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„Fall Lisa F.“ in Berlin: Alles Russenpropaganda?

lawrowSeit einigen Tagen kann man die Berichterstattung zum „Fall Lisa“ in den deutschen Medien mitverfolgen. Wobei die Berichterstattung sich weniger um den Fall Lisa selbst dreht, sondern um die „Russenpropaganda“, die damit betrieben wird. In den einschlägigen Qualitätsmedien ist zu lesen, das russische Fernsehen verbreite ein Schauermärchen folgenden Inhalts: die 13-jährige Lisa sei am 11. Januar für eine Nacht verschwunden, tauche am nächsten Tag wieder auf und erzähle ihrer Mutter, sie sei von drei „Flüchtlingen“ vergewaltigt worden. Angebliche Verwandte des Mädchens erzählten dem russischen Fernsehen, die deutsche Polizei würde den Fall vertuschen, hätte das Opfer stundenlang allein befragt und dahingehend beeinflusst, auszusagen, es hätte sich nicht um eine Vergewaltigung gehandelt, sondern um „einvernehmlichen Geschlechtsverkehr“. All dies sei von vorn bis hinten erlogen, der Polizei lägen keinerlei Erkenntnisse vor.

(Ein Kommentar von Nemez)

Soviel zur Russenpropaganda. Seit den ersten Artikeln hierzu bei „SPON“, „Welt“ und anderen deutschen Medien ist knapp eine Woche vergangen. Zur Bloßstellung der perfiden Propaganda aus Putins Reich des Bösen sowie zur Bekämpfung rechtsradikaler Gerüchte werden weitere Artikel um dieses Thema veröffentlicht, die samt und sonders die diesbezügliche russische Berichterstattung kritisieren – jedoch nebenbei auch immer mehr Einzelheiten ans Licht bringen, die von beiden „Presselagern“ sowie deutschen Behörden (Polizei und Staatsanwaltschaft) übereinstimmend geschildert werden.

SPON:

Was ist tatsächlich passiert?

Die 13-Jährige war vom 11. bis zum 12. Januar verschwunden. Nachdem sie wieder aufgetaucht war, erzählte sie offenbar zunächst von einer Gruppenvergewaltigung. Bei der Polizei verneinte sie nach Informationen von SPIEGEL ONLINE eine Vergewaltigung.

Welt:

Schließlich entscheidet sich die Berliner Staatsanwaltschaft, das Schweigen zu brechen und bestätigt ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch eines Kindes. Geschlechtsverkehr mit unter 14-Jährigen ist in Deutschland generell verboten, auch wenn ein Kind zustimmt. Justizsprecher Martin Steltner: „Wir gehen derzeit von einvernehmlichem Sex aus.“

Unstrittig ist also derzeit, dass das Opfer tatsächlich eine Nacht verschwunden war und in dieser Nacht tatsächlich Geschlechtsverkehr hatte – zwei Punkte also, die von den deutschen Medien anfangs als Propaganda dargestellt wurden. Die russischen Behauptungen, es hätte sich um eine Vergewaltigung durch mehrere Männer gehandelt, werden von den deutschen Behörden zurückgewiesen, „zum Schutz der Persönlichkeit des Mädchens und ihrer Familie“ lehnt die Behörde laut „Welt“ Auskünfte über Tathergang und Täter ab.

Mehr als die Polizei veröffentlicht hat, steht nicht fest, und ob die in den russischen Berichten zitierten und interviewten Verwandten wirklich die Verwandten sind, ist schwer überprüfbar. Die Verfasser der oben verlinkten Artikel, die dies durch allerlei Attribute permanent in Zweifel ziehen, hätten es gekonnt, sahen dafür jedoch offensichtlich keine Veranlassung. Vielleicht aus mangelnder Gelegenheit, vielleicht, um nicht etwas zu erfahren, was dem offiziellen Tenor widerspricht, vielleicht, weil man gar nicht so genau wissen wollte, wie viel Propaganda wirklich hinter der Propaganda steckt.

Fakt bleibt jedoch:

– dass der Fall an sich, der sexuelle Missbrauch einer 13-Jährigen, so gut wie keine Rolle spielt, lediglich als Grundlage zur „Entlarvung russischer Propaganda“ dient;

– dass die Maßnahmen der deutschen Behörden „zum Schutz der Persönlichkeit des Mädchens und ihrer Familie“ die Behauptungen der russischen Medien nicht zwangsläufig widerlegen. Zwar wird eine Vergewaltigung verneint, der Missbrauch an sich jedoch bestätigt. Angaben zum Täter oder den Tätern werden nicht gemacht, so dass zum Beispiel der russischen Behauptung, es habe sich um mehrere Täter gehandelt, bislang von offizieller Seite nicht widersprochen wurde. Die Öffentlichkeit wird auch nicht mittels Phantombildern um Mithilfe gebeten, um den oder die Täter ausfindig zu machen.

Das Einzige, was die ganze Sache in meinen Augen nachvollziehbar machen würde, wäre, dass Lisa die Nacht bei ihrem einige (nicht viele!) Jahre älteren Freund verbrachte und anschließend aus Angst vor Streit in der Familie die Tat erfand. Aber dafür gibt es bislang keinerlei Anhaltspunkte.

Der Fall macht einen, jenseits von „russischer Propaganda“ oder „rechter Hetze“, absolut sprachlos. Es ist vollkommen irrelevant, ob der „einvernehmliche Sex“ einer 13-Jährigen mit (wie es wohl leider so oft vorkommt) einer Person aus dem persönlichen Umfeld geschah, mit Skinhead-Marcel aus der Nachbarplatte oder mit einem oder mehreren „Migranten“, „Flüchtlingen“, wem auch immer. Wer als Erwachsener Sex mit einer 13-Jährigen hat („einvernehmlich“ oder nicht), sollte umgehend aufgespürt, verhaftet und vor Gericht gestellt werden. Doch das ist in der Berichterstattung nicht einmal ansatzweise angeklungen, steht nicht mal am Rande des Interesses.

Die Tat wird stattdessen ausgeschlachtet: von den russischen Medien (für die leider oft genug nicht die Feder, sondern die Dampframme das Mittel der Wahl zu sein scheint) zum Nachweis der beliebten These, Europa sei am Ende; und von den deutschen Medien, um das seit mehreren Jahren aufgebaute neue alte Feindbild im Osten zu festigen. Ohne dass auch nur einer der hauptberuflichen Journalisten wenigstens einen Halbsatz an die Tatsache verschwendet, dass unstrittig (von „deutschen Qualitätsmedien“, „russischen Propagandamedien“ und den deutschen Behörden bestätigt) ein Kind missbraucht wurde. Und ohne die Frage nach dem oder den Tätern zu stellen oder danach, wie das Opfer und seine Familie mit dieser Sache zurechtkommen. Stattdessen wird auf oberflächliche und plumpe Art versucht, aus diesem Verbrechen ein Erziehungsstück in aktueller Innen- und Außenpolitik zu basteln. Ein neuer Tiefpunkt in der Berichterstattung, zumindest für jemanden, der sich daran erinnert, wie guter Journalismus sein sollte.

(Foto oben: Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat am Dienstag von den deutschen Behörden lückenlose Aufklärung gefordert: „Ich hoffe, dass diese Migrationsprobleme nicht zum Versuch führen, die Wirklichkeit aus irgendwelchen innenpolitischen Gründen politisch korrekt zu übermalen, das wäre falsch.“)