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Von einem, der auszog, das Sterben zu lernen …

Von PETER BARTELS | Es war kalt, feucht und dunkel. Der Alte Mann balancierte auf der Teresa, um zum xten Mal das verdammte Geländer zu messen …  Typisch Generation Black & Decker: Unsereiner doch nicht … nie nich! Latschen hin oder her…

Dabei sollten es doch nur drei Monate „Sabbat“ sein. Bis der Alte Mann sich die Rentner-Höhle in Döhle hergerichtet hatte! Wem die Stunde schlägt: Windhauch. Pirouette. Kopfüber. Mit der Rübe zuerst auf die Stufen der Granittreppe. Der alberne Witz: Köpper vom Drei-Meter-Brett in den feuchten Waschlappen. Har!! Har?? Der Kopf platzte … Im Genick riss ein Reisverschluss … Brustbein, Rippe, Oberschenkel; die schwarzen DDR-Schäferhunde wollten helfen, leckten das Blut. Dann kam Sabine von der Pferdefütterung zurück …

Schnitt: Am Ende des Tunnels ein Gesicht mit Bart und grünem Kopfwickel. Aus weiter Ferne eine Stimme: „Das ist … Er hat mal BILD gemacht …Wir werden diesen Mann retten … Wir werden es schaffen …“

Unsereiner weiß natürlich nicht, mit welchen Worten Alexander der Große vor Gaugamela seine 50.000 Makedonier im Angesicht der hoffnungslosen Übermacht der 200.000 Perser von Dareios in die Schlacht schickte – es kann nicht sehr viel aufpeitschender gewesen sein als die „Kampfrede“ von Prof. Dr. Kühne, Asklepios Klinik St. Georg, Hamburg. Aus drei Teilen sollte wieder ein Alter Mann werden. Bevor die gnädige Narkose das immer noch funktionierende Gehirn in Nebel und Dunkelheit der vorläufigen Ewigkeit holte …

Alles hatte der Alte Mann irgendwie überlebt – die Flucht vor dem Elefanten, dem rasenden Büffel, den nächtlichen Angriff des jungen Leoparden, der wie ein Alter brüllte, den verfressenen Löwen. Sogar den 50 Meter-Galopp mit still stehendem Herzen, das erst wieder anruckte, als CHAMP abrupt nach links wegbrach, der alte Mann als Geisterreiter ohne Pferd geradeaus weiter ritt; im Heidesand sprang die Pumpe wieder an … Hubschrauber, sechs Rippen, zwölf Schrauben … Das alles und mehr hatte er überlebt. Sogar fast 18 Jahre BILD. Am Ende mit den wunderbaren Ungarn … Der Wiedervereinigung gegen den Rest der intellektuellen Schickeria. Jetzt also der Sudermühler Fenstersturz …

Am nächsten Tag stand der Professor am Bett. Marburg-Absolvent. Groß, schlank, Dreiteiler, gepflegter Bart. Sah die Arztlegende Galenos von Pergamon so aus? Christian Barnard in seiner besten Zeit? Virchow eher nicht, der konnte wohl auch nicht halb so viel, wie dieser Asklepios-Chirurg: „Es war war wirklich eine Aufgabe …“

Der alte Mann hatte dank Morphium kaum Schmerzen. Wenn er sich nicht bewegte. Nur die Taucherglocke von Jules Verne auf Kopf und Schultern wog zentnerschwer. Als er das erste Mal stand, war sein neues Blickfeld so groß wie eine Zigarettenschachtel – von Fußspitze zu Fußspitze. „Bleibt das so, Professor?“ „Der menschliche Körper schafft manchmal Wunder, Geduld! Oder wir holen in neun Monaten die Klammern aus dem Genick …“ Vergessen Sie nicht: Zweimal Genick-, einmal Brustbeinbruch!!“ … „Und welcher ‚Friseur‘ hat mir den Wikinger-Zopf  von den Schulterblättern bis in den Haaransatz geflochten?“ … Professor Kühne: „Die OP-Naht wird wieder flacher, wenn wir die Fäden ziehen! Außerdem: Sie hatten vorher 12 Schrauben im Rücken, jetzt sind es 20 …“ Je nun: Bei 24 beweglichen Wirbelkörpern, nicht schlecht, alter Specht!

Aus der Taucherglocke von Jules Verne war inzwischen ein Mühlstein geworden, der jongliert werden musste. Aber wenn der Alte Mann nach hinten gelehnt saß, konnte er den Schwestern ins Gesicht sehen. Alles Multikulti! Alle perfektes Deutsch, zuweilen mit Zungenschlag. Renata aus Polen – hatte Marilyn Monroe wirklich Kurven? Anna aus Portugal – wie heißt noch mal die Hupfdohle von Ronaldo? Diana aus Ungarn –  Knoblauch kann sogar duften. Vlada aus Sibirien, 18, Schwesternschülerin, blond wie ein Weizenfeld … Und alle lieb und hilfsbereit. Schwestern eben …

Wenn man den Hamburger Hauptbahnhof zur schäl Sick verlässt, ist da heute Rotlicht, Merkel-Deutschland mit Teint und teuren Turnschuhen. Und St. Georg, die älteste Klinik der Hansestadt. Eine Stadt in der Stadt. Neoklassizismus, Schinkel-Giebel, Elektro-Müllcontainer-Autos; nirgendwo wird mehr geraucht als in Kliniken. Schwestern, Ärzte, Patienten zumal. „Raucher werden schneller gesund, weil sie schneller mobil sind“, sagt Stationsarzt Dr. Zogast (Schwestern-Schnack: „Spricht wie ein Deutscher, sieht aus wie ein Grieche, ist aber Türke“). Und ein wunderbarer Arzt, Raucher; Lungenschmacht ist halt stärker als Aua! 8. Stock mit Kirchturm- und Elphi-Skyline hin, Kälte, Wind und Regen her…

Was bleibt? Ein Hackenporsche Marke halbes Gewicht. Inzwischen ein italienischer Krückmann mit silbernem Löwengriff, ein warmer Schal, eine irische Strickjacke. 18 Kilo weniger Fett. Und Trost. Von Thomas, dem besten Drohnen-Filmer Deutschlands … Vom besten Polizeireporter ever … Von Jürgen, dem genialen Magazin-Macher. Von Stefan, dem Marathon-Mann, der sich demnächst sogar Hamburg traut …

Und die eine Frage: Wie oft muss man sterben, um wirklich tot zu sein …


Ex-BILD-Chef Peter Bartels.
Ex-BILD-Chef Peter Bartels.

PI-NEWS-Autor Peter Bartels [1] war zusammen mit Hans-Hermann Tiedje zwischen 1989 und 1991 BILD-Chefredakteur. Davor war er daselbst über 17 Jahre Polizeireporter, Ressortleiter Unterhaltung, stellv. Chefredakteur, im “Sabbatjahr” entwickelte er als Chefredakteur ein TV- und ein Medizin-Magazin, löste dann Claus Jacobi als BILD-Chef ab; Schlagzeile nach dem Mauerfall: “Guten Morgen, Deutschland!”. Unter “Rambo” Tiedje und “Django” Bartels erreichte das Blatt eine Auflage von über fünf Millionen. Danach CR BURDA (SUPER-Zeitung), BAUER (REVUE), Familia Press, Wien (Täglich Alles). In seinem Buch “Die Wahrheit über den Niedergang einer großen Zeitung” (KOPP-Verlag) [2] beschreibt Bartels, warum BILD bis 2016 rund 3,5 Mio seiner täglichen Käufer verlor; inzwischen mehr als 4 Mio. Bartels ist zu erreichen über FB [3] und per Email: peterhbartels@gmx.de [4].

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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