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Hoeneß hat die Höchststrafe erhalten

Uli Hoeneß muss nun also für dreieinhalb Jahre hinter Gitter. Mindestens zwei Jahre wird er davon wohl absitzen, das ist so üblich in Deutschland. Aber das eigentliche Strafmaß ist viel größer, weil er aufgrund seiner maximalen Fallhöhe gesellschaftlich erledigt ist und sicher so bald auch auf keinen herausgehobenen Funktionärsposten im Sport oder anderswo mehr hoffen kann. Hoeneß hat die Höchststrafe erhalten.

Steuerhinterziehung ist eine Straftat – da gibt es keine zwei Meinungen. Und doch haben die vergangenen Wochen das hässliche Gesicht einer Gesellschaft offenbart, in der Geld inzwischen das (einzige) Maß aller Dinge ist. Kaum etwas scheint schlimmer, als dem Staat Steuern vorzuenthalten. Fast kann man den Eindruck gewinnen, dass die Steuerhinterziehung es bereits in den Rang eines Kapitalverbrechens geschafft hat, was nicht daran liegt, dass es hier um Geld geht. Eigentlich zählt man nur Mord und Totschlag oder andere Straftaten mit Todesfolge zu den Kapitalverbrechen. Das Verschweigen von Gewinnen aus Spekulationsgeschäften gehört nicht dazu. Dies aber ist einer zunehmend moralinsauren Neidgesellschaft wurscht. Da nutzt alles ehrenamtliche und karitative Engagement des Wurstfabrikanten mit dem sozialen Gewissen nichts. Sie wollen ihn hängen sehen, am liebsten am höchsten Baum und so lange, bis die Geier ihm die Augen und alles andere Essbare ausgepickt haben.

Die Art und Weise, wie sich große Teile Deutschlands – angefeuert von bestimmten Medien – voller Häme, Schadenfreude und vielfach auch Hass auf Hoeneß gestürzt haben, ist erschreckend. Der Speichel lief ihnen aus dem Mund voll freudiger Erwartung, dem asozialen Gemeinwohlschänder möge von der Justiz nun der Krieg erklärt werden. Dabei ging es lediglich darum, dass ein Mann, der in seinem Leben mehr Steuern gezahlt haben dürfte als all seine öffentlichen Ankläger zusammen, gewonnenes (und anschließend wieder verzocktes) Geld nicht versteuert hatte. Dass er den materiellen Schaden inzwischen längst mit einer (freiwilligen) Einmalzahlung in zweistelliger Millionenhöhe kompensiert hat, interessiert die Moralfront nicht. Ihr geht es nicht um die angemessene Bewertung eines Vergehens. Und um Gerechtigkeit schon gar nicht. Wenn einer dem Staat nicht gleich gibt, was der fordert, muss er vernichtet werden. Aber nur, wenn er reich ist. In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?!

(Fortsetzung des Artikels von Ramin Peymani auf huffingtonpost.de)