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„Der Mensch“ aus „der Mannschaft“ antwortet Kritikern

Dem Mesut Özil ist großes Unrecht geschehen. Da trifft er zusammen mit seinem Landsmann Gündogan nur mal so seinen türkischen Präsidenten Erdogan, den IS-Freund, den Rassisten, den Völkermord-Leugner, der seine Landsleute einsperren lässt, foltern lässt, der die Kurden im Nachbarland Syrien bombardieren lässt. Dafür trifft er nicht bei der deutschen Nationalmannschaft, jedenfalls nicht den Ball, eher auf Fans, die es wagen, ihn dafür zu kritisieren, ihn vielleicht sogar beschimpften. Einer der Vordenker in „der Mannschaft“, der Deutsch-Aduana Jerome Boateng, analysierte diese Situation rund herum um seinen Kumpel Mesut und kam zu folgendem Ergebnis:

„Alle haben sich jetzt Mesut Özil rausgepickt. Das geht nicht. Mesut ist ein Mensch“, sagt Boateng der „Welt am Sonntag“.

Dem ist sicher so. Niemand käme auf die Idee, ihn etwa für einen Frosch zu halten, der Allah verehrt, Fußball spielt und den Mädchen schöne Augen macht. Irgendwie nicht vorstellbar. Nur, warum „pickt“ man sich so einen Ehrenmann „heraus“, warum nur? Jerome weiter, zitiert nach dem FOCUS:

„Er ist ein Künstler am Ball, kein Kämpfer in der Abwehr wie ich. Vielleicht kommt er deswegen manchmal falsch rüber, aber das heißt nicht, dass er nicht will oder gar mit Absicht Fehler begeht.“

Das Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sei „unglücklich“ gewesen: „Es war zuletzt eine sehr schwierige Situation für ihn.“

Ja, diese Unglücke. Als über die deutsche Ruderin Nadja Drygalla 2012 bekannt wurde, dass ihr Freund bei der NPD ist, nützten alle Beteuerungen und Bekenntnisse zur deutschen Demokratie nichts, sie musste die deutsche Rudermannschaft verlassen. Özil wird nicht wie sie in Sippenhaft genommen, weder als Türke noch als Frosch, weder für seine Herkunft noch für sein Aussehen oder seine Bewegungen (auf dem Platz).

Özil wurde und wird weiterhin befragt, wie er zu Erdogan steht, dem IS-Freund und Rassisten, dem Demokratiefeind und Leugner des Völkermordes an den Armeniern (und türkischen Staatspräsidenten). Wieso lässt er sich mit so einem Unmenschen selig strahlend abbilden? Solche Fragen zu stellen, erregt den Unmut von Türken.

Während es eigentlich eine journalistische Aufgabe und Ehrenpflicht wäre, hier nachzubohren, bis der Despotenfreund sich erklärt hat, sieht es für Journalisten dann manchmal anders aus, wenn sie Türken sind – und der kritisch Befragte ebenfalls. Dann weicht das journalistische Interesse der unbedingten Solidarität mit dem Landsmann, siehe Hatice Aykün, West-Türkin und „Journalistin“.

Hatice Aykün ist empört, dass man so mit Özil umgehen kann, wobei sie – wie auch Boateng – nie genau sagt, was sie da eigentlich so als „Hass“ oder „rassistisch“ gegen den Fußballer ausmacht. Dazu sollte sie eigentlich von Berufs wegen in der Lage sein. Die Türkin holt dagegen die große Keule raus:

Ja, Fußball bedeutet Emotionen. Aber blanker Hass ist keine Emotion, es ist eine Schande und zutiefst besorgniserregend. Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun. Diese rassistische Enthemmtheit spaltet uns als Gesellschaft, unser Zusammenleben wird vergiftet.

Aber die Fragen hören nicht auf. Denn eine Antwort zum Treffen mit dem Despoten kam seitdem nicht und das anschließende Theater mit dem Präsidenten „des Landes“, Steinmeier, brachte auch nicht rüber, was man eigentlich damit ausdrücken will. Özils Patriotismus? Seine Verehrung für das deutsche Staatsoberhaupt, diesmal ohne Trikot? Es war ein Foto, etwas zu dürftig geraten, selbst für die auf Symbolik dressierten deutschen Zuschauer.

Das alles sollte doch jetzt, nach der WM, aufgearbeitet werden oder haben wir da was falsch verstanden? Doch Özil schweigt weiter. Nun gut, nicht ganz.

„Mesut Özil bricht das Schweigen“ betitelte die WELT am Samstag die Sensation. Özil hat also doch noch den Mund aufgemacht. Das kam dabei heraus:

„Die Weltmeisterschaft bereits nach der Gruppenphase verlassen zu müssen schmerzt so sehr“, schrieb der Profi des FC Arsenal bei Twitter am späten Freitagabend auf Englisch: „Wir waren einfach nicht gut genug. Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen.“

Seinen Post schloss Özil mit dem offiziellen Fifa-Hashtag „SayNoToRacism“ (Sag Nein zu Rassismus) ab. Vielleicht ein Protest gegen die Anfeindungen, denen sich Özil nach den Erdogan-Fotos und seinem beharrlichen Schweigen zum Vorfall ausgesetzt sieht.

Also eine Argumentation wie bei der Journalistin Aykün oder bei Kumpel Jerome Boateng, dem Abkömmling aus „dem Clan der Aduana der Akan-Ethnie“.  Özil sieht sich „als Mensch“, und wenn man den Menschen Özil kritisiert, dann ist das Rassismus. Und zu Rassismus sagt Özil: „No!“. Das war’s dann schon.

Antworten wird Özil nichts weiter als das, was er bislang entsprechend seinen intellektuellen Fähigkeiten schon geäußert hat. Wer in Zukunft in einem ähnlichen Fall, will sagen bei einem ähnlichen Menschen, Sportler oder Imam oder sonstiger Türke, solche kritischen Nachfragen stellen will, der sollte aber aus und mit diesem Fall (und dem der Ruderin) gelernt haben:

Es gilt immer fein zu unterscheiden. Manche von denen sind „Menschen“, andere nicht. Nur so erklärt sich die unterschiedliche Behandlung und Kritik, die mal erlaubt ist, und manchmal, als „Rassismus“, eben auch nicht.