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Die AfD, die Grünen, die Fundis und das Problem der Avantgarde

Von PETER M. MESSER | Die AfD wird ja gerne mit den frühen Grünen verglichen, oft unter dem Aspekt, dass sie sich erst mal ihrer Fundis entledigen müsse, um unter der Führung der Realos regierungsfähig und wirklich politisch wirksam zu werden. Im Sinne des konservativen Grundsatzes, die Wirklichkeit vorurteilsfrei in ihrer vollen Komplexität zu erfassen, sei da mal folgende Frage gestellt: Wo sind die ganzen grünen Fundis eigentlich hin?

Von der Bildfläche verschwunden sind sie jedenfalls nicht. Man denke hier nur an Jutta Ditfurth, die die Grünen nach ihrer „realpolitschen Wende“ verließ, aber weiterhin eine vielbeschäftigte und gut wahrgenommene Publizistin, Aktivistin und auch regelmäßiger Talkshowgast im Fernsehen ist. Hier zeigt sich bereits, dass die Trennung der Grünen von den Fundis nur eine organisatorische und parlamentarisch-politische war, nicht aber eine ideologische, kulturelle oder soziale. Eine „scharfe Kante gegen Links“ wurde nicht ausgebildet, man hat sich niemals gegen die alten Genossen und an die Seite der alten Feinde gestellt.

Im wesentlichen haben sich die Linksradikalen der Grünen in zwei Gebiete zurückgezogen: Einmal der Bereich von Medien, Universitäten und Kultureinrichtungen, wo sie ihre Agenda weiter verfolgten und die Konzepte entwickeln konnten, die schließlich doch im parlamentarisch-politischen Bereich umgesetzt werden sollten, man denke etwa an die Gender-Ideologie oder die Dekonstruktion kollektiver Identitäten. Wenn das lange vom braven Bürger übersehen wurde, dann, weil die Linke bekanntlich eine Wende von der klassenorientierten Politik zur Identitätspolitik vollzog. Die Fundis verschwanden also nicht, sondern bewegten sich auf andere gesellschaftliche Felder und wurden dort zu einer Avantgarde, die die Handlungsmöglichkeiten ihrer ehemaligen Parteigenossen erweiterten. Das begann damit, dass sie linke Positionen, die in der parlamentarischen Politik nicht vertretbar gewesen wären, zumindest sagbar sein ließen mit dem Effekt, dass die Realo-Grünen in der allgemeinen Wahrnehmung näher in die politische Mitte rückten, bis diese Randpositionen dort irgendwann doch ankamen und umsetzbar wurden.

Keine Berührungsängste mit Linksextremisten

Eine Avantgarde etwas anderer Art entstand aus jenen gewaltaffinen Linken, aus denen sich der Schwarze Block und die Antifa entwickelten. Die politsche Wirksamkeit ihres Niedertemperaturterrorismus ist nicht zu bestreiten. Man denke an die Zerstörung von Wahlplakaten und andere Behinderungen des Wahlkampfes der AfD, die Repressionen gegen ihre Mitglieder oder auch nur Gastwirte, die der AfD Räume vermieten, oder das Bekämpfen missliebiger Veranstaltungen jeder Art.

Die Reaktion der Realo-Linken und mittlerweile des Establishments überhaupt hierauf reicht von der mehr oder weniger offenen Rechtfertigung solcher Gewaltaktionen, wenn etwa ein Jakob Augstein schreiben kann, dass die G20-Proteste ohne die zeitgleiche Gewalt gar nicht wirklich wahrgenommen worden wären, bis hin zur reinen Ablenkung der ideologischen Verbindungen der etablierten Linken zu den Gewalttätern, wenn man stattdessen alleine das Verhalten der Polizei thematisiert. Auch in den berüchtigten breiten Bündnissen bestehen keinerlei Berührungsängste mit Linksextremisten. Damit macht man sich nicht nur deren Gewalttätigkeiten für die Bekämpfung der Opposition zunutze, sondern bekräftigt gerade durch deren Gesetzesbrüche die höhere Legitimität der eigenen Position, weil linke Gewalt als weniger verachtenswert als rechte Gewalt dargestellt wird und eben keine eindeutige und vorbehaltslose Distanzierung verlangt. Ein bisschen Verständnis scheint fast immer durch.

Grünen haben Fundis nicht ausgestoßen, sondern ausdifferenziert

Die Fundis sind also nur aus den Grünen verschwunden, aber nicht aus der Gesellschaft gewichen, sondern haben dort bestimmte Felder oder, wenn man so will, soziokulturelle ökologische Nischen besetzt, aus denen heraus sie die Gesellschaft weiter stark beeinflussen. Dabei stehen sie nicht nur mit den Grünen, sondern mit dem Establishment in einer Vielzahl schwächerer Verbindungen unterhalb einer organisatorischen Vereinigung, die vom anlassbezogenen breiten Bündnis über diffuse Sympathie bis zur Nichtdistanzierung und schließlich Nichtgleichsetzung mit den Rechten reicht. Die Grünen haben die Fundis nicht ausgestoßen, sondern ausdifferenziert. Die so entstandenen Avantgarden treiben die Agenda der Auflösung, die längst keine rein linke Agenda mehr ist, sondern mit den Interessen eine globalisierten Wirtschaft viele Überschneidungen hat, immer weiter, obwohl sich die Grünen als Partei „gemäßigt“ haben.

Auf konservativer Seite hat der Linkstrend der Union jedoch nicht zur Entstehung locker angebundener Avantgarden geführt. Wer diesen Trend nicht mitmachte, fiel lange Zeit entweder ins politische Nichts oder wurde zu jenen „konservativen Urgesteinen“, die konservative Wähler durch Vortäuschung einer CDU, die so gar nicht mehr bestand, weiter an die CDU banden und als Nachhut diese Entwicklung sichern halfen: Ein Wolfgang Bosbach war sich nicht zu schade, für einen Armin Laschet in den NRW-Wahlkampf zu ziehen.

AfD – mehr Widerspruch und Konflikt aushalten

Würde man also wirklich die Entwicklung der Grünen auf die AfD übertragen, dann müsste man zumindest zulassen, dass aus den ausdifferenzierten AfD-Fundis, wer immer das werden soll, locker angebundene Avantgarden entstünden, und natürlich würde man sich niemals von der Sezession, den Identitären oder Pegida distanzieren. Die scharfe Abgrenzung gegen Rechts kann sich eben nicht auf das Beispiel der Grünen berufen, weil die Grünen eine solche Abgrenzung gegen Links nie vollzogen haben. Die Übertragung dieses Modells auf die AfD scheitert aber daran, dass die gesellschaftlichen Nischen außerhalb der Partei, in denen sich solche Avantgarden bilden könnten, gar nicht im erforderlichen Umfang bestehen. Die aus den Grünen hervorgegangenen Avantgarden mussten sich ihre Lebensräume nicht neu erschließen, sondern zogen sich eher in ihre Ursprungsräume zurück, um sie umso vollständiger zu kultivieren. Denn das linke Klima an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten oder die linken Subkulturen gab es ja schon vor den Grünen, die Grünen waren aus ihnen hervorgegangen, nicht umgekehrt.

Ähnliches fehlt auf konservativer Seite. Der AfD bleibt also nur die Möglichkeit, entweder den Weg der CDU der immer schnelleren Anpassung zu gehen oder in sich selbst mehr Widerspruch und Konflikt aushalten zu müssen, was sich vielleicht abfedern ließe, indem man diesen Umstand offensiv propagiert („Anders als die CDU sind wir keine Führerpartei“). Für die Entwicklung der AfD ist die Entwicklung der Grünen jedenfalls ein irreführendes Beispiel, wenn man sie in ihrer ganzen Komplexität und unter Beachtung aller dabei entstandenen politischen Einflussfaktoren betrachtet.