Der Sieg, der Deutschland zur Nation machte

Von WOLFGANG HÜBNER | Nach der französischen Kriegserklärung an Preußen vom 19. Juli 1870 rechnet ganz Europa und auch die preußische Führung selbst mit einer Offensive des benachbarten Kaiserreichs. Darauf hatte sich der preußische Generalstab eingestellt. Dieser kalkulierte sogar einen Vorstoß tief nach Süddeutschland oder bis zum Rhein ein.

Vorsorglich sprengten preußische Truppen am 22. Juli 1870 die Rheinbrücke bei Kehl, kleinere Kampfhandlungen waren dem vorausgegangen. Wichtiger waren jedoch andere Entwicklungen, die für den Kriegsverlauf entscheidend waren: Der Bayernkönig Ludwig II. sowie die süddeutschen Fürsten, vor allem aber deren Völker, stellten sich hinter die eigentlich gar nicht so beliebten Preußen, um gemeinsam gegen den „Erbfeind“ zu kämpfen.

Und noch ein anderes Geschehen war von größter Bedeutung: Der Aufmarsch der preußischen und anderen deutschen Verbände vollzog sich mit großer Präzision, wobei der Eisenbahntransport der Soldaten und Waffen eine Meisterleistung des 39-jährigen Karl Hermann von Brandenstein war. Er gehörte dem Großen Generalstab an, der von dem bereits 70-jährigen Helmuth Graf von Moltke, dem Sieger von Königgrätz 1866 gegen Österreich, geleitet wurde.

Dagegen war der Aufmarsch der Franzosen chaotisch. Immerhin gab es dann doch am 2. August 1970 einen Vorstoß der kaiserlichen Armee, der mit einer kurzzeitigen Besetzung Saarbrückens endete. In Paris kursierten Gerüchte, Saarbrücken sei zerstört worden, die Preußen seien in Panik geflohen. Doch nichts davon stimmte.

Denn der Vorstoß war unüberlegt, der preußische Rückzug nur taktischer Natur. Bereits am 4. August gab es vielmehr den ersten Sieg der vereinten deutschen  Truppen zu melden. Sie hatten, allerdings unter hohen Verlusten, die Franzosen aus Weißenburg im Elsass vertrieben. Militärisch war diese Eroberung nicht wichtig, umso mehr aber psychologisch.

Und schon zwei Tage später führten die deutschen Erfolge in den Schlachten bei Wörth und Spichern zum Rückzug der so überlegen geglaubten französischen Armee. Jubel und Freude in Deutschland waren groß. Denn eigentlich besaßen die Franzosen die bessere Infanteriewaffe, das Chassepot-Gewehr, sowie in beschränkter Zahl die sogenannte Mitrailleuse, ein gefürchteter Vorläufer des Maschinengewehrs.

Da die preußischen Offiziere ihre Mannschaften zu Kriegsbeginn ohne Rücksicht auf Verluste stürmen ließen, waren diese groß: In den ersten vier Wochen des Krieges wurden rund 78.000 deutsche Soldaten getötet, verwundet oder vermisst.  Unter ihnen war ein hoher Anteil von Offizieren. Denn die führende militärische Schicht Preußens schickte ihre Soldaten nicht nur in die Schlachten, sondern war in diesen stets an der Spitze zu finden. Fanden sie den Tod oder wurden sie kampfunfähig, dann konnten dank einer modernen Ausbildung auch Unterführer und sogar Mannschaften die Leitung übernehmen. Auch in dieser Hinsicht waren die Deutschen ihrem Gegner überlegen, ebenso bei der Artillerie.

In Paris herrschte nach den militärischen Debakeln Panik, die Autorität von Kaiser Napoleon III. war angeschlagen, der Ministerpräsident und Kriegsminister wurden ausgewechselt. Österreich, auf dessen Eingreifen zugunsten Frankreichs in Paris immer noch gehofft worden war, verzichtete unter dem Eindruck der deutschen Erfolge und Einigkeit nun endgültig auf „Rache für Königgrätz“.

Der britische Premierminister Gladstone sprach vom schwersten Schlag, den die Militärmacht Frankreich seit mehr als hundert Jahren erlitten habe. Doch die bittersten Niederlagen standen dem Kaiserreich im August und September 1870 erst noch bevor. Davon mehr in Teil 3 dieser Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg, der mit der Ausrufung des geeinten deutschen Kaiserreichs in Versailles seinen Höhepunkt finden sollte.

» Teil 1 der Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg


Hübner auf der Buch-
messe 2017 in Frankfurt.

PI-NEWS-Autor Wolfgang Hübner schreibt seit vielen Jahren für diesen Blog, vornehmlich zu den Themen Linksfaschismus, Islamisierung Deutschlands und Meinungsfreiheit. Der langjährige Stadtverordnete und Fraktionsvorsitzende der „Bürger für Frankfurt“ (BFF) legte zum Ende des Oktobers 2016 sein Mandat im Frankfurter Römer nieder. Der leidenschaftliche Radfahrer ist über seine Facebook-Seite erreichbar.