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Indonesien: 77 Stockhiebe für schwules Paar

In der indonesischen Provinz Aceh hat ein Scharia-Gericht ein homosexuelles Paar zu je 77 Hiebe mit einem Rattan-Stock verurteilt.

Von MANFRED W. BLACK | Weil sie beim Sex erwischt wurden, hat ein Scharia-Gericht in Südost-Asien zwei Schwule zu lebensgefährlichen 77 Stockschlägen verurteilt. Das „Hamburger Abendblatt“ druckte am 29. Januar dazu eine kurze dpa-Meldung ab, in der es hieß, die Stockhiebe-Strafe sei „in der konservativen indonesischen Provinz Aceh“ mit Hilfe eines Rattan-Stockes vollzogen worden. Doch das ist, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit.

Der Begriff „konservativ“ an dieser Stelle verkleistert, dass dort fanatische Moslems die Macht ergriffen haben, die die Werte einer liberalen Gesellschaft mit Füßen treten. In Indonesien leben 267 Millionen Menschen, 230 Millionen davon sind Moslems. In der Provinz Aceh haben blindwütige Moslems 2003 endgültig die Macht ergriffen. Sie ersetzten die staatliche Rechtsprechung durch das Scharia-Recht.

Was das bedeutet, sollte man Menschen fragen, die als verfolgte Frauen, Homosexuelle oder Christen die Scharia in Ländern wie Saudi-Arabien, Iran, Sudan, Somalia, Brunei und in Teilen von Indonesien erlebt haben.

Der Politologe Bassam Tibi – ein Deutscher mit syrischer Herkunft – sagt, dass die islamische Scharia ein totalitäres Konstrukt ist, ein Gemisch von Anordnungen, das nicht vereinbar ist mit einer Demokratie. Eine der schlimmsten Bestimmungen der Scharia: Menschen, die ihren Austritt aus dem Islam erklärt haben, müssen mit der Todesstrafe rechnen.

Salamitaktik: Fanatiker übernehmen die Macht

Die Provinz Aceh, im Norden der Insel Sumatra gelegen, ist heute ein „Gottesstaat“. Für Indonesien insgesamt eine gefährliche Entwicklung. Schon jetzt greift die Radikalisierung immer wieder über auf andere Teile des Landes.

Seit Abschluss einer „Friedensvereinbarung“ zwischen der aufständischen Rebellengruppe Free Aceh Movement (GAM) und der Zentralregierung in Jakarta im Jahr 2005 hat die Provinzregierung von Aceh das Scharia-Recht nach und nach immer mehr ausgeweitet.

„Unislamisches Verhalten“ wird hier heute provinzweit geahndet, erklärte im Fernsehen Ritasari, sie ist die Chefin der islamischen Religionspolizei. Sie trägt wie viele Indonesier nur einen Namen.

Religionspolizisten patrouillieren durch die Straßen

Zu ihren Bediensteten gehören auch zahlreiche junge Frauen. Sie patrouillieren in dunkelgrünen Uniformen durch Städte und Dörfer. Die Religionspolizei staucht Frauen zurecht, die ihr Kopftuch nicht korrekt tragen.

Den Polizisten sind ebenfalls „Leggings“ ein Dorn im Auge. Die Religionspolizei belehrt Männer, die am Freitagnachmittag im Restaurant Tee trinken – statt eine Moschee zu besuchen. Das Zusammensein unverheirateter Männer und Frauen ist nicht gestattet. Und nicht­eheliches Küssen steht unter Strafe.

Bei kleineren Regel-Verstößen wird in der Regel zunächst verwarnt. Bei schwereren „Vergehen“ erstatten die Aufsichtskräfte Meldung an das Scharia-Gericht. Etwa bei Ehebruch oder Glücksspiel. Ganz schwere Strafen drohen etwa nach homosexuellem Geschlechtsverkehr. Dafür setzt es bis zu 100 Stock-Schläge, die oft etappenweise verpasst werden, damit der Betroffene nicht verstirbt.

Die „taz“ weiß der Scharia auch gute Seiten abzugewinnen

Die Berliner „taz“ wäre nicht die „taz“, wenn sie in Aceh nicht auch Gutes bei der Scharia erkennen würde. Unter der Überschrift „Die zufriedene Christin“ lässt die Zeitung Sheilisa Pieter zu Wort kommen, Rektorin einer Methodisten-Schule. Die Bildungseinrichtung gehört zu den ganz wenigen nichtislamischen Schulen in der Provinzhauptstadt Banda Aceh. „Ich habe kein Problem mit der Scharia.“

Zwar würden „gewisse ­Paragrafen des islamischen Gesetzes auch für Andersgläubige“ gelten. Doch angeblich werden sie „deutlich seltener an ihnen angewendet“. Ein großer Trost – besonders für die Bürger, die Muslime sind?

„Wir können wählen, ob wir nach den indonesischen Gesetzen gerichtet werden wollen oder nach der Scharia“, erklärte Pieter der „taz“. Pieter behauptet, dass sie sich als Christin im streng islamischen Banda Aceh „immer sehr sicher“ fühle – nicht zuletzt deshalb, „weil die Leute eben Achtung vor der Scharia“ haben.

Nicht wenige Nichtmuslime würden sich sogar für eine Scharia-Strafe entscheiden, wenn nach einem Vergehen Sanktionen drohen. Unterschwellig ganz zufrieden, schreibt die „taz“: Der Scharia-Prozess sei „in der Regel schneller als ein Gang durch die traditionellen Gerichte“. So gesehen könnte die Scharia doch auch bald in Deutschland eingeführt werden – zumindest in den Städten, wo besonders viele Muslime leben.