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Hübner: Cohn-Bendit gehört nicht in Paulskirche

paulskirche_cohnDer für den 3. Oktober geplante Redeauftritt des Grünen-Politikers Daniel Cohn-Bendit am Tag der Deutschen Einheit in der Paulskirche ist zum Anlass eines Streits geworden. Denn es ist offensichtlich, dass die vom SPD-Oberbürgermeister Peter Feldmann erfolgte Benennung des ehemaligen Aktivisten der außerparlamentarischen 68er-Bewegung als Redner nicht nur eine gezielte Provokation darstellt, sondern auch als ein spätes Dankeschön von Cohn-Bendits Unterstützung für Feldmanns erfolgreiche Kandidatur im Jahr 2012 gewertet werden kann.

(Anmerkungen zu einer aktuellen Kontroverse von Wolfgang Hübner)

Die Frankfurter CDU, so schwächlich und opportunistisch sie auch längst ist, tut sich aufgrund von Mitgliederprotesten etwas schwer mit dieser Auswahl Feldmanns und verweist auf die bekannten pädophilen Sympathien, die Cohn-Bendit in früheren Jahren geäußert und publiziert hat. Allerdings hat die CDU bislang nicht kritisiert, dass der Grünen-Politiker und Multikulti-Ideologe auch aus ganz anderen Gründen denkbar ungeeignet ist, gerade am Tag jener Deutschen Einheit, die er und viele andere seiner politischen Couleur am liebsten nie erlebt hätten, an diesem bedeutenden Ort deutscher Geschichte zu reden.

Die linksgrün-gerichtete Frankfurter Rundschau (FR) hat naturgemäß weniger Probleme mit einem Einheitsredner Cohn-Bendit. In einem ausführlichen Interview, gedruckt in der Ausgabe vom 8. September 2016, gibt sie dem Politiker Gelegenheit, sich zu dem Vorwurf der Pädophilie zu äußern. Cohn-Bendit nutzt gleich am Anfang diese Gelegenheit, um sein eigenes Tun in den Zusammenhang einer epochalen Sittenwende zu bringen: „Einer der Beweggründe unserer Revolte in den 1960er Jahren war der Aufstand gegen eine überkommene Moral. Diese Moral fußte unserer Meinung nach auf einer sexuellen Verklemmtheit bis hin zur sexuellen Repression. Es gab einen Aufstand gegen die autoritäre Erziehung: Die Kinder sollten zu sich selbst finden.“

Damit hat Cohn-Bendit eine erste ideologische Marke gesetzt, um das eigene nun in Verruf geratene Handeln zu legitimieren und moralisch zu überhöhen: „Die Kinder sollten zu sich selbst finden“. Dann wird er in dem Interview auf seine Zeit in der Odenwaldschule angesprochen, die Cohn-Bendit, 1945 geboren, ab 1958 besuchte. Bekanntlich hat die Odenwaldschule wegen massiver pädophiler Vorgänge in den letzten Jahren einen traurigen Ruf bekommen. Der Politiker nutzt die Frage, um auf seine jüdischen Eltern zu sprechen zu kommen und sagt auch, warum er als damals 13-jähriger genau wusste, warum nur dieser Bildungsort für ihn in Frage kam: „Die einzige Schule, wo ich hinwollte, war die Odenwaldschule, weil dort ein Lehrer war, Ernest Jouhy, ein jüdischer Emigrant… Dieser Lehrer war die einzige Vertrauensperson, die ich akzeptiert habe, um in eine deutsche Schule zu gehen. Denn 1958 wollte ich nicht in eine deutsche Schule…“

Merken wir uns an dieser Stelle gut, dass der erst 13-jährige Cohn-Bendit nicht nur schon sehr genau gewusst haben will, welche Schule und aus welchem Grund er diese besuchen wollte, sondern dass er auch keinesfalls auf eine normale deutsche Schule gehen wollte, weil, wie er dem Interviewer bestätigt, Deutschland das Land der Täter war. Es ist also ein geistig sehr frühreifer 13-jähriger, den der Grüne in dem Interview schildert. Inwieweit der Wille seiner Eltern bei der Schulwahl eine Rolle spielte, blendet Cohn-Bendit völlig aus – hatten die bei dieser Entscheidung nicht mitzureden? Immerhin erfahren wir, er habe an der Odenwaldschule keine pädophilen, aber „erste sexuelle Erfahrungen mit Mädchen gemacht“. Gut, dass wir das nun auch wissen.

Nach dem biographischen Vorgeplänkel geht es richtig zur Sache. Der Studienabbrecher und von Frankreich in die deutsche Verbannung geschickte Revoluzzer erzählt, Anfang der siebziger Jahre erst dreieinhalb Jahre in der Frankfurter Uni-Kita und dann dreieinhalb Jahre in einer Krabbelstube gearbeitet zu haben. Cohn-Bendit: „Ich war in einer Phase damals, in der ich permanent provozieren musste.“ Auf die FR-Frage, ob er das auch wollte, antwortet er: „Ich wollte provozieren. Ja. Deshalb habe ich angeberisches Zeug geschrieben, das den Spießbürger provozieren sollte.“

Cohn-Bendit spielt damit auf Passagen in seinem Buch „Der Große Basar“ an, das 1975 in Frankreich erschien. Der Interviewer datiert den Erscheinungstermin fälschlich auf 1971, unwidersprochen von Cohn-Bendit. Das ist insofern keineswegs unwichtig, weil der Autor 1971 mit der Kinderbetreuung weit weniger Erfahrung hatte als vier Jahre später. In dem Buch schildert er neben manch anderem auch, wie er es jetzt selbst formuliert, „angebliche sexuelle Wünsche von Kindern gegenüber Erwachsenen.“

Warum er das tat? „Meine Attitüde war: ich breche Tabus. Und natürlich war die Sexualität von Kindern eines der größten Tabus.“ Und sich selbst entschuldigend fügt Cohn-Bendit hinzu: „Aber ich habe den Tabubruch missbraucht. Ich habe in meinem Geltungsdrang einen Text verfasst, der 40 Jahre später mit Recht unsäglich wirkt.“ Es fällt an dieser Stelle auf, dass dem langjährigen Politiker offenbar noch immer nicht klar ist, wie „unsäglich“ der Text bereits 1975 war.

Der FR-Interviewer, das sei zu dessen Ehre gesagt, lässt nicht locker und erinnert Cohn-Bendit: „Sie haben sich noch 1982 im französischen Fernsehen damit gebrüstet, wie Sie sich von einer Sechsjährigen ausziehen ließen.“ Der damals schon aktive Grünen-Politiker war 1982 kein Pubertierender und auch kein junger Mann mehr, sondern 37 Jahre alt. Wir wissen aus dem Interview, dass er nach eigenen Angaben Anfang/Mitte der siebziger Jahre „in einer Phase“ war, “in der ich permanent provozieren musste“. War er, der bereits 1978 hessischer Innenminister werden wollte, also etliche Jahre später immer noch in dieser Phase?

Cohn-Bendit reagiert lustlos und merklich gereizt auf diese Erinnerung an den Fernsehauftritt von 1982, der dokumentiert ist und noch immer auf YouTube zu sehen ist. Hier seine Replik in dem FR-Interview: „Ja, das war alles in der gleichen Logik. Aber ehrlich gesagt finde ich, dass unser Gespräch redundant wird. Auch Sie, die FR, reduzieren mich mit Ihren Fragen wieder auf diese zwei Seiten beziehungsweise auf diese Provokationen. Ich habe mich des Öfteren dafür öffentlich entschuldigt, mehr kann ich nicht tun. Ich habe diese Scheiße so satt!“

Betrachten wir diese Äußerungen näher. Schon der erste Satz zeugt von größter Verlegenheit. Denn welche Logik bringt einen 37-jährigen hochambitionierten Politiker dazu, 1982 pädophile Praktiken zu propagieren und mit ihnen sogar öffentlich zu prahlen? Die einzige Logik wäre, dass er wie etliche Jahre zuvor bereits in dem 1977 auch auf Deutsch erschienene Buch „Der große Basar“ noch immer Pädophilie, also Sexualität Erwachsener mit Kindern, gut und ausgesprochen lustvoll empfindet. Dann können allerdings ähnliche frühere Äußerungen nicht mehr als Ausrutscher gewertet werden, die mit sehr viel gutem Willen verzeihbar sein könnten.

Cohn-Bendit ist intelligent genug um zu wissen, in dem Interview in eine schwierige Situation geraten zu sein. Folglich geht er zum Gegenangriff über, kritisiert den Fragesteller und ist richtig beleidigt, ausgerechnet von der links-grünen FR mit solch unangenehmen Fragen belästigt zu werden. Und dem Zeitgeist der ebenso billigen wie folgenlosen „Entschuldigungen“ folgend, verweist er auf Reuebekenntnisse, die er allerdings erst ablegte, als er unter öffentlichen Druck wegen der pädophilen Bekenntnisse geraten war. Wie ernsthaft seine „Reue“ tatsächlich zu beurteilen ist, verrät sein gereizter Ausruf: „Ich habe diese Scheiße so satt!“

Das, was Cohn-Bendit „Scheiße“ nennt, sind offensichtlich nicht seine pädophilen „Provokationen“ von früher, sondern das ist die öffentliche Erinnerung daran. Er will damit nicht mehr konfrontiert werden. Das ist aus seiner Sicht auch durchaus verständlich. Aber er hat sich als Berufsloser eine einträgliche politische Karriere und eine sehr auskömmliche Altersversorgung mit Hilfe einer Partei gesichert, die ihren Aufstieg nicht zuletzt der Moralisierung von Politik verdankt. Man stelle sich nur vor, AfD-Politiker hätten in ihrer Vergangenheit dokumentierte pädophile Sympathien erkennen lassen – die Grünen wären bei der öffentlichen Hinrichtung gewiss nicht die faulsten Steinewerfer. So satt Cohn-Bendit „diese Scheiße“ auch haben mag: Frühe Sünden werfen bei so exponierten Figuren wie ihm halt lange Schatten.

In einem gegenüber Cohn-Bendit ausgesprochen wohlmeinenden Artikel in der Rhein-Main-Zeitung der FAZ vom 9. September 2016 mit dem Titel: „Grüner Dani, rotes Tuch, schwarzer Ärger“ schreibt deren Redaktionsleiter Mathias Alexander am Ende seines Textes: „Die Antwort auf die Frage, ob man ihm als Redner zuhören kann, hängt also von der Bereitschaft ab, einem Menschen eine sehr törichte Bemerkung zu verzeihen.“ Damit liegt Alexander allerdings daneben: Der langjährige Europa-Abgeordnete der Grünen und lautstarke Befürworter erfolgloser, aber folgenschwerer westlicher Kriege hat mit seinen mehrfachen, selbst noch mit 37 Jahren gemachten pädophilen Bekenntnissen keine „sehr törichten“, sondern öffentlich strafbare und besonders verachtenswerte sexuelle Vergehen propagiert und verharmlost.

Es spielt keine entscheidende Rolle, ob er damit nur provozieren wollte oder gar selbst solche Praktiken mit anvertrauten Kindern ausgeübt hat, was er vehement bestreitet und wofür es auch keine Zeugenaussagen gibt. Aber Cohn-Bendit hat sich damit moralisch für einen Festvortrag am Tag der Deutschen Einheit in einem national so bedeutsamen Ort wie der Frankfurter Paulskirche disqualifiziert.

Wenn es in Frankfurt und Deutschland auch nur halbwegs vernünftig zuginge, dann hätte ohnehin niemand auf die Idee kommen dürfen, einem politischen Abenteurer und Schwadroneur eine so ehrenvolle Aufgabe zu übertragen. Wer der Einladung von Oberbürgermeister Feldmann am 3. Oktober in die Paulskirche folgt, lässt den Respekt vor der historischen Leistung der Deutschen Einheit vermissen. Den heute 71-jährigen Daniel Cohn-Bendit kann man wegen seiner früheren pädophilen „Tabubrüche“ und „Provokationen“ vielleicht noch immer auf eine moralische Anklagebank setzen. Oder ihm das großzügig verzeihen – das mag jeder selbst entscheiden. Wo er keinesfalls hingehört, das ist der Platz am Rednerpult in der Paulskirche am 3. Oktober 2016, dem Tag der Deutschen Einheit.


Nachtrag: In der Sitzung der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung vom 15. September 2016 haben in namentlicher Abstimmung alle Stadtverordneten von CDU, SPD, Grünen, FDP und Linken einen Antrag der AfD-Fraktion abgelehnt, Pädophile in der Paulskirche nicht sprechen zu lassen. In dem Antrag wurde der Name Cohn-Bendit bewusst nicht erwähnt. Folglich haben die Vertreter der genannten Parteien kein Problem damit, dass an diesem traditionsreichen Ort der deutschen Demokratie auch Pädophile ans Rednerpult treten können. Angenommen wurde der Antrag von den sieben anwesenden AfD-Stadtverordneten sowie den drei Stadtverordneten der BFF (Bürger Für Frankfurt), darunter der Verfasser dieses Textes.