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„Ich dachte, es sei eine Islamunterricht-Reise“

imageEr hat es nie leicht gehabt, der arme Ayoub B.: er nahm Drogen, er überwarf sich mit dem Elternhaus (nicht mit Papa 2, Thomas de Maizière, sondern mit Papa 1) und hatte auch eine verkorkste Schulzeit. Wie wir wissen, kann so etwas später zum Kontakt mit Fundamentalisten führen. Dann gelang ihm trotzdem der Einstieg bei VW. Aber wie wir wissen, kann so etwas zum Kontakt mit Fundamentalisten führen. So auch hier. Sein Anwalt Dirk Schoenian fasst zusammen:

(Von Sarah Goldmann)

B. wurde in eine Gruppe von zum Schluss 20 Wolfsburger IS-Sympathisanten aufgenommen. Es folgte die Ausreise über die Türkei nach Syrien, ein Auffanglager, ein Trainingslager, der erste Einsatz. „Kein Kampfeinsatz“, wie Schoenian betonte.

Dieses wackere Grüppchen nahm an, dass zu der Zeit im Irak und in Syrien eine Sommerakademie für besonders interessierte Muslime stattfand. Den wahren Islam wollten sie dort studieren. Aber oh je:

Ein Missverständnis. Ayoub B. war, so ließ er am Montag verlauten, mit völlig anderen Vorstellungen nach Syrien gereist. Ihm war versprochen worden, dass er den Islam studieren dürfe und jederzeit nach Hause könne. Vor Ort sei dann alles ganz anders gewesen. Immer wieder, so Ayoub B., habe er seine Vorgesetzten beim IS gefragt, ob und wann er denn abreisen dürfe. Damit habe er sich verdächtig gemacht. Deshalb seine Taktik, sich als Fanatiker zu tarnen, so seine Erklärung.

Und zum Schein ist er dann in der Gruppe auch aufgestiegen, damit keiner sieht, was er eigentlich für ein guter verlorener Sohn ist. Der Plan klappte.

Sein Plan habe gelautet: „Einschleimen“ bei den Anführern und auf eine günstige Gelegenheit hoffen. Auch bei den Gehirnwäschen im zweiten Trainingslager, die offiziell religiöse Unterweisung hießen. Dort sei den Neuen eingetrichtert worden, nur der IS verkörpere die reine Lehre. Alle Außenstehenden seien „Kuffar“, also Ungläubige. Er, Ayoub B., habe dort sogar zum Schein angekündigt, seinen Vater umzubringen, weil dieser ein „Kuffar“ sei. Er stieg auf innerhalb der Organisation. Trotzdem habe sein Hauptaugenmerk dabei immer auf der Flucht gelegen.

Und was macht man so als Aufgestiegener beim IS? Essen kochen, auf die Kleinen aufpassen, während die Papas ohne die Mamas für den „wahren Islam“ kämpften? So ähnlich war es wohl und man glaubt nicht, was dem armen Ayoub dann passiert ist:

Nach Darstellungen aus dem Umfeld der Familie soll Ayoub B. während seiner Zeit in Syrien beim IS in Ungnade gefallen sein. Die Islamisten hätten ihn für einige Tage inhaftiert, weil er mit syrischen Jugendlichen Fußball gespielt habe – so schilderte es B. nach seiner Rückkehr einem Bekannten in Wolfsburg.

Aber das war nicht das einzige Unglück, das diesem verlorenen Sohn von Thomas de Maizière passiert ist. Ayoub konnte sich gar nicht vorstellen, wie laut es dort zugeht, in Syrien. Keine Lärmschutzbestimmungen im Kampfgebiet und sogar Tote gab es dort. Wie hatte er sich nur so vertun können?

Es war der Abend des 31. Juli 2014 […]. Gegen 17 Uhr jenes Tages hatte der heute 27-jährige Deutsch-Tunesier aus Wolfsburg seinen ersten Einsatz im Kriegsgebiet für den „Islamischen Staat“ (IS). „Ich hörte nur noch Geratter und Patronen. Es war alles sehr, sehr laut. Ich habe zum ersten Mal einen Toten gesehen, ich war wie gelähmt. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst“, ließ Ayoub B. am Montag vor dem Oberlandesgericht Celle durch seinen Verteidiger schildern.

Ayoub war nun traumatisiert und haute ab, 11 Tage brauchte er für zwei Länder und 700 km, ohne Pass. Er war nun Flüchtling! Zu Hause wurde er aber nicht als solcher gefeiert. Ganz im Gegenteil, die Eltern sprechen von einer Hexenjagd:

Die Eltern des am 15. Januar in Wolfsburg festgenommenen Terrorverdächtigen Ayoub B. haben sich in einem offenen Brief gegen eine „reißerische Hexenjagd“ gewehrt. Ihr Sohn sei Aussteiger aus der Szene und kein „Kopf einer Terrorzelle“. Von dem 26-Jährigen gehe keine Gefahr aus, versichern sie. […]

Seit seiner Rückkehr vor sechs Monaten habe er „in Angst vor möglicher Vergeltung gelebt“ und Hilfe bei Psychologen gesucht, „um seine schrecklichen Erlebnisse aufzuarbeiten“. Ayoub habe sich „von Hasspredigern manipulieren lassen“, seine Entscheidung aber bereut.

Unklar ist, wie sehr sich Ayoub B. tatsächlich von den Islamisten distanziert hat. Bei seiner Festnahme reckte er den Zeigefinger in die Höhe – ein IS-Erkennungszeichen – und rief „Allahu akbar“, „Gott ist groß“. Die Familie erklärt dies als „Trotzreaktion“, weil er sich in die Enge getrieben fühlte.

Na gut, er ist immerhin wieder da, Papa 1 ist zufrieden, Papa 2 ist zufrieden und die Mama vermutlich auch. Wenn er nun doch in den Knast gehen sollte wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (10 Jahre sind möglich), dann kann er ja seine schlimmen Erlebnisse dort aufarbeiten und sie anschließend dem Thomas widmen, seinem Papa. Schließlich wird der für die Bezahlung von Psychotherapie bis Bewährungshelfer rührend sorgen. Vielleicht schreibt er ja auch ein richtiges Buch – was läge näher?

„Eine spannende Geschichte, die in der abenteuerlichen Flucht von Ayoub B. zurück nach Deutschland gipfelte“, schwärmt der NDR bereits…