1

Was ist dran am Euro-Islam?

euroislamMan kennt das ja aus leidlicher Erfahrung: es wird diskutiert, aber irgendwann merkt man, nicht jeder der Debattierenden weiß so ganz genau, worum es eigentlich geht und so redet man entweder nur ständig um den heißen Brei herum oder aneinander vorbei. So scheint es sich auch mit dem „Euro-Islam“ zu verhalten. Vor etlichen Jahren waren die Medien noch voll davon, dann versickerte das Thema und verschwand buchstäblich vom Bildschirm. Gerade jetzt aber, da man einerseits täglich irgendwelche Schlagzeilen über barbarische Gräueltaten der IS-Mudschahidin liest und hört, andererseits aber politisch-korrekt ja nicht daran zweifeln soll, daß der Islam doch eigentlich Frieden zu bedeuten habe, täte man gut daran, Bescheid zu wissen.

(Von Mephisto)

Es empfiehlt sich, zuerst den Initiator dieser Idee zur Lösung eines Zivilisationskonfliktes, wie er es selbst einmal formuliert hat (Darmstadt 2009), und damit den Schöpfer des Begriffs zu Wort kommen zu lassen.

Der bekannte, 1944 in Damaskus geborene, ab 1962 in Deutschland lebende und bis zu seiner Emeritierung 2009 lehrende Politologe mit Doppelstaatsbürgerschaft, Prof. Bassam Tibi prägte viele wichtige Begriffe der Islam-, Migrations- und Integrationsdebatte (mit). Darunter sind z.B. „Leitkultur“ (s. „Europa ohne Identität“ von 1998), „Parallelgesellschaft“, „Scharia-Islam“ wie auch der hier zu eruierende „Euro-Islam“. Etliche seiner Veröffentlichungen beschäftigen sich – teils neben anderen Themen – mit diesem Begriff, indem der Autor dem Leser seine Gedanken von den verschiedensten Richtungen her nahebringen möchte und ihm wiederholt von seiner Enttäuschung berichtet, nicht genügend Beachtung erfahren zu haben. Der Leser vermißt hingegen bald eine komprimierte Zusammenstellung der wichtigsten Thesen und Forderungen aufgrund dieser Gedanken zum Euro-Islam, die hier nachgereicht werden soll.

Die „Moderne“, mit der sich auch die islamische Welt auseinanderzusetzen hat, teilt Tibi zum besseren Verständnis seiner Position ganz grob ein in ihre zwei wesentlichen Aspekte, die sie aber nur zusammen ausmachten:

Einmal sei da die „institutionelle Moderne“, sie beziehe sich auf Wissenschaft, Technik, die traditionellen Lebensbereiche etc.

Dann gebe es die „kulturelle Moderne“, gekennzeichnet durch Aufklärung, die freiheitlichen Grund- und (Allgemeinen) Menschenrechte, die sich z.B. auch in Säkularität (gepaart mit Religionsfreiheit), Pluralismus und Forschungsfreiheit widerspiegeln, und Demokratisierung, Rechtstaatlichkeit, Chancengleichheit, etc. pp. mit einbegreifen.

Viele Muslime träumten aber den Traum von der halben Moderne: d.h. von den beiden erwähnten zusammengehörigen Aspekten wünschten sie und akzeptierten sie für sich nur den ersteren, wehrten sich aber – teils vehement – gegen den zweiten (zu den Gründen siehe hier). Das absolute Extrem in dieser Hinsicht stellt etwa der ISIS-Terrorist dar, der einem rigiden Islambild seiner Vorstellung von der ursprünglichen Gemeinde – umma – in Medina zu Lebzeiten des Religionsgründers Muhammad im 7 Jh. (n.u.Z.) anhängt, dieses mit Gewalt den Menschen in den von der Terrororganisation eroberten Gebieten aufoktroyieren will, selbst aber die technischen und anderen Annehmlichkeiten der modernen Welt wie Kühlschrank, Flugzeug, Mobiltelefon, GPS und dergleichen mehr bis hin zu den aktuell modernen Waffen gerne und ausgiebig nutzt.

Dadurch daß Muslime diese theoretische Scheidung wegen der untrennbaren Verquickung beider Aspekte im Alltag sowieso nicht praktizieren könnten, führe ihre Situation einerseits zu Frustrationen und andererseits, da jene diese Trennung im Kopf aber dennoch als Immigranten, Asylanten etc. in den sogenannten Westen mit sich transportierten und dort zu etablieren versuchten, komme es zu den wahrgenommenen (Anpassungs-)Schwierigkeiten, der Entwicklung von Parallelgesellschaften bzw. – teils auch die öffentliche Ruhe und Ordnung störenden – Auseinandersetzungen zwischen den zuwandernden Muslimen, die dieser Weltsicht anhingen, und der einheimischen westlichen Bevölkerung, die mit der Moderne in ihrer Ganzheit nicht nur aufgewachsen ist, sondern aus deren Gesellschaft sie sich über Jahrhunderte auch entwickelt hat.

Tibi kritisiert damit nicht einmal die jeweils aufnehmende Gesellschaft, die z.B. zu wenig Willkommenskultur zeige oder was dergleichen schon angeführt worden ist, sondern eine gewisse – unangebrachte – Sicht auf die Wirklichkeit auf Seiten muslimischer Zuwanderer. Kurz zusammengefaßt bedeutete Euro-Islam demnach, sich als Muslim zunächst des Traums von der halben Moderne bewußt zu werden und ihn abzulegen und dann, die mit den Anforderungen der kulturellen Moderne einhergehenden Aspekte in den Islam zu inkorporieren und gleichzeitig damit inkompatible Teile als historisch bedingt zu erklären und sich davon zu verabschieden, so daß der Islam dann mit den europäischen Basiswerten (vgl.u.) vereinbar wird.

Europäern und insbesondere den Deutschen empfiehlt Tibi dagegen, die eigenen Werte wert zu schätzen und nicht einfach deren Schmälerung oder Aushöhlung zugunsten einer kulturrelativistischen Multi-Kulti-Haltung, einer sinnentleerten Wertebeliebigkeit hinzunehmen. Dazu gehöre auch, zu den eigenen kulturellen Errungenschaften zu stehen und aus der aufklärerischen säkularen Tradition Europas ein neues Selbstbewußtsein zu entwickeln. Man solle – auch und gerade gegenüber Muslimen – mehr demokratische Streitkultur wagen, fundamentalistischen und Dschihadisierungstendenzen nicht mit falsch verstandener Toleranz begegnen und durch deren Verharmlosung einer Auseinandersetzung damit aus dem Weg gehen. Falsch sei demnach auch die Stigmatisierung kritischer Denker und Warner (womit der Autor aufgrund seiner letztjährigen enttäuschenden Erfahrungen hauptsächlich auf sich selbst anspielt).

Den von ihm vertretenen „Kulturpluralismus“ (neben dem im politischen Bereich) will er als gänzlich andere Konstruktion verstanden wissen als ihn „Multikulturalismus“ und „Kulturrelativismus“ darstellen. Ihm zufolge ist „Vielfalt im Rahmen eines gesellschaftlichen Miteinanders der Kulturen nur mit einer verbindlichen Einigung auf kulturübergreifende, universell geltende Basiswerte möglich“ (20083, S.30), womit er die viel zitierte Leitkultur meint. Sie habe jeder zu akzeptieren, der – auch als Muslim – in Europa leben wolle. An dieser müsse sich der Euro-Islam orientieren, denn damit werde dem (muslimischen) Migranten eine Bürgeridentität angeboten, die ihm zur Integration verhelfe. Für den Schulunterricht bedeutete dies die Einführung eines religionsneutralen Werteunterrichts (in manchen Bundesländern bietet Derartiges bereits das Fach Ethik).

Im Sinne der Europäisierung tritt Tibi nämlich auch für die Schaffung der Citoyenne (Bürgerschaft im Sinne der Annahme von Werten eines – europäischen! – Gemeinwesens) ein, die nicht (!) mehr in gemeinsamer Ethnie (oder „Rasse“), Herkunft, Sprache etc. gegründet ist: Schluß mit der neurotischen Nation! fordert der Politologe damit. Dagegen sei der überkommene klassische Islam – das, was Tibi mit „Scharia-Islam“ umschreibt – ein Integrationshindernis, nicht vereinbar mit Demokratie und den Allgemeinen Menschenrechten. Er erlaube einem Muslim nicht, sich einen Nichtmuslim zum Vorbild zu nehmen bzw. sich an dessen Wertvorstellungen, die die europäische Gesellschaft geprägt haben, zu orientieren, sofern sie im Vergleich zu den eigenen auch nur minimal differieren. Im Gebiet der Nichtmuslime lebt er in der Ausnahmesituation der Diaspora, kann und soll sich abgrenzen und möglichst die eigenen auf dem Islam basierenden Überzeugungen propagieren (d.h. da‘wa, also Missionierung zu üben).

Eine Art „Sprungbrett“ bei der Schaffung des „Euro-Islam“ biete hier die gewachsene Einteilung des Islams in ‘ibâdât und mu’amalât. Tibi nennt den ersten den spirituellen Teil. Man kann folgern, daß dieser Bestand haben könne. Doch wäre die Umschreibung mit „Kultus und rituelle Pflichten“ zutreffender und wirft damit ein Problem auf, denn: in diese Kategorie fällt ebenso mit den Allgemeinen Menschenrechten und europäischen Werten Kollidierendes wie z.B. das (betäubungslose) Schächten, die Beschneidung, die in einigen Gegenden sogar immer noch praktizierte weibliche Genitalverstümmelung und je nach Glaubensrichtung innerhalb des Islams sogar der Dschihâd selbst! Die Muamalât umfassen die öffentlich-, privat- und strafrechtlichen Normen, den alltäglichen Verhaltenskodex. Eine weitere Differenzierung wäre hier also noch vonnöten.

Verwendete Literatur:

» Die islamische Herausforderung. Religion und Politik im Europa des 21. Jahrhunderts, Darmstadt 20083
» Die neue Weltunordnung. Westliche Dominanz und islamischer Fundamentalismus, Berlin 1999
» Islamischer Fundamentalismus, moderne Wissenschaft und Technologie, Berlin 19923
Europa ohne Identität?, München 1998
» Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration, Stuttgart/München2002
» Euro-Islam. Die Lösung eines Zivilisationskonfliktes, Darmstadt 2009
» Der neue Totalitarismus. „Heiliger Krieg“ und westliche Sicherheit, Darmstadt 2004