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Dr. Merkel wirtschaftet auf Prestige

Von WOLFGANG PRABEL | Heute findet in der Zentralverwaltung des Größenwahns eine Neuauflage des Berliner Kongresses von 1878 statt. Damals hatte sich Bismarck auf Drängen ausländischer Mächte in eine Vermittlerrolle drängen lassen und war Gastgeber. Bismarck als genialer Vermittler zwischen Ost und West?

Beim Berliner Kongress 1878 doktorte Bismarck am Balkankonflikt zwischen Rußland, der Türkei, Österreich und Großbritannien herum. Rußlands Lieblingswunsch eines Großbulgariens mit Zugang zum Mittelmeer wurde nicht erfüllt. Die Folge von Bismarcks Vermittlung war die Zerrüttung des deutschen Verhältnisses zu Rußland.

Das Verhältnis Rußlands nicht nur zu Deutschland kühlte sich merklich ab, sondern auch zu Österreich. Das Dreikaiserbündnis wurde durch St. Petersburg gekündigt. Österreich erhielt auf dem Kongreß den Auftrag, Bosnien-Herzegowina zu besetzen, was sich als fatale Entscheidung erwies, denn in dessen Hauptstadt Sarajewo wurde Tronfolger Franz Ferdinand 1914 ermordet, was zum Ersten Weltkrieg führte.

Bismarck hat sich im Nachhinein über seine Vermittlungsmission geärgert

Die ausgleichende Politik Deutschlands zwischen den Blöcken hat nicht funktioniert. Bismarck hat sich im Nachhinein über seine Vermittlungsmission geärgert, weil er den angerichteten außenpolitischen Schaden erkannt hat und bis zum Ende seiner Kanzlerschaft 1890 mit diplomatischen Reparaturarbeiten beschäftigt war. In seiner großen Rede am 6. Februar 1888 im Reichstag kann man das nachlesen:

„Jede Großmacht, die außerhalb ihrer Interessensphäre auf die Politik der anderen Länder zu drücken und einzuwirken sucht und die Dinge zu leiten sucht, die periklitiert außerhalb des Gebiets, welches Gott ihr angewiesen hat, die treibt Machtpolitik, und nicht Interessenpolitik, die wirtschaftet auf Prestige hin.“

Deutschland war damals eine Großmacht, heute ist es wegen fehlernder Kernwaffen kein souveräner Staat mehr. Trotzdem hat Dr. Merkel in Verkennung der Größen- und Machtverhältnisse zu einem Berliner Kongreß 2.0 eingeladen. Die Kriegsparteien in Libyen werden von unterschiedlichen Staaten unterstützt: Die islamischen Brüder, die die Hauptstadt Tripolis halten, vor allem von Katar, den NGOs, dem linksdrehenden Italien und der Türkei. Die Aufständischen um General Haftar von moderaten sunnitischen Regimen wie Ägypten, Saudi-Arabien und den Emiraten sowie von Rußland und Frankreich.

Der normale Gang wäre, daß es in Libyen zu einem Sieg der Truppen Haftars kommt, was den islamischen Brüdern den Boden entziehen würde und die Region stabilisieren. Vielleicht erst nach einem kurzen Waffengang zwischen Rußland und der Türkei.

Merkel fördert gezielt die islamischen Brüder

Was Dr. Merkel treibt, wenn sie Tripolis stützt, ist unklar. Oft hat man den Eindruck, daß sie die islamischen Brüder gezielt fördert. Sie haben in Deutschland alle Freiheiten, die sie in großen Teilen des Nahen Ostens und Afrikas nicht haben, Deutschland ist beispielsweise der geschützte Rückzugsraum des IS. Im Unterschied zu Kairo, Mekka, Damaskus und Ramallah darf in deutschen Moscheen gehetzt werden, die Predigten werden in Berlin und Köln nicht von der Regierung erarbeitet. Darüber hinaus hat Merkel 2015 die Abwahl von Erdogan verhindert und seitdem Milliardensummen für die islamischen Brüder gezahlt.

Regierungsnahe Kreise aus dem Nahen Osten empfehlen die Nichteinmischung in lokale Konflikte. Das ist mir schon am Ende der 70er Jahre wortreich erläutet worden und 2015 habe ich das bei einem Besuch vor Ort noch einmal aufgefrischt. Die Ergebnisse der Eingriffe in Afghanistan, Libyen, Syrien und im Irak scheinen diese wertvollen Hinweise zu bestätigen. Denn es geht ja nicht nur um Spannungen zwischen zahlreichen religiösen Sekten, von denen wir garnichts verstehen, sondern immer auch um Stammes- und Familienpolitik, die für Dr. Merkel ein Buch mit sieben Siegeln sein dürfte.

Merkels Handeln nutzt vor allem den Scharfmachern im Morgenland

Weiß Merkel, was die Senussi sind? Der Orden wurde 1843 im Südosten Libyens angesiedelt und hat seinen Schwerpunkt bis heute dort. Die relative Strenge der senussischen Botschaft passte besonders zum Charakter der kyrenaikanischen Beduinen, deren Lebensweise sich in den Jahrhunderten, seit die Araber die Lehren des Propheten Mohammad zum ersten Mal angenommen hatten, nicht wesentlich geändert hatte. Der von Gaddafi gestürzte König Idris gehörte dem Orden an, während der Gaddafiherrschaft wurde die Glaubensrichtung verfolgt.

Ich habe den Orden exemplarisch erwähnt, um zu illustrieren, mit welchem kleinteiligen Mosaik von religiösen und tribalen Besonderheiten man es zu tun hat. Da kann man ohne Ahnung von Berlin aus nichts steuern. Schon die USA hatten sich im Tripolitanisch-Amerikanischen Krieg 1801 bis 1805 die Zähne an den dortigen Warlords ausgebissen und die Italiener 1910 bis 1943 auch.

Den heutigen Tag kann man mit den Worten von Reichskanzler v. Bismarck knallhart so beschreiben: Dr. Merkel wirtschaftet auf Prestige hin. Objektiv nutzt ihr Handeln vor allem den Scharfmachern im Morgenland.


(Im Original erschienen auf prabelsblog.de)