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Für ein Ende der falschen Toleranz! (Teil 1)

Mittlerweile ist Toleranz eine der höchsten Ideale Europas. Wer nicht Tolerant ist, ist nicht gut, er ist kein offener, fortschrittlicher Mensch. Er ist dumm oder gar ein Nazi! Wer sich den Ansprüchen unserer toleranten Gesellschaft nicht beugt, wird diskreditiert, diffamiert oder gar in seiner Karriere zerstört. Aber ist das Konzept einer toleranten, multikulturellen Gesellschaft wirklich tragfähig? Schafft Toleranz Gemeinschaft? Kann Toleranz wirklich Frieden und Stabilität bringen?

(Gastbeitrag eines Einwanderers in zwei Teilen)

Toleranz respektiert nicht, sie duldet

Vielleicht hilft es, zuerst den Begriff „Toleranz“ zu definieren. Tolerieren heißt so viel wie: „erdulden, ertragen, hinnehmen“. Eine starke Gemeinschaft begründet man nicht in gegenseitiger Geduld, sondern auf Respekt und Anerkennung. Toleranz hat aber nichts mit Respekt und Anerkennung zu tun, denn beides begründet sich in der Erfüllung gemeinsamer Ansprüche und Maßstäbe. Toleranz respektiert nicht, sie duldet. Toleranz setzt nicht gleich, nein sie erträgt und nimmt das Falsche hin. Toleranz ist die heimliche Abwertung des gegenüberstehenden Individuums. Sie ist unehrlich und tückisch, Toleranz gärt.

In diesem Land ständig vom ach so tollen Multikulti zu schwadronieren und gleichzeitig den Einwanderern in erster Linie mit Toleranz zu begegnen, deutet meiner Meinung nach eher auf eine ausgeprägte Verhaltensstörung und weniger auf eine fortschrittliche und bessere Gesellschaft hin.

Toleranz ist inhaltslos und spaltet

Toleranz hat aber auch keinen Inhalt, keinen gemeinsamen Nenner. Sie ist keine Idee, wie der Glaube an die Freiheit des Einzelnen. Eine Idee, die man miteinander teilen kann, eine Idee die verbindet. Ich glaube an das US-amerikanische Modell einer kulturell vielfältigen Gemeinschaft. Ein Modell, das sich letztendlich auf amerikanische Grundwerte, auf die Verfassung und auf den „American Way of Life“ beruft. Aber wie soll ich an den europäischen Multikulturalismus glauben, wenn es da einfach nichts gibt?!?

Toleranz bezieht sich stets auf ein Gegenüber. Wir dulden sie, sie nehmen unsere Traditionen hin und wir alle ertragen die Politiker. Toleranz bezieht sich auf den Gegensatz und schaut nicht auf die Gemeinsamkeiten. Toleranz schafft ein Nebenher, ein Gegenüber, aber kein Miteinander und keine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft begründet man auf Inhalten, auf Werten und Stolz. Auf gemeinsamen Ansprüchen, die man teilen kann. Auf Maßstäben, deren Erfüllung den Neuankömmlingen das Gefühl gibt, nun Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Eine auf die Zukunft blickende Gesellschaft braucht Maßstäbe, die uns mit Stolz erfüllen und Werte, die es verdienen, verteidigt zu werden. Eine Gemeinschaft mit Zukunft braucht ein Stück positiver Geschichte.

Toleranz – ein Schuldbekenntnis

Ideologie glaubt, alle Welt habe die eigenen Regeln zu befolgen. Liberalismus glaubt, alle Welt habe die eigenen Rechte zu ertragen. Und Toleranz glaubt, sie müsse es allen recht machen. Toleranz sagt: „jetzt dürft ihr“, was die Gegenfrage aufwirft: „wieso durften sie vorher nicht?“Sie verleugnet sich selbst und ist ein Schuldbekenntnis an den Idealen und Ansprüchen der anderen. Toleranz ist Selbstaufgabe, denn in der Erfüllung aller Ansprüche fügt sie sich selbst und passt sich deren Ansprüchen an.

Toleranz ist ein todsicheres Bestattungsverfahren für jede Gesellschaft, die danach trachtet, in Hochachtung und Anerkennung der Völker von der Weltbühne zu treten. Oder nach Aristoteles: „Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft!“

Doch was treibt unsere Gesellschaft dazu, sich für diese Toleranz einzusetzen? Wieso betreibt Europa eine so konsequente Politik der Selbstaufgabe? Der rassistische Wahnsinn des zweiten Weltkriegs hat ein so unermessliches Leid über die Welt gebracht, dass ihm eine radikale Pazifisten-Bewegung folgte. Diese Bewegung wollte einen zukünftigen Krieg um jeden Preis verhindern. In ihrer Angst und Unsicherheit wendete sie sich vom Rassismus in einer 180°-Wendung der Toleranz zu. Sie vergaß, dass es dazwischen auch Werte gibt. Sie vergaß, dass es dazwischen Tradition und Prinzipien gibt. Es war eine Bewegung, ja eine Generation ohne Väter. Ihr Vormund war entweder auf dem Schlachtfeld oder in Verfolgung elendig verreckt oder noch am Leben und an der Vollstreckung des NS-Grauens beteiligt. Es war eine Generation, die von ihren Vorfahren nichts zu lernen hatte und auch nichts lernen durfte. Diese Generation musste sich neu beweisen, denn sie war in ihrem Selbstbewusstsein erschüttert und in ihrer Tradition gebrochen. In ihrer Toleranz suchten sie nach Anerkennung und Bestätigung und Orientierung bei Dritten. Mit ihrer Toleranz versuchten sie sich neu zu beweisen. Heute steht Europa nicht länger für sich selbst. Das moderne Europa versucht einfach bloß gut zu sein. Doch ist es damit auch gut genug? Und wem ist dieses Europa noch gut genug?

Unsere Toleranz steht nicht für Selbstsicherheit, Fortschrittlichkeit und Großzügigkeit, nein, sie steht für eine zutiefst verunsicherte und in ihrer Tradition gebrochene Gesellschaft. Wir sind nicht stolz auf unsere Toleranz, wir wollen eben bloß keine Nazis sein. Viele Muslime und weitere Einwanderer kommen nach Europa und fragen sich, wieso es uns besser geht. Aber das einzige, was sie hier zu hören bekommen, sind Schuldeingeständnisse. Dabei kamen viele hierher, um in einer besseren Gesellschaft zu leben. Viele kommen hierher, auf der Suche nach Vorbildern und um von Europa zu lernen, nicht, um von uns bekniet zu werden. Aber wie soll man jemanden respektieren, wenn dieser nicht zu sich selbst steht und sich in Toleranz jegliche Selbstachtung nimmt? Es reicht eben nicht aus, jedem die Hand zu schütteln und dabei jegliches Niveau und Charakter zu verlieren. Als Politiker sollte man wissen, wo man steht. Politiker sollten wissen, woran sie glauben. Politiker haben für sich selbst zu stehen und nicht sich zu beweisen.

Toleranz, eine Herrschaftsbeziehung und die Tugend der Untergebenen

Natürlich ist es richtig, dass es dennoch die Toleranz war, die Europa historisch und vor allem religiös befriedet hat. Es war aber nicht die Toleranz der Politik gegenüber der Religion, sondern die Toleranz der Religionen, gefordert durch die europäischen Regierungen, während diese ihnen Rechte zusicherte und Sicherheit bot. Während also die Katholiken und Protestanten sich in Toleranz ihrer eigenen Macht und Autorität entledigten, indem sie der Meinungsfreiheit gewährten, ihre Autoritäten zu untergraben, nahmen sie gleichzeitig den Bürgern die Angst, von einem Machtmonopol, dessen sie sich nicht zugehörig fühlten, unterworfen und in ihrer Lebensauffassung unterdrückt zu werden.

Toleranz ist eine Herrschaftsbeziehung. Toleranz ist, wenn der eine duldet und der andere macht. Toleranz ist, wenn der eine hinnimmt, was der andere durchsetzt. Ich vermisse heute die Toleranz der Religionen. Ich vermisse die Toleranz, wenn Kurt Westergaard gerade mal ein paar Karikaturen malt. Wir reden hier vom „Strafbestand“ des Malens, nicht vom Töten und das mitten in Europa. Heute erheben unsere Politiker den Anspruch, dass wir mehr Rücksicht auf die kulturellen Empfindlichkeiten der Religionen nehmen müssen. Dies ist ein Anspruch, dem sich Mustafa Kemal Atatürk niemals gebeugt hätte. Er verbot den Türken das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Einrichtungen, schließlich lebten sie dank ihm in einer zivilisierten Gesellschaft. Der Staatsgründer der Türkei war zutiefst intolerant und ich füge hinzu, so wie jeder andere ernst zu nehmende europäische Reformer, Modernisierer und Fürsprecher der Säkularisierung.

Letztlich stellt sich die Frage, ob sich die Religionen in Toleranz der öffentlichen Macht, dem Volk und dem Staate beugen oder der säkulare Staat, die Demokratie, sich den Dogmen der Religionen unterwirft. Letztlich ist es eine Frage der Deutung bzgl. Toleranz.

Begreifen wir Toleranz als notwendige Tugend oder als Ideal? Ist Toleranz wirklich eine vorbildliche Charakterstärke, ein Zeichen von Selbstsicherheit und Großzügigkeit oder nicht viel mehr Ausdruck von Unterordnung, Unsicherheit und eines schwächlichen Charakters. Toleranz war einst der Preis für Anmaßung, der einzige Weg, Wahrheit in eine Gesellschaft der Meinung und ein Diktat in die Demokratie zu integrieren. Mit der Tugend der Toleranz hat Europa den anmaßenden Anspruch der Wahrheit und das religiöse Dogma überwunden, es sollte sich aber nicht selbst überwinden.

Heute hat der Dogmatismus unsere Gesellschaft wieder zunehmend im Griff. Heute heißt es „Endlich einer, der es sagt!“. Menschen, die religiöse Autoritäten mit Bildern lächerlich machen, werden von einer schier endlosen Reihe von Gutmenschen sogleich als Aufhetzer oder Hassprediger diffamiert. In Zukunft mögen diese Leute Kurt Westergaard und weitere doch besser gleich der Blasphemie bezichtigen. Der Rechtsstaat geht flöten. Unsere moderne politische Klasse ist in ihrer Toleranz eine Schande, ein Verhängnis, sie sind feige und schwach, aber sie sind sicher keine Vorbilder.

Jede ernst zu nehmende Persönlichkeit oder Autorität steht für sich selbst und ist intolerant. Toleranz ist ein Schuldeingeständnis. Sie beugt sich und richtet sich an den Ansprüchen des Gegenübers. Toleranz ordnet sich unter und ist eine Untergebene.

(Teil 2 folgt morgen)