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FAZ in Fußstapfen von Erdogan

Bei der FAZ hat man sich auf Alexander Gauland eingeschossen. Es wird nun täglich über ihn „berichtet“, als handele es sich bei der AfD um eine Ein-Mann-Partei wie die PVV des Niederländers Geert Wilders. Immerhin: Die AfD wird  mit Aufmerksamkeit überschüttet und vom Leser als eine Partei mit zunehmender Bedeutung wahrgenommen. Am Mittwoch schrieb die FAZ zum Thema: „Die Gaulandfrage – Was ist deutsch?“ Innenpolitik-Redakteur Jasper von Altenbockum (Foto oben) stellt zunächst (mit bewusst oder unbewusst) ironischem Unterton fest:

Wenn das Statistische Bundesamt bekannt gibt, wie hoch der Anteil an der Bevölkerung in Deutschland ist, der einen „Migrationshintergrund“ hat, wird die Meldung mit einer neuen Art von Nationalstolz verbreitet: je höher der Anteil, desto fortschrittlicher die Gesellschaft, desto reifer das Volk.

Dann gibt er sich ratlos:

Die Statistik kann indessen nicht messen, wie die Zahlen in der deutschen Gesellschaft tatsächlich wirken und aufgenommen werden.

Da sind wir auch ratlos. Vor allem deswegen: Wer ist jetzt hier mit „deutscher Gesellschaft“ gemeint?

Die Biodeutschen mit Mihigru-freiem Stammbaum bis 1949? Oder die Biodeutschen + Passdeutschen? Alle EU-Bürger? Plus die legal sich hier aufhaltenden Drittstaatler? Plus die geduldeten, ungeklärten und untergetauchten Fälle unbekannter Zahl und Herkunft?

Von Altenbockum stellt sodann fest, dass es nur in Ostdeutschland ausländerfreie Orte gebe. Dort sei mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ ein „Wir“ ohne Ausländer gemeint. Etwas unpräziser sind seine Angaben zum Westen:

Aber auch im Westen gab es während der Flüchtlingskrise den Ruf „Genug ist genug!“, und zwar dort, wo der Ausländeranteil besonders hoch ist und die Deutschen zur Minderheit zu werden drohen.

Meint er Essen? Und meint er, dass in Essen nur Biodeutsche genug haben? Und wovon genau hat man dort genug? Von illegal eingewanderten Asylbewerbern? Von herumlungernden afrikanischen Drogendealern? Von kriminellen Libanesen-Clans? Von italienischen Pizzabäckern? Von türkischen Autohändlern? Man erfährt es nicht.

Von Altenbockum kommt dann auf die AfD zu sprechen (Hervorhebungen von PI). Schon im Teaser konnte man lesen:

Die AfD stellt die Frage wieder neu: Was gehört zu Deutschland, was ist „uns“ fremd? Die politische Diskussion über die nationale Identität droht die Bevölkerung in zwei Lager zu spalten.

Weiter unten:

Die politische Diskussion über die Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre und über den Aufstieg der AfD deutet darauf hin, dass die deutsche Bevölkerung in zwei Teile zerfällt: Der eine Teil lebt schon in der Einwanderungsgesellschaft und arrangiert sich damit, der andere nicht und lehnt sie ab.

Aufgrund einer politischen Diskussion zerfällt Deutschland in zwei Teile. Das ist schlimmer als der Mauerbau. Ein Ende der Diskussion fordert von Altenbockum natürlich nicht. Es könnte ja sonst heißen, er sei kein Demokrat.

Interessant die neuen Begriffe. Eben war noch die Rede von einer „deutschen Gesellschaft“. Nun geht es um eine „Bevölkerung“, eine „deutsche Bevölkerung“ und eine „Einwanderungsgesellschaft“. Wer ist damit jeweils gemeint? Biodeutsche, Passdeutsche, EU-Bürger, Drittstaatler und/oder Staatenlose? Und wer davon sollte möglichst die Klappe halten, damit Deutschland nicht auseinander bricht?

Von Altenbockum fährt schwerere Geschütze auf und spricht von „Sprengkraft dieser Polarisierung“. Sprengkraft kannten wir bisher vor allem aus salafistisch gepoltem Milieu. Aber nun soll diese Frage purer Sprengstoff sein:

Was ist deutsch, was macht „uns“ zu Deutschen, und wie kann man verhindern, dass wir es verlieren?

Auf diese Frage gebe es nun „ganz neue und ganz unterschiedliche Antworten“. Wir schlussfolgern, dass es dann auch alte Antworten geben muss. Bei unserem ehemaligen und kürzlich verstorbenen Bundeskanzler Helmut Schmidt wird man fündig:

„Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag.“

“Wir müssen eine weitere Zuwanderung aus fremden Kulturen unterbinden. Als Mittel gegen die Überalterung kommt Zuwanderung nicht in Frage. Die Zuwanderung von Menschen aus dem Osten Anatoliens oder aus Schwarzafrika löst das Problem nicht. Es schafft nur ein zusätzliches dickes Problem”.

„Sieben Millionen Ausländer in Deutschland sind eine fehlerhafte Entwicklung, für die die Politik verantwortlich ist.“

Helmut Schmidt sagte auch:

„Politiker und Journalisten teilen sich das traurige Schicksal, daß sie oft heute schon über Dinge reden, die sie erst morgen ganz verstehen.“

Als Altkanzler Kohl sich 1982 gegenüber Maggy Thatcher äußerte, klang das laut Protokoll so:

„Kanzler Kohl sagte, […] Über die nächsten vier Jahre werde es notwendig sein, die Zahl der Türken um 50 Prozent zu reduzieren – aber er könne dies noch nicht öffentlich sagen“, heißt es in dem Gesprächsprotokoll vom 28. Oktober 1982. Und weiter: „Es sei unmöglich für Deutschland, die Türken in ihrer gegenwärtigen Zahl zu assimilieren.“

Dem hatte Kohl 2013 nichts hinzuzufügen. 1982 lebten rund 1,5 Millionen Türken in Deutschland.

Bei von Altenbockum werden unsere Altkanzler aber unterschlagen. Vermutlich, weil sie das Volk nicht sprengten, sondern es hinter sich wußten und daher nicht ins Konzept passen. Deswegen muss jetzt das weltberühmte Gauland-Zitat noch mal ran:

Der Satz, den Alexander Gauland über „die Leute“ sagte, die Jérôme Boateng angeblich nicht zum Nachbarn haben wollten, ist so aufschlussreich, weil er genau auf die Unsicherheit zielt, die über jener Frage entstanden ist. Gaulands Satz soll sagen: Selbst wenn Boateng eine deutsche Mutter hat, Deutsch spricht und sogar deutscher Staatsangehöriger ist, ein „richtiger“ Deutscher in der für ihn „richtigen“ Nachbarschaft ist er deshalb noch lange nicht – und kann es „eigentlich“ auch nicht werden. Das zielt gegen eine staatsbürgerliche und „multikulturelle“ Auffassung von Volk und Gesellschaft, die wiederum auf ganz anderen Traditionen aufbaut als die ethnisch verwurzelte des AfD-Politikers. In dessen Vorstellung gibt es eine Abstufung des Deutschseins – je nach der nationalen, ethnischen und religiösen Herkunft der Eltern.

Die FAZ hat wirklich begnadete Schreiber. Sie können nicht nur aus einem anderthalbstündigen Hintergrundgespräch den einzigen wichtigen Satz herausfiltern und übereinstimmend handschriftlich auf Papier aufzeichnen. Sie können aus ihren Aufzeichnungen auch noch herauslesen, was Gaulands Satz sagen soll! Das wird Gauland und seine Anwälte sicherlich freuen.

Und noch etwas fällt auf: Da, wo es um das „Multikulturelle“ geht, werden nicht mehr so schnöde und schwabbelige Begriffe wie „Gesellschaft“ oder „Bevölkerung“ benutzt, da geht es dann um „Staatsbürger“ – und man staune – um das „Volk“!

Die angeblich neue Sichtweise wird uns als eine ganz andere „Tradition“ verkauft. Nur mal so nebenbei.

Von Altenbockum will wissen, dass es bei Alexander Gaulands Definition von Deutschsein eine Abstufung nach nationalen, ethnischen und religiösen Herkünften der Eltern gibt. Damit unterstellt von Altenbockum Alexander Gauland, dieser würde so denken wie Erdogan, für den nicht jeder mit einem türkischen Pass ein waschechter Türke und Moslem ist, weil er kurdische oder alevitische Eltern hat. Hat von Altenbockum einen Knall?

Das muss wohl so sein. Denn weiter schreibt er:

Die AfD und ihr Programm brechen damit radikal mit der Auffassung von Volk und Nation, die sich nach Kriegsende in Deutschland allmählich neu entwickelt hat – erst in illusionärem Widerwillen gegen Einwanderung, dann in deren Akzeptanz und Beförderung.

Schmidt und Kohl wurden ja bereits oben zitiert. Aus von Altenbockums Sicht handelt es sich um zwei Radikale, die ihrem „illusionären Widerwillen“ erlegen sind. Zwei Radikale, die sich offenbar weigerten, aus der Nazizeit zu lernen und in der Nachkriegszeit offenbar da weitermachten, wo von Altenbockum die AfD verortet:

Die neue Partei wendet sich gegen diese Beschleunigung und knüpft an Traditionen an, die auf das 19. Jahrhundert zurückgehen und im 20. Jahrhundert jäh abgebrochen sind, weil sie in die Verbrechen des Nationalsozialismus mündeten, von ihm ausgenutzt wurden oder pauschal als „Nazitum“ oder „faschistisch“ gebrandmarkt wurden.

Deswegen hat die AfD wahrscheinlich ein Drittel Wähler mit Migrationshintergrund. Von Altenbockum will wissen, dass die AfD ihr Programm nicht demokratisch auf einem Mitgliederparteitag beschlossen hat, sondern bei einem gewissen Julius Langbehn (1851-1907) abgeschrieben hat. Beweise hat er dafür keine. Aber die braucht eine angesehene Zeitung wie die FAZ nicht. Sie lebt immer noch von ihrem ehemals guten Namen. Er schwafelt nebulös weiter:

Der „melting pot“ ist diesem Denken dennoch nicht ganz fremd – aber nur, wenn „verschmelzen“ meint, dass unter Dominanz des „autochthonen“ Volks das Fremde verschwindet. Assimilierung hat deshalb einen bösen Klang in Deutschland, selbst wenn sie sich freiwillig und „organisch“ vollzieht.

Wo war von Altenbockum, sagen wir mal die letzten sechs Jahre? Assimilierung hat deshalb einen bösen Klang, weil der Präsident der in Deutschland lebenden Türken, passdeutschen Türken und Doppelpass-Türken seinen Landsleuten erklärte, dass sie zwar Deutsch lernen und sich bilden und politisch betätigen sollten, ihnen aber empfahl, sich nicht zu assimilieren. Assilimation sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“!

Daran hält sich die Bundesregierung, meldet von Altenbockum. Hier nennt man es dann aber „altliberale Tradition“ und nicht Befehl von Erdogan:

Das kürzlich vom Bundeskabinett beschlossene Integrationsgesetz knüpft die aktive, positive Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft in altliberaler Tradition nur an die deutsche Sprache, alles Weitere regelt das Grundgesetz, das wiederum auf das Staatsbürgerrecht verweist.

Um seine steilen These von der Herkunft des AfD-Programms rechtlich ein wenig abzusichern greift von Altenbockum zu einem Trick und schreibt, dieses sei „im bewussten oder unbewussten Rückgriff auf das 19. Jahrhundert“ entstanden:

Gegen diese Ergebnisse der jüngsten deutschen Gesellschaftsgeschichte formieren sich AfD, Pegida und die „Neue Rechte“ als Spielarten einer Bewegung, die alle im bewussten oder unbewussten Rückgriff auf das 19. Jahrhundert eine Art ethnische Volonté générale für sich reklamieren: Sie definieren den „wahren“ Volks- und Gemeinwillen nicht mehr nur demokratisch, sondern auch gegen das ethnisch Fremde und dessen politische Verbündeten, die „Elite“. Aus dem steigenden Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund machen sie auf ihre Weise eine neue, die alte „deutsche Frage“.

Auf welches Jahrhundert die Wunschprogramme problematischer Migranten zurückgehen, verrät von Altenbockum leider nicht. Wie auch? Die Wunschprogramme des orientalischen Frühmittelalters werden geschickt in hochmoderne Studien verpackt und kommen unter Titeln wie „Deutschland postmigrantisch I“ daher. Dort wird uns dann empfohlen, die deutsche Identität täglich neu wie auf einem Basar auszuhandeln.

Nachdem uns die FAZ ihre Forschungsergebnisse zum AfD-Wahlprogramm mitgeteilt hat, freuen wir uns auch schon auf die nächste Ausgabe von Lohse & Wehners Nachbarschaftsumfrage! Die beiden bekannten FAZ-Reporter haben sich darauf spezialisiert, Nachbarn in Stadtvierteln über ihre ausländisch wirkenden Nachbarn zu befragen. Eckart Lohse und Markus Wehner fuhren bisher extra nach München, um Feldforschung zu betreiben. Warum so weit?

Wir stellen uns vor, Eckart Lohse und Markus Wehner gehen ins Frankfurter Bahnhofsviertel (58,1 % Ausländer) oder nach Frankfurt-Innenstadt (47,9 % Ausländer) oder ins Gallus-Viertel (42,6 % Ausländer). Nun wird es interessant. Dort treffen sie beispielsweise auf einen der 14.608 in Frankfurt lebenden Pass-Italiener, der dort seit 30 Jahren als Pizzabäcker seine Familie ernährt. Er ist (leider, leider) derartig assimiliert, dass sie ihn für einen Deutschen halten. Befragt zum Thema Einwanderung wandelt sich der brave Pizzabäcker plötzlich in einen rechts-linksextremen, rassistischen, sozialnationalistischen, europafeindlichen, undemokratischen Anhänger der italienischen Partei M5S. Schon kreuzen Lohse und Wehner auf ihrem Fragebogen „Vollnazi“ an (sie arbeiten grundsätzlich mit handschriftlichen Methoden).

Danach treffen sie auf Timo (20), Soziologiestudent. Timo hält die Einwanderungsrate für zu niedrig, weil er keinen Bock hat, als Einzelkind für die ganzen Rentner zu bezahlen. Im Hauptstudium will er was in Richtung Integration machen, damit die jährlich hoffentlich bald zwei Millionen Einwanderer ihn auch wirklich entlasten anstatt ihm zusätzlich auf der Tasche zu liegen. Lohse & Wehner notieren wortwörtlich übereinstimmend „gut integrierter Deutscher mit latenten Ressentiments gegen Migranten“.

Frau W. (75) guckt die beiden Reporter verdutzt an: „Das hat mich ja noch nie jemand gefragt! Sind sie von der Presse? Dann sage ich nichts.“ Lohse & Wehner notieren „ältere Lügenpresse-Wutbürgerin / starke Ausländerfeindlichkeit darf vermutet werden“.

Sie treffen auf eine Mutter mit einem Vierjährigen. Sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, beantwortet aber die Fragen. Es sei schwierig. Der Kindergarten sei multikulturell. Sie habe das Gefühl, es seien viele „Macho-Jungs“ dort, die sehr viel Aufmerksamkeit bekämen. Der deutsche Staat müsse mehr in die Kindergärten investieren, wegen der Integration. Das würde sich später auszahlen. Weiter wolle sie sich dazu nicht äußern. Lohse & Wehner notieren „deutsche Mutter fordert höhere Ausgaben für Integration“.

Um die Umfrage möglichst breit anzulegen wechseln Lohse & Wehner ins Bankenviertel. Als erstes begegnet ihnen ein Japaner. Also sie denken, dass es ein Japaner ist. Der eingebürgerte Mann, der aus dem Industrieland mit der niedrigsten Einwanderungsquote stammt, wird also nicht befragt. Am Ende des Tages haben Lohse & Wehner insgesamt 30 Personen befragt. Ihre Aufzeichnungen stimmen überein. Daher können sie abends schon mal die Überschrift und den Teaser schreiben:

Bewusste und unbewusste Ausländerfeindlichkeit wächst – Frankfurts Bürger fordern mehr Geld für Integration! Seitdem die AfD die „deutsche Frage“ stellt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Neben pressefeindlichem Wutbürgertum trafen unsere Reporter in Frankfurter Nachbarschaften auch auf eine latent bis offen-rassistische Ausländerfeindlichkeit, die sich möglicherweise auch in den Wahllokalen entlädt, wenn man den in unserer Mitte lebenden Migranten nicht endlich den Doppelpass gibt. Die deutsche Jugend allerdings, sie steht zum multikulturellen Frankfurt, sieht darin ihre Zukunft – wovon besonders das Bankenviertel profitiert.