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München: Geschäftsmodell Wirtschaftsmigration

Am vergangenen Karsamstag ließ eine Meldung des FOCUS aufhorchen, der zufolge nördlich von München 180 Personen auf einen Schlag eine Kündigung erhielten und ein so genanntes Boardinghaus verlassen mussten:

(Von Sarah Goldmann)

Kurz vor Ostern standen 180 Münchner plötzlich vor der Tür: Die Geringverdiener wohnten in einem sogenannten Boardinghaus, ihre Miete wurde von der Stadt bezahlt. Doch dann mussten sie das Gebäude verlassen – innerhalb von drei Stunden. Angeblich geht es um ausstehende Zahlungen der Stadt. […]

Das Boardinghaus wird laut „tz“ von der Firma 2-Rent Group betrieben. In dem Gebäude wohnen Geringverdiener in „hotelähnlicher“ Umgebung, aber auf längere Zeit. Ihre nicht sonderlich geringe Miete zahlt die Stadt – und darum geht es offenbar. Die 2-Rent Group spricht demnach von ausstehenden Zahlungen. Das zuständige Sozialreferat habe auf eine angedrohte Kündigung nicht reagiert.

Zuerst einmal verdient der Begriff der „Geringverdiener“ Beachtung. Vermutlich handelt es sich dabei um Vertreter eines Geschäftsmodells, das EU-Osteuropäer nutzen bzw. vor wenigen Jahren noch nutzten: Sie melden als Selbständige ein Gewerbe an, zum Beispiel Fliesenleger oder Abbruchunternehmer. Gleichzeitig, wenn sie keine Wohnung finden, melden sie sich unter einer Adresse oder Scheinadresse an und schlagen sich eine bestimmte Zeit (ein halbes Jahr?) irgendwie durch. Nach dieser Zeit haben bzw. hatten sie in der Vergangenheit (!) die Möglichkeit, „wenn das Geschäft schlecht lief“, staatliche deutsche Unterstützung in Anspruch zu nehmen. So weit eine grobe Skizze dieses Modells.

Sodann der Begriff des „Boardinghauses“: Die Untergebrachten leben im Grunde wie in einer Mietwohnung, nämlich dauerhaft dort. Aber: Offiziell wird das Haus vom Besitzer als Hotel deklariert. Es wird für eine Nacht oder zwei oder auch dauerhaft vermietet, wobei aber eben jede Nacht abgerechnet wird. Bleibt ein Gast eine Nacht ohne Bezahlung, kann er hinausgeworfen werden. Die Sicherheiten eines Mietvertrages, insbesondere eine mehrmonatige Kündigungsfrist, entfallen.

Die eingangs genannten Kündigungen vor Ostern sprach die Firma „2-Rent Group“ als Besitzerin des Hauses aus. Sie scheint sich an der Schnittstelle beider Geschäftsmodelle zu bewegen, also für teures Geld schlechte Wohnungen an osteuropäische „Existenzgründer“ zu vermieten. Dies legt ein Fall aus dem Jahre 2013 nahe, bei dem alle die genannten Merkmale zutreffen könnten, „Existenzgründer“, „Boardinghaus“, „Schrottimmobilie“, plus „Abzocke“ durch die Firma 2-Rent Group.

Die tz berichtete:

Der Bulgare Ivanov kam im März 2012 nach München und hat eine Odyssee hinter sich. Nach etlichen Nächten bei Bekannten auf Sofas bekommt er einen Job als Lkw-Fahrer. Seine Familie kommt nach und freut sich auf eine Wohnung. Sein Kollege und Dolmetscher erzählt der tz: „Im September 2012 ist er über die Firma 2-Rent Group GmbH an eine Wohnung in Eching gekommen – die Umstände dort aber waren sehr schlimm.“

So schlimm, dass das zuständige Landratsamt Freising das ganze Gebäude in der Breslauer Straße 5 und 7 jetzt im Mai sogar räumen ließ. Im Bescheid heißt es: „Die wohnähnliche Nutzung wird mit sofortiger Wirkung untersagt.“ Anita Fußeder vom Landratsamt: „Das Gebäude ist nur als Bürogebäude genehmigt. Des Weiteren haben wir brandschutzrechtliche Mängel festgestellt.“ Laut Bescheid waren in den beiden Gebäuden zirka 120 Personen untergebracht!

Am Dienstag nach der Räumung kam Oleg Ivanov mit seiner Familie vom Regen in die Traufe – in das sogenannte Boardinghaus Am Neubruch 39 bis 41 in Moosach. Laut Beherbergungsvertrag der 2-Rent Group zahlt Ivanov hier 578 Euro brutto im Monat – für ein kleines Loch! „Wir finden einfach keine andere Wohnung!“ klagt er.

Die Adresse in Moosbach ist die, für die jetzt vom Besitzer die 180 Kündigungen ausgesprochen wurden. Warum die Stadt München dies – als Geldgeber für die „Geringverdiener“ – dazu kommen ließ, erklärt der FOCUS nicht. Eigentlich dürfte man auch bei Hotelunterbringung vermuten, dass die Stadt ihren Verpflichtungen nachkommt, zumal die regelmäßigen Geldüberweisungen doch wohl automatisiert funktionieren.

Vielleicht liegt es daran, dass erstens das oben skizzierte Geschäftsmodell aufgrund neuer (drohender) gesetzlicher Bestimmungen (z.B. kein oder nur geringerer Anspruch auf Kindergeld) in Gefahr geraten könnte.

Und dass zweitens eine weitere Gruppe nicht nur Ersatz für den drohenden Ausfall der „Geringverdiener“ verspricht, sondern sogar noch mehr Rendite, nämlich die so genannten „Flüchtlinge“. Der Geschäftsführer von 2-Rent, EL Naib, Sohn eines Syrers, gab sich 2014 schon einmal generös, als die Stadt München händeringend Unterkünfte für die damals ebenfalls von Merkel großzügig eingeladenen Kontingentflüchtlinge (=Anerkennung ohne Verfahren) aus Syrien suchte:

Hotelchef El Naib indessen beweist ein gutes Händchen im Umgang mit seinen Gästen. »Es geht vor allem darum, wie man sie behandelt«, sagt er. Wenn man sie freundlich empfange, könnten sie sich schneller wohlfühlen und integrieren.

Und das sollte auch im Interesse der Regierung sein: Denn wenn sie die bürokratischen Dinge erledigt haben und ein bisschen Deutsch sprechen, können sie arbeiten. »Dann kosten sie den Staat kein Geld und sind nicht mehr auf Hilfe angewiesen«, sagt El Naib. Er geht mit bestem Beispiel voran: In seinen Betrieben stellt er Flüchtlinge an und bildet sie sogar aus. Auch von seinen neusten Gästen hat er schon Bewerbungen erhalten.

Das war 2014. Man darf gespannt sein, welche „neusten Gäste“ jetzt in das leer stehende Haus einziehen werden.