anwerbung von Fachkräften) genügen, das Schema ist ja klar. Die Politik der Merkelschen Bundesrepublik ist so alternativlos, das heißt sturheil korrekturresistent, wie seinerzeit der Schlieffen-Plan.

Ich will aber die Behauptung von Kontinuitäten nicht übertreiben: Die deutschen Truppen besaßen 1914-17 immerhin reelle Chancen, den Krieg zu gewinnen, und in Sachen kultureller Prägekraft, Optimismus, Liberalität und geistiger Freiheit war das Kaiserreich der späten Bundesrepublik alles in allem doch schon recht weit voraus.

(In einem Punkt muß Klonovsky widersprochen werden: Die jungen Hühner und Hähnchen bei der rotgrün versifften ZEIT sind mindestens gleich bescheuert wie die älteren Hennen und Gockel!)