1

Die Berliner U-Bahn im Spiegel der „Flüchtlingskrise“

Von AUGUST CHRIST | Wer wissen will, wie es um Deutschland steht, der fahre einfach mit der Berliner U-Bahn. Und wer das Vergnügen länger nicht hatte, der wird sich ebenso wundern. Am besten, Sie tanken vorher etwas gute Laune bei Galeria Kaufhof am Alex, schnuppern sich durch teure Düfte in der Parfümabteilung und kaufen in einer der zahllosen Buden auf dem Alexanderplatz ein paar gebrannte Mandeln.

Jetzt sind es nur ein paar Schritte bis zum U-Bahn-Eingang, der Sie auf den Bahnsteig der Linie U8 bringen wird. Nehmen wir an, es ist früher Abend und Sie sind ein vorbildlicher Fahrgast. Als solcher versuchen Sie, sich an einem der Automaten eine Fahrkarte zu kaufen.

Innerlich fluchend stehen Sie vor einem der wenigen Automaten, die immer extrem langsam Fahrkarten verkaufen. Es reicht schon eine kleine Gruppe von drei oder vier überforderten Touristen, die verzweifelt versuchen Tickets zu erstehen, sodass für Minuten alles blockiert ist und man schließlich genervt seine Bahn verpasst oder sich zähneknirschend entschließt schwarz zu fahren. Immer mit dem unguten Gefühl, dass ein Fahrkartenkontrolleur das nicht vorhandene Ticket sehen möchte, einen aus der U-Bahn wirft und die Strafgebühr einfordert.

Doch mittlerweile sind immer öfter die langsamen Fahrkartenautomaten kaputt. Mal funktioniert die Münzzahlung nicht. Dann wieder werden keine Scheine genommen oder das Display reagiert nicht korrekt auf die Eingaben. Manches Mal sind die Automaten auch komplett gesperrt und auf dem Monitor taucht der Warnhinweis auf, dass der Automat außer Betrieb ist. Es häufen sich auch Zugausfälle und andere Störungen.

Berliner „Orientexpress“

Aber nehmen wir an, Sie haben sich auf dem Bahnsteig der U8 am Alexanderplatz erfolgreich eine Fahrkarte gekauft und schauen sich um. Es ist vielleicht 18 Uhr und Sie haben das Gefühl im Nahen Osten zu sein. Man könnte die Linie zwischen Hermannplatz und Wittenau auch getrost Orient-Express nennen und würde keine falsche Aussage treffen.

Männliche arabische Jugendliche und Kopftuch-Mädchen dominieren den Bahnsteig. Dazwischen stehen vereinzelt Deutsche, denen man ansieht, dass sie sich nicht wohlfühlen.

Nehmen wir weiter an, Sie stellen fest, dass Sie ja gar nicht in die U8 wollen, die den Wedding mit Neukölln verbindet, sondern in die U5. Auf in den Osten. Dazu müssen Sie sich in den unterirdischen Katakomben am Alex in ein Stockwerk tiefer bewegen. „Ups“, stellen sie fest, „das sind ja die Treppen, wo öfters ahnungslose Passagiere von netten Mitbürgern einen ordentlichen Tritt in den Arsch bekommen und die Stufen runterstürzen.“ Sie halten sich also instinktiv am Geländer fest und schauen diskret über die Schulter, ob Ihnen jemand folgt.

Sie stellen fest, es folgen Ihnen viele, aber jeder ist um diese Uhrzeit mit sich selbst beschäftigt und so spült es Sie unversehrt auf den Bahnsteig der U5 Richtung Hönow.

Sie sehen einem abfahrenden Zug hinterher, der gerade im Tunnel verschwindet und wundern sich, dass trotzdem der Bahnsteig voller Menschen ist. So haben Sie die U-Bahnlinie gar nicht in Erinnerung.

Mittlerweile rumpelt die nächste Bahn in den Bahnhof, hält an und Sie stehen vor einer kaputten Tür. Ein roter Aufkleber signalisiert, dass Sie sich einen anderen Eingang suchen müssen. Sie gesellen sich also zu einer Menschentraube ein paar Meter weiter und es schwemmt Sie in den Waggon. Sie müssen drücken, schieben und schließlich stehen Sie irgendwo eingequetscht im Mittelgang der U5. Sie schauen sich um und registrieren, dass auch hier die Deutschen in der Minderheit sind. Asiaten, Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika, alles ist vertreten. Der Zug ist rappelvoll und man spürt beim Anfahren des Zuges, wie die Elektromotoren kämpfen müssen, um den Zug zu beschleunigen. Das ist der Moment, in dem Sie verstehen, dass Berlin nur noch von seiner Substanz lebt. Hier ist die beginnende Überlastung greifbar.

Werktags frühmorgens gehört die U5 den Deutschen – da wird zur Arbeit gefahren

In dieser U5 beginnen Sie zu ahnen, dass Berlin mittlerweile weit mehr als die offiziellen 3,5 Millionen Einwohner hat. Und der Nationalitäten-Mix in der U5 ist das Ergebnis der Flüchtlingskrise. Wohnten diese Menschen im Jahr 2015 und Anfang 2016 noch in Notunterkünften wie dem Flughafen Tempelhof, so hat man Ihnen 2016 und 2017 Wohnungen in Marzahn und Hellersdorf zugewiesen. Und dorthin gelangt man mit der U5.

Sehr interessant ist auch der Vergleich dieser nachmittäglichen Situation mit derselben U-Bahnlinie werktags am frühen Morgen. Dann ist der Zug auch voll, aber es sind zu 95 Prozent Deutsche, die zur Arbeit ins Zentrum fahren. Ab und zu sieht man auch einen Araber oder eine Schwarze, aber das ist eher die Ausnahme.

Spannend ist auch das Wahlverhalten der Marzahner und Hellersdorfer 2016 zur Wahl zum Abgeordnetenhaus und 2017 zur Bundestagswahl.

In den Wahllokalen vor Ort erzielte die AfD weit über 30 Prozent. Bei der Briefwahl von Marzahn-Hellersdorf erhielt die AfD komischerweise streckenweise bis zu 15 Prozent weniger. So dass im Durchschnitt der Wahlerfolg der Alternative für Deutschland in Marzahn und Hellersdorf dann offiziell bei ca. 20 Prozent der abgegebenen Stimmen und damit immer noch 8 Prozent über dem Berliner Wert lag.

Soviel zur These, dass die AfD nur dort stark ist, wo es die wenigsten Migranten gibt. Die große Frage ist, wie wählen die Bürger dort in zwei oder drei Jahren, wenn die aktuelle Politik sich nicht grundlegend ändert?

Wir werden es sehen. In Berlin ist alles möglich.