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Polen: Stettin ist hin – Breslau schlau?

stettin1945Stettin, die alte deutsche Stadt an der Odermündung, ist hin. Sie gehört heute als ‚Szczecin‘ zu Polen und ist architektonisch nicht mehr zu retten. Minimale, erhaltene Reste aus früheren Jahrhunderten, und ein paar renovierte und wiederhergestellte historische Gebäude und Fassaden aus der preußischen Zeit und dem Deutschen Reich sind wild vermischt mit Baulücken, mit grauen kommunistischen Zweckbauten im Plattenhausstil und ein paar heutigen ‚modernen‘ Bauten. Der Gesamteindruck ist, wie gesagt aus architektonischer Sicht, schrecklich. Numquam reparabile – das kann nie mehr repariert werden, auch wenn Polen reich wäre!

Wer nun denkt, das habe vor allem mit dem Krieg zu tun, liegt richtig, denkt aber wahrscheinlich doch falsch. Die hauptsächlichen Zerstörungen stammen weder aus dem Blitzkrieg Hitlers, als Stettin ja noch als deutsche Stadt mitten im Reichsgebiet lag, und auch nicht von 1945, als die Rote Armee die Stadt eroberte. Die Kaputtmacher waren wieder einmal die Briten unter dem Kommando von Bomber Harris, dem allseits bekannten Kriegsverbrecher. Das Bomber Command der Royal Air Force zerstörte die Altstadt inklusive des Hafengebiets zu 90 Prozent, das übrige Stadtgebiet zu 70 Prozent. Erstaunlich, daß dies auch im touristischen gratis Ministadtführer der Stadtverwaltung Stettin so steht. Hier ein längeres Zitat daraus:

Im 19. Jh. entwickelt sich die Stadt rasant, räumlich wie wirtschaftlich, insbesondere was den Hafen und die Werftindustrie angeht. 1826 nimmt die Oder-Dampfschifffahrt ihren Betrieb auf. 1843 wird die Eisenbahnverbindung nach Berlin in Betrieb genommen. 1873 fällt die Entscheidung zur Schleifung der Festung und zum Abbruch der Festungsanlagen. 1894 beginnt man mit dem Bau eines neuen Freihafens.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jh. bildet sich das moderne Erscheinungsbild der Stadt heraus. In den Jahren 1902-1921 entsteht die monumentale Anlage der Hakenterrasse (heute Waty Chrobrego). Nach dem Ersten Weltkrieg brechen schwierige Zeiten für den Stettiner Hafen und die Stettiner Industrie an. Erst 1933 und nach der Machtübernahme durch die Nazis erholen sie sich langsam von der Krise. 1940 entsteht „Groß-Stettin“, indem die umliegenden Dörfer und Kleinstädte (Dabie/Altdamm, Police/Pölitz) eingemeindet werden.

Im Zweiten Weltkrieg wird die Stettiner Wirtschaft den Kriegsbedürfnissen des Dritten Reiches unterstellt. 1943-1945 zerstören Teppichbombardements der Alliierten einen Großteil der Stadt, darunter auch den Hafen und die Werft. 1945 nimmt die Rote Armee Stettin ein. Nach der Potsdamer Konferenz wird Stettin (von nun an Szczecin) Polen zugesprochen. Eine polnische Verwaltung wird aufgebaut, parallel dazu bleiben einige Enklaven unter russischer Militärverwaltung.

Erst 1955 übernimmt die polnische Verwaltung den letzten Hafenabschnitt von den russischen Behörden. Kriegszerstörungen, die ungewisse politische Situation sowie die Demontage von Industrieanlagen erschweren und verzögern den Wiederaufbau der Stadt. Im Dezember 1970 kommt es zu antikommunistischen Arbeiterprotesten, die brutal niedergeschlagen werden.

Im August 1980 werden nach den Streiks in der Stettiner Werft die „Augustabkommen“ zwischen dem betriebsübergreifenden Streikkomitee und der Regierung der Volksrepublik Polen unterzeichnet. Im Dezember 1981 wird der Kriegszustand verhängt. 1988 kommt es erneut zum Streik, der zu den Beratungen am Runden Tisch führt. 1990 finden die ersten demokratischen Stadtratswahlen statt.

Breslau ist in der historischen Innenstadt das genaue Gegenteil. Die Stadt ist zumindest, was von außen sichtbar ist, fabelhaft restauriert und könnte in Westeuropa liegen. Man ist geradezu hingerissen und verzaubert und kann einen Besuch nur empfehlen (neue Schreibweise ‚Wroclaw‘). Dabei wurde auch Breslau im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört, allerdings kaum durch alliierte Bomber, sondern durch den Häuserkampf in den letzten Tagen am Ende des Krieges!

Wieso dieser Riesenunterschied? Was war in Breslau in der Nachkriegszeit anders als in Stettin? Wer weiß etwas dazu? (Foto: Stettin 1945)