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„Bleibt mal besser zu Hause, Flüchten ist zu gefährlich“

Wie war das doch gleich? Die syrischen „Flüchtlinge“ sind geflohen vor Assads Fassbomben, vor seinen Streubomben, aus dem Kugelhagel des Bürgerkrieges. Der deutsche Michel nickt, beeindruckt und getroffen, so hat er es gelernt. Man soll doch anderen helfen, sich in ihre Lage versetzen, Mitleid mit ihnen haben.

Dabei hilft es von Zeit zu Zeit auch einmal, nüchtern zu hinterfragen, wie in dem folgenden Fall. Es geht um Saleh Elcheikho, dessen trauriges Schicksal am Dienstag in den Tagesthemen ausgebreitet wurde. Allein sei er, voller Sehnsucht nach seiner Familie, mit der er nur „im Handy“ zusammenleben kann:

„Jetzt taucht  Saleh Elcheikho wieder tief ab, zu seiner Familie, nach Syrien, in den Krieg. „Hast du deine Medikamente genommen?“, fragt er besorgt seine Frau.

War er vor zwei Jahren noch der Beste im Deutschkurs, so hat er vor Kummer schon fast alles vergessen, bedauert seine deutsche Betreuerin Birgit Oberkötter. Alle Integrationsanstrengungen sind zunichte gemacht, so die Botschaft dahinter. Ja, warum?

Klar, weil die Familie nicht nachkommen kann. Wir werden ja schon seit Wochen penetriert mit dem neuen SPD-Leitsatz, dass Integration viel besser gelingt, wenn die Familie auch da sein darf, mitsamt der Kinder, von denen Saleh fünf an der Zahl hat.

Warum hat Saleh Elcheikho seine Familie eigentlich nicht mitgenommen? Der Grund ist folgender, wie er selbst angibt (ab Minute 16,43): „Er wollte seiner Frau und den sechs Kindern die gefährliche Flucht über das Meer ersparen, deshalb floh er alleine.“

Das heißt also, die Flucht vor dem angeblichen Krieg ist gefährlicher als der Krieg selbst. Im Umkehrschluss heißt das: Dort, wo sie sich 2015 in Syrien aufhielten, war es sicherer als auf dem Weg zur türkischen Grenze (die man auch auf dem Landweg erreichen kann). Welche Konsequenzen muss man daraus ziehen?

Dass Saleh Elcheikho seine Frau und Kinder zu Hause ließ, spricht dafür, dass das tatsächlich so war. Nur: Warum flieht er dann selbst, wenn die Flucht noch gefährlicher ist als der Aufenthalt zu Hause? Da müsste er doch wohl eher vor der Flucht fliehen, sie also gar nicht erst antreten.

Das ist nicht die einzige Ungereimtheit in dem Fall. Ähnlich paradox wie der Vater reagierte der sechzehnjährige Sohn Ahmed auf die Lebensumstände. Er durfte nie raus, klagte er (Minute 17,19): „Ich muss immer zu Hause bleiben, Papa. Ich kann gar nicht raus. Ich will zu dir.“

Aber während er also zu Hause nicht einmal mit der Mutter zum Einkaufen ging (sie leben nach den zwei Jahren noch, haben also wohl zu essen gehabt), weil es angeblich zu gefährlich war, begab er sich stattdessen in die Gefahr eines dauernden Draußenseins (auf der Flucht).

Auf der Flucht wurde er dann erschossen, behauptet der Vater und wirkt dabei recht teilnahmslos. Wir haben gelernt, Respekt zu haben vor so einem Schicksal. Aber ist es ausgeschlossen, dass uns nicht auch hier ein Bär aufgebunden wird, um Mitleid und Familiennachholdruck zu erzeugen?

Warum fragt kein ARD-Qualitäts-Journalist nach, wer unter welchen Umständen das Foto geschossen hat? Warum ein Jugendlicher sich zu Hause nicht vor die Tür traut, aber „flüchten“ geht? Und als (Mit-)Verantwortlicher für die Familie seine Mutter und Geschwister (nach dem Vater) ebenfalls im Stich lässt? Warum mochte der Vater vorher der Familie nicht die gefährliche Flucht zumuten, ließ sie aber recht unbekümmert zwei Jahre in „Assads Bombenhagel“ sitzen, ohne zu ihr zurückzukehren, um sie wenigstens in die Türkei zu bringen? Ganz logisch ist das alles nicht.