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Was trägt unseren Wohlstand?

Von PROF. EBERHARD HAMER | Nach Marx war nur die Arbeit der produktive Faktor, die Werte schafft. Deshalb müsse denen, die reale Arbeit leisten, auch der Gesamtertrag dieser Arbeit zugutekommen.

Übersehen hat Marx, dass auch der Boden produktiv ist und dass Kapital produktiv sein kann, wenn es zum Beispiel in der Industrie durch mehr Kapitaleinsatz (Maschinen) höhere Produktivität bringt.

Der internationale Trend von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft (ca. 70 Prozent BSP) hat jedoch die Messeinheit von Arbeit immer mehr vom Arbeitsertrag auf die eingesetzte Arbeitszeit verschoben. Nur Unternehmer und ihre Betriebe werden durch den Gewinn noch nach Arbeitsertrag belohnt, was zum Beispiel im Handwerk die Folge hat, dass nicht die eingesetzte Zeit der Arbeit, sondern das Produkt – der Arbeitserfolg – geschuldet wird, abgeliefert werden muss und bezahlt wird. Kommt es nicht zu diesem Arbeitsergebnis, wird nicht bezahlt.

Das ist in der Dienstleistung ganz anders. Ein Arzt, ein Anwalt, ein Beamter und die Millionen in den Sozialberufen Beschäftigten werden nicht nach ihrem Arbeitsergebnis, sondern nach der eingesetzten Arbeitszeit (Stundenlohn bzw. Monatsgehalt) bezahlt. Sie bekommen diese Arbeitszeit unabhängig vom Ergebnis ihrer Arbeit vergütet. Bringt ihre Arbeit – wie zum Beispiel in vielen Sozialberufen – kein Ergebnis, bekommen sie dennoch hohe Gehälter.

Und die Gehälter der Dienstleister sind durchweg höher als diejenigen der praktisch Arbeitenden. Viele „Zeitarbeiter“ erzielen in der Regel höheren, etwa den doppelten, dreifachen oder vierfachen Lohn als ein „Erfolgsarbeiter“, zum Beispiel ein Handwerksgeselle. Kein Wunder, wenn deshalb die Jugend in die Angestelltenberufe drängt und hunderttausende von Handwerkslehrlingsstellen unbesetzt bleiben.

Schon seit einem Jahrzehnt vertreten vor allem amerikanische Wirtschaftstheorien die Ansicht, dass die Entwicklung zur Dienstleistung in der Volkswirtschaft ein notwendiger Fortschritt sei. Ihnen schien recht zu geben, dass die Geldflutungen des letzten Jahrzehnts vor allem denjenigen zugutekamen, die sich mit Geldgeschäften, mit Krediten, mit Spekulationen, mit Geldanlagen und mit Geldvermehrung beschäftigt haben. Deshalb haben Banker, Strukturvertriebe und Finanzspekulanten in den letzten 40 Jahren die größten Einkommen erzielt.

Der neue Dienstleistungstrend der Digitalisierung scheint wiederum Wachstums-, Wohlstands- und Zukunftstrend der Volkswirtschaften zu werden. Er wird nicht nur immer unverzichtbarer, sondern auch für diejenigen, die diesen digitalen Zukunftstreiber bearbeiten, besonders ertragreich. Die Löhne in der digitalen Welt sind höher als in der realen Arbeitswelt.

Die beginnende Weltwirtschaftskrise ist nicht nur Corona-Krise, sondern deshalb die größte Weltwirtschaftskrise, weil sie wiederum einen Strukturwandel von zu viel unproduktiver Dienstleistung hin zu Realproduktion bringen wird.

Das Beispiel der USA steht für diese Entwicklung. Die USA haben ihre Realproduktion wegen billiger Arbeitskräfte weltweit ausgelagert, vor allem nach China, weil sie mehr am Kapitalgeschäft verdienen konnten, indem sie 192 Länder der Erde mit Dollarkrediten vollstopften und sich dafür Zinsen und Abzahlungsleistungen erzwangen – zum Teil sogar mit militärischen Mitteln. So wurde die Handelsbilanz der USA immer defizitärer, konnte aber durch die Zahlungsbilanz ausgeglichen werden. Wenn also die USA immer mehr für Zuliefererprodukte bezahlen mussten, konnten sie dies aus wachsenden Finanzeinnahmen finanzieren.

Inzwischen aber ist auch die Zahlungsbilanz der USA so defizitär (600 bis 800 Mrd. Dollar Defizit) und sogar existenzgefährlich. Nur durch unverantwortliche Dollarflutung der FED konnte bisher der finanzielle Zusammenbruch in den USA verhindert werden. Die Gewaltversuche von Trump, durch Sanktionen und Strafen Importe zu verhindern und die Realproduktion in den USA zurückzuholen, ist am Widerstand der Finanzindustrie gescheitert.

Das Gegenbeispiel ist die Bundesrepublik, die von allen europäischen Ländern mit fast einem Drittel immer noch den größten Realleistungssektor hat. Unsere Industrie- und Gewerbeproduktion hat mit ihrer Produktivität die Dienstleistung besser getragen als in allen anderen Ländern, was zu entsprechenden Handelsbilanzüberschüssen der Bundesrepublik geführt hat.

Schon immer hat die Mittelstandsökonomie darauf hingewiesen, dass unter Produktivitätsgesichtspunkten der Dienstleistungssektor überbewertet würde. Ein großer Teil der Dienstleitungssektoren sind nämlich wenig oder unproduktiv, dienen ganz anderen Zwecken, als wirtschaftliche Werte zu produzieren:

  • Den eigentlichen Staatsaufgaben der Ordnungs- und Rechtsdurchsetzung kann man zwar indirekte Produktivität auch für die Wirtschaft zumessen, der Schul- und Hochschulbildung ebenfalls, weil sie die Qualifikationen zu bringen hat, die die Wirtschaft für den Produktivitätsfortschritt braucht.
  • Der Gesundheitssektor ist schon umstrittener, weil hier ein Staatsmonopol mit Nullpreis-Angebot eine unwirtschaftliche Übernachfrage erzeugt hat, wie in der Corona-Hysterie gerade am deutlichsten sichtbar wird.
  • Andere staatliche und private Sozialbereiche und vor allem ideologische Luxusverwaltungsbereiche wie Gender-, Gleichstellungs-, Öko- und Meinungssteuerungsverwaltungen bezahlen ihre Beschäftigten besser als Produktivarbeitskräfte, sind aber wirtschaftstheoretisch nicht produktiv, sondern meist unproduktive Kostenlast, in schlimmeren Fällen Wirtschaftsblockade.
  • Andere – vor allem private – Dienstleistungsbereiche sind ebenfalls nicht eigenproduktiv, sondern nur für andere Wirtschaftsbereiche hilfsproduktiv, wie zum Beispiel der Transport, die Reinigung, die Kommunikation oder ähnliches. Viele Beschäftigte in diesen minderproduktiven Bereichen verdienen in der privaten Wirtschaft, wo Arbeitsleistung von Produktertrag leben muss, weniger als die direkt produktiven Arbeitskräfte etwa in Handwerk oder Industrie, andere dagegen in Dienstleistungsbereichen, in denen die Arbeit nicht nach Ertrag, sondern nach Zeit bemessen wird, mehr als die gewerblichen Produktivkräfte.

Wenn eine volkswirtschaftliche Gesellschaft nicht mehr wie nach dem Kriege auf die Deckung des Realbedarfs ausgerichtet ist, sondern immer mehr auf gering- oder unproduktive Dienstleistung, wandeln sich auch Ziele, Werte und Lebensgrundlagen unserer Gesellschaft:

  1. Früher galt praktisches Geschick als vorbildlich und produktive Arbeit verschaffte Anerkennung. Nun gilt sie als inferior, umweltverschmutzend, klimaschädlich oder schlicht stupide. „Als Ergebnis dieser Werteverschiebung bezahlt die arbeitende Bevölkerung nicht nur die Steuern, die das Leben am Laufen halten, sondern sie bewundert diejenigen, die auf ihre Kosten leben.“

Aus der systematischen Entwertung produktiver Tätigkeit folgt, dass sich unsere Werte verändert haben: „Kreativität statt Fleiß, Spontanität statt Verlässlichkeit, Sinnproduktion statt Güterproduktion, Geistiges statt Materielles, Individualität statt Anpassung, Sein statt Haben.“

  1. Inzwischen verkörpern die Grünen den neuen Zeitgeist, an dem sich alle anderen orientieren sollen; „den fröhlich plappernden Annalenas und Gretas mit ihrer naiven Begeisterung kauft man alles ab. Als Ideologe, Sinnstifter und Weltverbesserer braucht man sich eben nicht um irgendwelche Trivialitäten des realen Lebens zu kümmern. Sie können ein unbeschwertes, hochbezahltes, gesichertes Leben führen, sie können unproduktiv herumschwadronieren – dank Euch, liebe Handwerker, LKW-Fahrer, Lageristen, Friseuren, Erzieherinnen und alle, die Ihr Arbeit macht, für die sich die Ideologen zu gut sind und welche die Steuern zahlen, von denen jene leben.“
  2. Inzwischen erarbeiten nur ein Drittel der Bevölkerung unser reales Sozialprodukt auf dem Markt, während zwei Drittel im Zuge der großen öffentlichen Umverteilung von dem Leistungsertrag des ersten Drittels leben. Die unproduktiven Ideologen verändern aber Lebensgrundlagen durch Steuern und Abgabenerhöhungen weiter ständig zu Lasten der Produktiven und zu Gunsten der Unproduktiven: CO2-Steuer jetzt gerade auf Benzin, EEG-Umlage auf Elektroenergie, Erhöhung der GEZ-Steuer o.a. Die Mehrheit der nicht mehr von ihrem Leistungsertrag abhängigen Dienstleister lebt war zwar vom Arbeitsertrag einer produktiven Minderheit, erhöht aber ständig deren Kosten und vermindert dadurch deren Wohlstand.
  3. Proteste der Minderheit gegen die Mehrheit werden von der neuen Meinungsdiktatur unterdrückt. Nur die Meinung der unproduktiven Mehrheits-Ideologen zähl. Nur sie wird in den Medien gebracht (wofür diese hunderte von Millionen Bestechungsgelder zur Existenzsicherung erhalten). Und wer in den sozialen Medien protestiert, wird als rechts- oder hassverdächtig abgeschaltet, mundtot gemacht, sogar ein Präsident in den USA.
  4. Kein Wunder, wenn auch unsere nicht mehr auf Leistung und Pflichterfüllung, sondern durch „Spaßschulen“ auf Lustgewinn programmierte Jugend freitags nicht mehr zur Schule, sondern für eine ideelle Umwelt oder arbeitsloses Grundeinkommen auf die Straße geht. Arbeitsloses Grundeinkommen wird auch von den grünen Ideologen als „Erfüllung einer sinnentleerten Arbeit“ gefordert und ist mit dem Massen-Kurzarbeitergeld für hundert Milliarden Euro in der ganzen EU sowie mit „Hartz-IV für alle“ eingeführt, in Spanien sogar gesetzlich.

Der kommende Crash wird zeigen, dass das von den Ideologen erträumte und teilverwirklichte Ziel des „Wohlstands ohne produktive Arbeit“ zusammenfällt.

Wenn Deutschland

  • seine eigenen Corona-Kosten von mehr als 500 Mrd. Euro und die darüber hinaus für ganz Europa durch Mithaftung übernommenen drei Billionen Euro Schulden nicht mehr bezahlen kann
  • und die Menschen merken, dass Geldvermehrung ohne Gütervermehrung Betrug ist statt Wohlstandssteigerung,
  • die erwartete und unterbezahlte Realproduktion aber in der Krise mit ihren produktiven Arbeitsplätzen um ein Drittel zusammenfällt, deshalb die wachsenden Geldsummen sinkendem Güterangebot gegenüberstehen und zur Inflation explodieren,
  • die sich verschärfende Rezession dann aber auch immer mehr unproduktive Arbeitsverhältnisse unbezahlbar und deshalb überflüssig macht,

werden die überheblichen unproduktiven Meinungsmacher und Ideologen merken, dass sie mit der Verachtung der Realproduktion ihre eigene Existenz vernichtet haben und werden – wie üblich – die Gesellschaft, nicht sich selbst, für ihr Scheitern verantwortlich machen.

Der Markt lässt sich nicht betrügen. Und Wohlstand ist nicht Ideologie, sondern reale Versorgung. Und ohne reale Arbeit und produktive Leistung hat noch keine Volkswirtschaft dauerhaft überlebt.

Viele, jetzt überversorgte Ideologen und unproduktive Dienstleistungsbereiche werden schon bald merken, dass man nicht mehr von unproduktivem Lustgewinn und Ideologie leben kann, sondern nur von harter produktiver Arbeit. Der Begriff der Arbeit wird wieder auf das Ergebnis statt auf bloße Beschäftigungsdauer umgestellt werden müssen!


Prof. Eberhard Hamer.
Prof. Eberhard Hamer.

PI-NEWS-Autor Prof. Dr. Eberhard Hamer (* 15. August 1932 in Mettmann) ist ein deutscher Ökonom. Sein Schwerpunkt ist die Mittelstandsökonomie. In den 1970er Jahren gründete er das privat geführte Mittelstandsinstitut Niedersachsen in Hannover und veröffentlichte über 20 Bücher zum Thema Mittelstand. Hamer erhielt 1986 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Seine Kolumne erscheint einmal wöchentlich auf PI-NEWS.