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Kretzsche und die Meinungsgrätsche

Von PETER BARTELS | „Am Golde hängt zum Golde drängt doch alles“. Wir haben Goethe ja längst auf Börsensprech gemodelt: „Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles!“ Um nichts anderes geht es längst auch bei der Meinungsfreiheit: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing’…

Diesmal singt der frühere Handballstar Stefan Kretzschmar das Lied (PI-NEWS berichtete) [1]. Er singt es sonst auch hier und da als Experte in Sachen Handball beim Fernsehen. Vor allem hat der 45-Jährige gerade ein neues Buch geschrieben: „Höllejuja“… Natürlich nicht zufällig pünktlich zur Handball-WM.  „Kretzsche“ im Tagesspiegel: „Mit meinem Ghostwriter, dem Hamburger Journalisten Nils Weber, haben wir im Sommer oft bei einer Flasche Rotwein im Garten gesessen und auf einer Wellenlänge gequatscht. Nils hat genau meine Wellenlänge getroffen… Wenn ich abends ein Kapitel lese, muß ich manchmal laut lachen.“

Kretzsche war mal einer der besten Handballer der Welt. Eine Weile auch noch der tätowierte Goldjunge von Gold-Nixe Franziska van Almsick (40). Mal platinblond, mal rosarot, heute dunkel, aber mit schwarzen Ohrstickern. BILD: „Kretzsche hat Sportkollegen [2] und Politik einen Ball reingehauen. In einem Interview mit t-online zweifelt er die Meinungsfreiheit in Deutschland (für Spitzensportler) an.“ BILD zitiert: „Wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Sobald wir eine gesellschaftskritische Meinung äußern, haben wir von unserem Arbeitgeber mit Repressalien zu rechnen, oder wir haben mit unseren Werbeverträgen Probleme, dass die gekündigt werden, wenn es nicht ins Konzept passt.“

Der Tagesspiegel deutlicher: [3] „Kretzschmars Aussagen sind falsch und gefährlich“. Der Grat zwischen gezielter Provokation und plumper Dummheit ist ein sehr schmaler. Profi-Sportler würden für jeden kritischen Kommentar sofort „eins auf die Fresse“ kriegen … „Keiner steckt den Kopf höher raus als er muss“ … Es sei denn, es ist die politische Mainstream-Meinung … Eine kritische Meinung dürfe man in diesem Land nicht sagen …

Der Tagesspiegel-Kommentator ist wahrscheinlich zu dämlich, zu ahnen, dass er genau das bestätigt, was Kretzsche zart angedeutet hat, setzt aber noch einen drauf, sagt sogar, welche „freie Meinung“ erlaubt ist: „Christian Streich, Trainer vom SC Freiburg, tritt immer für Toleranz und gegen Rassismus ein.“ Und dann schnappatmet der Kommentator als linientreuer Agitator, wohin sowas wie Kretzsche führt: Die AfD-Heidelberg ließ es sich nicht nehmen, Kretzschmars Aussagen zu missbrauchen. Aber natürlich dürfe sich jeder eine eigene Meinung bilden: SO läuft das in diesem Land. „Zum Glück“, lügt er hinzu…

Trotzdem endlich mal eine Kretzsche-Grätsche in die Welt der Wattebäuschchen, Wiederkäuer, Weicheier? Und dann noch vom in Leipzig geborenen Sachsen-Hünen (1,90 m) Kretzschmar?? Das kann doch so nicht sein! War’s auch nicht. Schon bei des BILD-Reporters Ralf Schulers  Nachfrage machte der Sachsen-Riese genau das, was er vermeintlich kritisiert hatte: Er zog den Schwanz ein. Jedenfalls ein bißchen:

„Mir wurde im Interview die Frage gestellt: „Warum gibt es keine Typen mehr, keine Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten?“ Daraufhin habe ich geantwortet, dass ich jeden Menschen, der in der Öffentlichkeit steht, VERSTEHEN KANN, wenn er sich heutzutage nicht mehr KRITISCH äußert und demzufolge auch NICHT mehr ANECKT. Weiterhin sagte ich, dass wir natürlich eine gesetzliche MEINUNGSFREIHEIT haben und diese ist auch ein hohes Gut“ …

So weit der nachgebesserte Kretzsche. Zur „Grätsche“ war er ja  erst durch seine angeblich „Bittere Klage“ in BILD und die hingeheuchelte Frage geworden: „Darf man wirklich nicht mehr alles sagen? Und damit etwas Dampf rein kam, holte BILD den  „toten“ Turner Eberhard Gienger (57) aus der Gruft, schminkte ihn zur „Turnlegende“, sogar zum „CDU-Sportexperten im Sportausschuss“ des Bundestages, und lässt ihn linientreu labern: „Ich teile die Sicht von Stefan Kretzschmar nicht. Jeder Sportler kann sich kritisch – auch zu politischen Themen – äußern.“

Und weil Giengers schwäbisches Lull und Lall nicht mal zu einem „ha noi“ reicht, zerrt das Blatt gleich noch Wolfgang Kubicki (66), den größten Salonschwätzer und AfD-Wortabwürger des Bundestages, zu einer „harten Kritik“ aus irgendeiner Reichstags-Bar: „Die Äußerung von Stefan Kretzschmar ist absurd, beweist sie doch in sich selbst, dass alles geäußert werden kann. Zur Meinungsfreiheit gehört auch der Mut zur Meinungsäußerung. Kretzschmar beschreibt keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern Feigheit.“

Gut, dass BILD noch einen oder zwei Schuler vom Schlage Gesunder Menschenverstand hat. Der fragte Kretzsche tatsächlich noch: Ist es grundsätzlich gewünscht, dass Sportler/Promis unpolitisch sein sollen? Kretzschmar: „Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich mich zu irgendeinem anderen Thema als zum Handball geäußert hatte, dass sofort Gegenwind kam.“ Schuler: Konkrete Beispiele? Kretzschmar: „Toni Kroos vielleicht, nach seinem Tweet ‚Danke Angie.‘“

Tatsächlich hat Kroos sogar damals (2017) gejubelt:

Heul und Schnief, aber auch: Wenn das keine „Meinungsfreiheit“ ist … Jedenfalls verführte Schuler den Kretzsche dann doch noch zu einer Art Grätsche: „Ich WÜRDE mir wünschen, dass die Menschen sich mehr zutrauen, ihre Meinung häufiger zu sagen. Das macht Demokratie aus. Und ich WÜRDE mir wünschen, dass dann nicht gleich wieder hundert Schlaumeier mit der Keule kommen, draufhauen und sofort wieder Meinungen per se verurteilen.“

Also wiedermal alles Sturm im Wasserglas: Kretzschmar WÜRDE sich wünschen … WARUM tut er’s nicht? Der Schritt vom Konjunktiv zum Imperativ ist nur ein Siebenmeter, Kretzsche …


Ex-BILD-Chef Peter Bartels.
Ex-BILD-Chef Peter Bartels.

PI-NEWS-Autor Peter Bartels [6] war zusammen mit Hans-Hermann Tiedje zwischen 1989 und 1991 BILD-Chefredakteur. Unter ihm erreichte das Blatt eine Auflage von 5 Millionen. In seinem Buch „Bild: Ex-Chefredakteur enthüllt die Wahrheit über den Niedergang einer einst großen Zeitung“ [7], beschreibt er, warum das einst stolze Blatt in den vergangenen Jahren rund 3,5 Millionen seiner Käufer verlor. Zu erreichen ist Bartels über seine Facebook-Seite [8]!

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