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Die Enttäuschung der Frau Özoguz

aydanAydan Özoguz, SPD-Politikerin und „Integrationsministerin“, ist eine Muslima, die sich in andere hineinversetzen kann. Ihre ganze Empathie zeigte sie jetzt anlässlich der Debatte um den türkischen Völkermord an den Armeniern in der Zeit des ersten Weltkrieges. Allerdings nicht mit jenen Armeniern, die von Türken in der Türkei barbarisch abgeschlachtet wurden. Zeitzeuge Leslie A. Davis, Amerikanischer Konsul in Harpu von 1914-1917, schilderte seine Eindrücke so (Text nachgesprochen in der Dokumentation Aghet, Minute 14.04):

(Von Sarah Goldmann)

Überall, auf allen Straßen, lagen die Leichen. Das ganze Land war ein einziges Leichenschauhaus oder um es korrekter zu sagen: ein Schlachthaus. Wenn man sieht, wie alte Männer und Frauen, 70, 80 Jahre alt, blind, lahm und krank, unschuldige Mütter und Kinder, hilflose Säuglinge, abgeführt werden, um ermordet zu werden, dann ist es unmöglich, irgendeinen plausiblen Grund zu finden, der eine derartige einschneidende Maßnahme rechtfertigt.

Diesen galt das Verständnis von Aydan Özoguz in ihren jüngsten Äußerungen nicht. Sie zeigte vielmehr Mitleid mit den Türkinnen und Türken in der Türkei, die unangenehm berührt sind, wenn sie solche Schilderungen hören. Die die Wahrheit nicht vertragen können und es nicht gerne hören, dass unter ihren Vorfahren auch brutale Mörder waren, die sich an Säuglingen vergriffen. Das stört das türkische Selbstbild, das ihr Führer und oberster Psychopath Erdogan einmal so formuliert hatte:

Die türkische Gemeinschaft und der türkische Mensch, wohin sie auch immer gehen mögen, bringen nur Liebe, Freundschaft, Ruhe und Geborgenheit mit sich. Hass und Feindschaft können niemals unsere Sache sein.

Das sind türkische Sentimentalitäten, die jetzt verletzt wurden, wie Aydan Özuguz bedauert. Man kann sie auch ein „Leugnen der Wahrheit“ nennen oder fehlende Distanz zur eigenen Geschichte, fehlende Selbstkritik oder maximale Selbstverliebtheit. Auf jeden Fall scheinen die türkischen „Sentimentalitäten“ eine echte Volkskrankheit unter Türken zu sein.

Bereits Kenan Kolat hatte sich in seiner Zeit als Vorsitzender der türkischen Gemeinde in Deutschland Sorgen um das Wohlbefinden junger Türken gemacht. Das Aussprechen der Wahrheit setze die türkischstämmigen Schüler unter einen „psychologischen Druck“, erklärte er 2009. Von daher sollte der Genozid an den Armeniern besser nicht in den Schulbüchern erscheinen, forderte Kolat damals:

Im brandenburgischen Lehrplan werden die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich in den Jahren 1915 bis 1918 als „Genozid“ bezeichnet. Dies, so Kolat in dieser Woche in der türkischen Zeitung „Hürriyet“, setze die türkischstämmigen Schüler unter einen „psychologischen Druck“, der sie in ihren schulischen Leistungen beeinflusse, und es „gefährde den inneren Frieden“.

Die verletzten Sentimentalitäten in Bezug auf die Bundestagsresolution sehen nun konkret so aus wie die ZEIT berichtet:

Zuvor hatte der Oberbürgermeister der türkischen Hauptstadt Ankara bei Twitter ein Bild mit allen türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten gepostet; der Beitrag wurde tausendfach geteilt und von vielen Nutzern mit Aufrufen zum Mord versehen. […]

Erdogan und große Teile der türkischen Medien richteten ihre Kritik insbesondere an den Grünen-Politiker Cem Özdemir, der die Resolution in die Wege geleitet hatte. Özdemirs Büroleiter Marc Berthold sagte der Welt am Sonntag, Özdemir habe noch nie so viele Todesdrohungen erhalten wie jetzt. Dem Bericht zufolge denkt das Bundeskriminalamt über Personenschutz für Özdemir nach.

Auch hier sind es nicht die von den türkischen Psychopathen Bedrohten, denen sich Özoguz an die Seite stellt. Es sind letztendlich diejenigen, die so denken und fühlen wie Extremisten, aber keine sind, wie sie betont. Weit über diese extremistischen Kreise hinaus denke man so in der Türkei, also auch unter normalen Menschen, die keine Extremisten seien. Und deshalb, die unausgesprochene Schlussfolgerung, müsse man in Deutschland doch Verständnis dafür aufbringen  – und eben die Klappe halten. Özuguz in der ihr spezifischen Denk- und Sprechweise über die intoleranten und verständnislosen Deutschen, von denen die Türken jetzt so enttäuscht sind:

Im Beitrag der Tagesschau warb sie allerdings für Verständnis für die türkischen Sentimentalitäten. Deutschland nehme zu wenig wahr, was in der Türkei weit über extremistische Kreise hinaus gedacht und gefühlt werde, „dass das nämlich wirklich eine echte Enttäuschung gerade darstellt“.

Es gäbe noch einen anderen Weg des Umgangs mit der grausamen Vergangenheit. Man könnte sie zuerst einmal einfach anerkennen. Man könnte die eigene Geschichte aufarbeiten, sehen, welche Motivationen die Türken in die Barbarei geführt haben und vielleicht daraus lernen. Man würde bei der Aufarbeitung auch Positives finden. In „Aghet“ werden türkische Beamte erwähnt, deren Zahl „nicht gering“ war, und die sich weigerten, grausame Befehle auszuführen (bei Minute 15:40). Sie könnten der Türkei zum Stolze des Landes gereichen. Um solche Möglichkeiten für ein neues positives Bewusstsein werden die Türken betrogen und weiter gezwungen sich selbst zu belügen. Leute wie Kolat oder Özoguz tragen dazu bei.