- PI-NEWS - https://www.pi-news.net -

Anatomie der Revolution – Hintergründe verstehen lernen

Mitte der 60er Jahre war nicht alles Gold, was glänzte. Der Kalte Krieg teilte die Welt, Revolutionen erschütterten viele Länder, Deutschland war aufgeteilt. Doch ein Vorteil ist nicht von der Hand zu weisen: Die wissenschaftliche Bildung war noch nicht verloren. Statt Gender Studies und Klimawandelspropaganda wurde ernsthaft geforscht und nachgedacht. Geschichte und Politik waren keine Felder der Agitation, sondern Gegenstand sachlicher Forschung. Thema waren zum Beispiel eben Revolutionen und Umschwünge in verschiedenen Ländern.

Der Harvard-Historiker Crane Brinton legte schon damals eine Schlüsselschrift vor, die erst jetzt in einer vollständigen Ausgabe auf dem deutschen Markt gekommen ist: „Anatomie der Revolution [1]“. Brinton untersuchte vier Revolutionen, die die Menschheitsgeschichte veränderten und neue Wege einschlagen ließ: Die englische, die französische, die amerikanische und die russische Revolution. Ohne Umschweife: Es ist wohl die flüssigste und hellsichtigste vergleichende Analyse überhaupt. Eine Mischung aus Geschichtsbuch und Menschheitsanalyse.

Aber wichtig ist „Anatomie der Revolution“ aus einem weiteren Grund. Kein Tag vergeht in den Medien ohne das Wort der „Revolution“. Beweise? Wir reden über „orangene“, „arabische“, „friedliche“, „demokratische“  Revolutionen im politischen Sinn. Oder über „sexuelle“, „zivilgesellschaftliche“, „digitale“ und „technische“ Revolutionen in anderen Bereichen. Wir müssen also zwangsläufig unser Bewusstsein für Begriffe schärfen, wenn wir die Welt verstehen wollen. Sonst ist alles „Revolution“ – und wenn alles „Revolution“ ist, ist nichts „Revolution“.

Crane Brintons Buch ist wohltuend informativ, ohne ideologisch zu sein. Man lernt, was Revolutionen auszeichnen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen einer solchen vorangehen. Man lernt also, Ereignisse zu deuten und einzuordnen. Brintons Modell ist dabei wie folgt aufgebaut. Er sieht drei entscheidende Faktoren einer jeden Revolution: die Nation, das Bürgertum und die „Multitudo“, d. h. die Massen.

Die Nation ist klar: Sie ist das Handlungsfeld einer Revolution und eine feststehende Einheit (keine Konstruktion!). Das Bürgertum ist die tragende Kraft einer Nation. Sie ist der wirtschaftliche Motor, das politische Gerüst. Wenn es nicht mehr kann oder nicht mehr will, kann es in einer Nation zu einem Umsturz kommen.

Welche Rolle spielen aber die Massen? Eine Revolution ohne Volksmassen ist undenkbar. Eine Revolution nur von den Massen her zu denken ist marxistischer Aberglauben. Also, was bleibt? Entscheidend ist, sagt Brinton, wie das Bürgertum es schafft, Massen zu integrieren in ihre Projekte. Das Bürgertum muss also Ideen haben, die für die Massen interessant oder aber verheißungsvoll sind. Sie müssen eine klare, eine konkrete Vision für die Zukunft der Mehrheit haben. Wie das in Revolutionen bisher gelang oder nicht gelang, ist ebenfalls Thema dieses Buches.

Insgesamt ist „Anatomie der Revolution“ jedem Geschichts- und Politikinteressierten zu empfehlen, der Lust hat, mal was Neues zu entdecken. Man braucht zwar einige Vorkenntnisse der Weltgeschichte, aber der Autor lässt niemanden zurück. Als Harvard-Professor der alten Schule versteht er es vorzüglich, komplexe Themen in sehr gut lesbare Sprache zu verpacken. Das gibt es heute selten. Daher ist diese Ausgabe aus dem christlich-konservativen Karolinger-Verlag unbedingt zu loben.

Bestellinformation:

» Crane Brinton: „Anatomie der Revolution [1]“ (24 €)

Beitrag teilen:
[2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9]
[10] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9]