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Kommt die Glückssteuer?

Manche Menschen erzielen – arbeits- und müheloses – Einkommen durch eine Erbschaft. Sie haben Glück. Denn in welches Verwandtschaftsgeflecht man hinein geboren wird, ist Zufall. Den einen trifft es besser, den anderen schlechter. Und dennoch: Dass das „Schicksal“ so willkürlich zuschlägt, hier bevorzugt, dort übergeht, wirkt – obwohl es mir ja nicht schlechter geht, wenn mein Nachbar Glück hat – kränkend und weckt Argwohn. Das Leben ist „ungerecht“.

(Von Marcus)

Womit wir bei dem aufgeladenen Begriff der „Gerechtigkeit“ wären. Vom einstigen Glanz der Kardinaltugend ist nicht viel geblieben. Gerechtigkeit ist zur reinen „Verteilungsgerechtigkeit“ geschrumpft. Wobei nicht mehr gilt „Jedem das Seine“, sondern „Allen das Gleiche“. Man nennt das „soziale Gerechtigkeit“. Wer aber ist zuständig, „Gerechtigkeitslücken“ zu schließen und für die damit einhergehenden Kränkungen Revanche zu nehmen? Das ist der Genosse Staat.

Er verschafft den zu kurz Gekommenen Genugtuung, und er demütigt die vom glücklichen Zufall Beschenkten. Das ist die „moralische“ Dimension einer Erbschafts- oder Vermögenssteuer. Die Erbschaftssteuer ist ein Anwendungsfall des Prinzips: Der Staat ist dazu da, durch seine Enteignungs-Vollmacht die Unberechenbarkeiten des Lebens, so sie sich als Ungleichverteilung der materiellen Güter niederschlagen, zu kompensieren. Angesichts der Willkür des Glücks ist „die Politik gefordert“.

Wenn Glück aber, da in sich „ungerecht“, staatliche Intervention verlangt, worin besteht dann das Nicht-Glück, das eine „gerechte“ Quelle materiellen Zugewinns sein könnte? Ist es Verdienst, gar Leistung? Aber Verdienst wurde ersetzt durch Anspruch, und Leistung – Leistung ist rassistisch! Dabei hängt doch, genau genommen, alles gute Gelingen vom Glück, vom Zufall als einer zumindest notwendigen Voraussetzung ab. Auch die dem freien Willen entspringende Leistungsbereitschaft wird von zufälligen Randbedingungen beeinflusst, wie den Genen oder dem Elternhaus.

Letzteres wurde schon erkannt. Die Familie wurde identifiziert als Brutstätte und Überträgerin sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft. Kita und Ganztagsschule sollen daher für soziale Hygiene sorgen. Niemandem sollen unverdient Vorteile durch den glücklichen Zufall eines guten Elternhauses entstehen.

Aber wie damit umgehen, dass manche Menschen Vorteile haben, weil sie – durch einen glücklichen Zufall – intelligenter, eloquenter, sympathischer oder attraktiver sind? Die ausgleichende Gerechtigkeit des Staates müsste dafür sorgen, dass alle gleich dumm, spracharm, unsympathisch und hässlich sind. Gleichheit gibt es nämlich nur als Nivellierung nach unten. Denn Exzellenz ist immer herausragend, setzt Ungleichheit voraus. Ist das physisch nicht – noch nicht? – möglich, muss wenigstens der materielle Vorteil, der sich aus natürlicher Ungleichheit ergibt, abgestraft werden.

Dabei schlägt das Glück in seiner himmelschreienden Ungerechtigkeit noch viel grausamer zu. Man stelle sich – geschlechtsneutral – zwei Individuen vor, die gleich gut qualifiziert, gleich intelligent, eloquent, sympathisch und attraktiv sind. Der einzige Unterschied: Person A begegnet – durch glücklichen Zufall – zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort den richtigen Leuten. Eine beeindruckende Erfolgsgeschichte beginnt. Person B verpasst einen solchen Moment um ein paar Meter oder Minuten und geht leer aus. Pech gehabt.

Vielleicht erfahren wir bald von einer „Studie“ aus dem Hause Bertelsmann oder der Friedrich Ebert-Stiftung, die, als „neueste“ und „jüngste“ ihrer Art vermeldet, „belegt“, dass es eine Korrelation zwischen Körpergröße und Aufstiegschancen gibt, die zugunsten der Hochgewachsenen ausschlägt. Insbesondere wenn dies als das unterschwellige Fortwirken „rassistischer“ Wahrnehmungsmuster gedeutet werden kann, sind „Maßnahmen“ gefordert. Das könnte eine Quotenregelung zur Körpergröße oder eben eine Sonderabgabe für Hochgewachsene sein. Höhere Schultern können mehr tragen.

Dem Gerechtigkeitsfanatiker raubt es den Schlaf, dass Glück und Güter so unberechenbar gestreut sind. Folglich späht er die kleinsten Fluktuationen des Lebens aus, die sich zu sozialen Asymmetrien auswachsen könnten. Aber auch an den Schalthebeln der Macht vermag der das Leben nicht unter Kontrolle zu bringen. Das kränkt seine Eitelkeit. Löscht er hier etwas aus, poppt dort die Ungleichheit wieder hoch. Deswegen sind Sozis so ruhelos, immer in Schnappatmung, schrill und eifernd. Von diesem mentalen Zustand zeugt bisweilen auch die Physiognomie. Unangenehme Zeitgenossen!

Dabei richten sie das Unheil, das sie anprangern, selbst mit an: Dank der „Diversity“, die dieses Land durch Gäste aus aller Herren Länder bereichert, nimmt auch das Potential für soziale Ungleichheit zu.

Bald wird es nicht mehr nur um das Glück gehen, das einem aufgrund des Glücksfalls der Verwandtschaft in Gestalt eines Erbes zufällt. Sollten „jüngste Studien belegen“, dass Autochthone, trotz aller Repressalien gegen die Ungleichheit, im Schnitt wirtschaftlich besser gestellt sind, dürfte auch das „White Privilege“ als Ziel einer ausdrücklichen Sonder- und Strafsteuer ins Gerede kommen. Denn es ist ungerecht, einen ökonomischen Vorteil aus der ethnischen Zugehörigkeit zu ziehen, für die „niemand etwas kann“ und die doch reiner Glücks- und Zufall ist.

Der Handlungsbedarf für eine Glückssteuer, die die diskriminierenden Zufälle und Unberechenbarkeiten des Lebens ausgleicht, ist enorm. Der sozialdemokratischen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ist das jetzt Zuspitzung, „menschenverachtende“ Gehässigkeit gegenüber dem noblen Anliegen einer gerechteren Welt, Panikmache egoistischer Besitzbürger, verkappter Rassismus, billige Zuspitzung, Galgenhumor? Oder werden wir uns eines Tages in einer Situation finden, von der wir einst glaubten: So etwas kann es doch nicht geben?