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AUSgeSCHWITZt oder Krieg der Zeichen

Von JOHANN FELIX BALDIG | Viel ist in den letzten Jahren diskutiert worden über Begriffe, über den Machtgehalt bestimmter begrifflicher Setzungen und Verschiebungen. Zuletzt schrieb Götz Kubitschek auf Sezession im Netz:

„Auch die Sprache ist eine Institution, eine Bedeutungsvereinbarung, und genau aus diesem Grund ist die Umdeutung von Wörtern ein Vorgang von eminent politischer Bedeutung. Jede Neuaufladung der Wortbedeutung ist ein destabilisierender Vorgang, der zugleich aber in eine neue Bedeutungsgewohnheit übergehen und damit eine neue Sicht und Wertung der Dinge stabilisieren soll.“

„Umdeutung von Wörtern“, „Neuaufladung der Wortbedeutung“ – ach, Gottchen! Beinahe herrliche Zeiten, in denen „lediglich“ zu erklären war, dass der Ausdruck „Mahnmal der Schande“ anderen Bedeutungsgehalt habe als der nicht getätigte Ausdruck „schändliches Mahnmal“. Nach der Ausrufung der Beobachtung des Flügels durch den Verfassungsschutz haben die Höcke-Jäger in Windeseile ihren vormals nur syntaktisch und lexematisch geführten Krieg auf die Ebene des Semiotischen gehoben.

Genügt zur Inkriminierung eine leidliche Ähnlichkeit der Zeichen, Zeichenfolgen, eröffnet solches Manöver der totalen Verflüssigung, Verungeistigung der Beweisführung ungeahnte Möglichkeiten. Wer „ausgeschwitzt“ sagt, ruft, dies sollte jedes Schulkind auf den ersten Blick erkennen, den Zivilisationsbruch auf. Und bekennt sich zugleich zu ihm.

Der semiotische Anschlag auf die Verfassung wird kenntlich in der Schwachsetzung dreier Zeichen: ein „g“, ein ihm folgendes „e“, am Ende ein „t“. Warum nicht gleich: das „t“ weiter stark sein lassen und das Publikum auf den Umstand hinweisen, dass Höcke Verfassungstreue mimt mittels einer deplatzierten Silbe, der Silbe „ge“. Die gehört nach vorn und der Anschlag auf die Verfassung ist unabweislich: „GEAUSSCHWITZT“. Das überzählige „S“ hört dabei auf „Staffel“, ganz zwanglos im Zwiegespräch mit dem Vorangehenden.

In Schillers Räubern sagt Daniel, der Hausknecht, zum Grafen Moor: „Gelt, junger Herr, das habt Ihr rein ausgeschwitzt?“. Daniel will den Grafen an alte Versprechen gemahnen, die dieser wohl vergessen hat, ausgeschwitzt eben. Die Nähe zu „etwas verschwitzt haben“ ist greifbar. Im neuen Krieg der Zeichen gegen Björn Höcke, den Flügel, ja die ganze AfD braucht man dem Verfassungsschutz freilich nicht mit Klassikern zu kommen. Auch nicht mit der eigenen Oma, die einen erkältet ins Bett gesteckt hat.

Was bleibt ist der Vorwurf, so menschenfeindlich könne man nicht über Parteifreunde sprechen. Indes: Soll nicht am Ende noch jeder AfD-Mensch ausgeschwitzt werden aus Merkels Deutschland?! Niemand von uns mag ausgeschwitzt werden, sitzt er nun für die AfD im Erfurter oder vielleicht im Düsseldorfer Landtag. Sich dies verbittend möge man den Verfassungsschutz adressieren. Nicht aber Björn Höcke. Dem nur zuzustimmen ist: Wir müssen Einigkeit leben. In Zeiten des semiotischen Krieges gegen die AfD gilt dies mehr denn je.