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Einblicke in ein verrottetes Schulsystem

In seinem Mittagsmagazin (MIMA) hat das ZDF letzte Woche Einblicke in das Treiben an der Keplerschule in Berlin-Neukölln geliefert. „In einer besonderen Reportage ganz ohne Sprechertext kommen nur die Gefilmten zu Wort“, wie die Anmoderation  mit gewichtiger Miene beschreibt. Vielleicht ist es tatsächlich gut, wenn das ZDF darauf verzichtet, hier noch zu kommentieren. So muss man wenigstens nicht lügen beim Schönreden. Die Keplerschule in Berlin-Neukölln ist eine Brennpunktschule, sie wird von der Morgenpost [1] Anfang 2015 so beschrieben:

Die Kepler-Sekundarschule an der Köllnischen Heide gehört seit Jahren zu den unbeliebtesten Schulen Berlins – mit bösen Folgen. Weil sich dort nicht genügend Siebtklässler angemeldet haben, mussten die Plätze immer wieder mit Schülern aufgefüllt werden, die woanders nicht angenommen wurden.

Die Schule wurde zum Auffangbecken für ein schwieriges Schülerklientel. Schwänzen ist an der Tagesordnung, die Abbrecherquote hoch, Leistungsergebnisse und Schulabschlüsse sind schwach. Ausreichend geeignete Lehrer zu finden ist unter diesen Umständen schwer, der Unterrichtsausfall entsprechend hoch. Ein Teufelskreis.

Die damalige Bildungsstadträtin Neuköllns, Franziska Giffey (heute Familienministerin), machte 2015 das, was man immer tut in solchen Fällen, in Berlin, sie „nahm viel Geld in die Hand“:

Seit einem Jahr gibt es konkrete Hilfe für Schulen wie die Kepler-Schule. Das Land hat zwei Programme aufgelegt, die Brennpunktschulen zusätzliches Geld bescheren. Seit Januar 2014 gibt es ein Bonusprogramm, mit dem der Senat 219 Berliner Schulen mindestens sechs Jahre lang unterstützen will. Profitieren sollen alle Schulen, bei denen mehr als die Hälfte der Schüler aus sozial schwachen Familien stammen und deshalb von der Zuzahlung zu den Lernmitteln befreit sind. Die Kepler-Schule gehört dazu. Dort haben über 90 Prozent der Schüler eine Lernmittelbefreiung. 2014 konnte die Schule deshalb im Rahmen des Bonusprogrammes die Höchstsumme von 100.000 Euro beantragen.  […]

Wie die Ergebnisse sind, konnte, wie gesagt, in der Reportage des ZDF [2] vom Donnerstag bestaunt werden (ab Minute 39:01).

Locker-flockig wird Lehrerin Anastasija Obuch-Benkstein gezeigt, wie sie bei beschwingter Musik gerade auf dem Weg zu ihren Schülerinnen ist, die ein Praktikum machen (sollen).

Die Unterhaltung mit den Achtklässlerinnen besteht aus Ein- bis Zweiwortsätzen:

„Was macht ihr und wo seid ihr?“

„Wir haben 30 Minuten Pause. Edeka.“

„Wie viel Pause habt ihr?“

„30 Minuten.“

„Und wo geht ihr jetzt hin?“

„Zu ihr/mir [?]“.

„Weil?“

„Geld holen.“

„Wozu braucht ihr Geld?“

„Essen.“

„Ok, aber ehr seid im Praktikum. Ihr wart heute pünktlich?“

„Ja.“

„Und wenn ich in einer Stunde komme, ihr seid da.“

„Ja.“

„Gut gelaunt.“

„Ja.“

„Ja. Gut. Dann genießt eure Pause. Bis gleich.“

„Danke schön.“

Den Sinn des Praktikums fasste Anastasija Obuch-Benkstein vorher so zusammen:

„Ähm, jetzt fahrn wir zu Caterina und Aylin und, äh, bei EDEKA machen sie ihr Praktikum. Mal sehen, ob sie heute pünktlich sind. Diese Praktika haben wirklich nur ein Ziel, dass die Schüler das vergleichen, was im Berufsalltag ist und was im schulischen Alltag ist.“

Das Ziel wurde erreicht. Caterina und Aylin haben das Praktikum mit der Schule verglichen und für schlecht befunden. Nach der Pause muss die Lehrerin die beiden suchen. Es hagelt eine Standpauke, die den beiden Mädchen allerdings erkennbar am Allerwertesten vorbeigeht:

„Meine, meine Frage ist, wer ist schuld daran, dass ihr jetzt keinen Praktikumsplatz habt. Wieso? Ist da nicht der Marktleiter einfach nicht geduldig genug? Oder vielleicht hat er’n schlechten Tag … „

Aylin/ Caterina: „Der ist voll streng.“

„Eure Eltern haben sehr viel Möglichkeiten, später auf euch stolz zu sein. Und ich glaube, darum geht’s eigentlich. Und dann habt ihr das richtig gemacht.

Ich glaube nicht, dass sie stolz sein werden, wenn ihr mit 15 schwanger seid, wenn ihr mit 16 zu Hartz IV geht.“ [Grinsen bei den Mädchen]. „Sie werden stolz sein, wenn ihr Schulabschluss schafft, egal, auf welche Art. Ist wirklich schnuppe.“

Vom Reporter nach den Gründen für das Scheitern gefragt, erklärt die Lehrerin:

„Sie hatten keine Konsequenzen mehr im Alltag. Die Eltern wecken sie nicht immer. Oder wecken und gehen zur Arbeit. Und sie machen den Wecker aus und schlafen weiter. Sie wissen nicht, was heißt das, pünktlich zu sein. Sie wissen nicht, dass es ne Konsequenz sein kann, du verlierst deinen Job, wenn du nicht pünktlich bist.“

Also es fehlte der Wecker nach der Mittagspause, alles klar. Immerhin gibt es auch ein positives Beispiel im Beitrag. Eine Mutter vom Ordnungsamt hat ihrem Sohn einen Platz bei ihrer eigenen Arbeitsstelle besorgt. Sie spricht von der Verantwortung der Eltern, wenn auch mittlerweile schon ohne Dativ Plural, dem nächsten Opfer der bestehenden Sprachverflachung:

Yasmin David:

„Ich sag mal als Eltern hat man ja auch ein bisschen die Aufgabe, auch mal zu gucken, wie sieht’s überhaupt aus mit dem Stellenmarkt, mit die Ausbildungsplätze.“

Lehrer Tadeusz Swiderski, der ihren Sohn betreut, übt sich in Optimismus (und in Deutsch):

„Viele Probleme kommen von zu Hause, weil bei manchen Kinder, aber Gott sei Dank gibt’s auch, äh, Häuser, gibt’s auch Familien, wo alles funktioniert richtig. Und wir kriegen auch Unterstützung von den Eltern.“

Also, viel Licht und viel Schatten. Am darauf folgenden Freitag taucht Anastasija Obuch-Benkstein dann noch einmal beim MIMA auf. Diesmal bei Fatima, die ihr im Unterricht den Vogel zeigt, aber  ihr (als Frau) beim Friseur die Haare schneiden darf. Doch das sprengt hier den Rahmen des Platzes und auch den des Erträglichen.

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