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Moralische Pseudo-Besserwisser verachten unsere Geschichte

Denkmäler werden geschleift, Institutionen und Strassen umbenannt, alte Texte überarbeitet und Museumsbestände kritisch durchforstet. Nie zuvor in der Geschichte stand eine Gesellschaft ihrer eigenen Vergangenheit mit so viel Reserviertheit gegenüber. Gilt das 19. Jahrhundert als das Zeitalter des Historismus, also des Bewusstseins für die eigene Geschichtlichkeit und von deren Verklärung, so droht das 21. Jahrhundert eine Epoche der vollständigen Enthistorisierung zu werden, der Preisgabe des historischen Denkens.

Aber, so könnte man einwenden, sind unsere Kalender denn nicht gespickt mit Gedenktagen aller Art? Wird nicht quasi im Wochenrhythmus – und nicht nur in Deutschland – gemahnt, sich mit der eigenen Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen? Gehört die Vermittlung einer entsprechenden Erinnerungskultur nicht inzwischen zur Staatsräson der meisten europäischen Länder?

Das ist ohne Frage richtig. Doch eine Erinnerung, die zur Kultur wird und damit zum Kult, ist das Gegenteil von Erinnern und erst recht von dem Bemühen um historische Vorurteilsfreiheit. Hier schiebt sich vielmehr der Kult vor die historische Tatsache und beginnt, die Realität zu verzerren.

Erinnerungskultur im Namen der guten Sache, sei es Antikolonialismus, Antiimperialismus oder Antifaschismus, gerät zur vorsätzlichen Enthistorisierung. Die Geschichte verschwindet hinter der Lehre, die man aus ihr zu ziehen vorgibt. Was übrig bleibt, ist Haltung ohne Kenntnisse.

Wie sehr in den historischen Diskursen der westlichen Welt inzwischen die moralische Bewertung das Gespür für historische Zusammenhänge ersetzt hat, konnte man im Sommer anlässlich der «Black Lives Matter»-Demonstrationen erleben. Denn wer Denkmäler von Kolumbus, Churchill oder Bismarck schleifen möchte, weil diese Eroberer, Rassisten oder Kriegstreiber waren, bemüht sich nicht um ein historisches Verstehen, sondern walzt Geschichte im Namen aktueller Moralvorstellungen nieder. Doch Moral ist selbst ein historisches Phänomen, eingebunden in Diskurse, Narrative und Sinnkonstituenten ihrer Zeit. Wer sich weigert, diese zu verstehen, versteht nichts…. (Fortsetzung des eminent wichtigen Artikels von Alexander Grau hier in der NZZ!)