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Der deutsche Angriff, Gauland und Scheil

Von GÖTZ KUBITSCHEK | Heute vor 80 Jahren kam die deutsche Wehrmacht der Roten Armee zuvor: Sie griff an. Beide totalitäre Regime hatten, abgesichert durch den Nichtangriffspakt vom Sommer 1939, bereits regional begrenzte Kriege geführt und fast alle gewonnen:

Die Sowjetunion war in Polen einmarschiert, hatte den östlichen Teil besetzt und dabei rund 25.000 Offiziere, Polizeibeamte und Intellektuelle in den Wäldern um Katyn ermordet und verscharrt.

1940 besetzte sie die baltischen Staaten und Bessarabien, das zuvor zu Rumänien gehört hatte. Den „Winterkrieg“ gegen Finnland, der vom November 1939 bis zum März 1940 dauerte, gewann die Sowjetunion zwar unter erheblichen Verlusten, konnte aber ihre ursprünglichen Pläne nicht durchsetzen: Finnland blieb unabhängig und kämpfte später an deutscher Seite, um die Gebietsverluste des Winterkriegs wettzumachen und die Gefahr eines erneuten Okkupationsversuchs präventiv abzuwehren.

Das Deutsche Reich hatte nach dem Sieg über Polen zunächst keinen weiteren Krieg zu führen. Die Kriegserklärungen durch Frankreich und England blieben folgenlos, beide Nationen hatten Polen nicht beigestanden und im Westen keine zweite Front eröffnet. 1940 hatte Deutschland den Wettlauf um Norwegen (und damit um den Erzhafen Narvik) knapp gewonnen. Im Mai und Juni 1940 warf es Frankreich nieder.

Im April und Mai 1941 sah sich das Deutsche Reich gezwungen, den britischen Einfluß auf dem Kontinent zurückzudrängen und den militärischen Pfusch Italiens auszubügeln: Der Balkanfeldzug endete an der Seite Bulgariens und Rumäniens mit Siegen über Jugoslawien und Griechenland. Erfolglos blieb Deutschland im Luftkrieg um England.

Das deutsche Reich und die Sowjetunion – das bedeutete bis Mitte 1941: Aufteilung der Machtsphären, Sicherung des Nachschubs an Rohstoffen, Meereszugänge, Bereinigung auf Nebenkriegsschauplätzen. Die eigentliche Auseinandersetzung würde gegeneinander geführt werden, als Weltanschauungskrieg, als Krieg ums Sein oder Nichtsein und um den Status der dominierenden europäisch-kontinentalen Weltmacht.

Es war nicht zuletzt der junge Schweizer Armin Mohler, der am Morgen des 22. Juni 1941 vom Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion hörte und wußte, daß es nun „um die Wurst“ gehe, eben um alles oder nichts und nicht nur um Elsaß-Lothringen oder Posen oder eine Einflußsphäre in Skandinavien.

Es war das Unvermeidliche, das in Gang kam und das auf beiden Seiten mit aller Härte ausgeführt wurde. Das haben die Sieger nach dem Krieg bestritten, erst leise, dann laut, und am lautesten bestreiten es nun die Deutschen selbst, die längst jede Siegererzählung bis ins Vokabular hinein übernommen haben und mittlerweile einander mit allen Spielarten von Schuldstolz, nachgereichter Verurteilung, Wiedergutmachungswettlauf und antideutscher Zukunftsverhinderung überziehen – und tatsächlich glauben, daß nicht das nationalsozialistische Regime widerlegt worden sei, sondern die Deutschen, sie selbst also, an sich.

Wir, also die Deutschen, waren in der Debatte um den deutsch-sowjetischen Krieg schon einmal weiter, viel weiter. Diejenigen Nationen, die nach dem Ende des Kriegs unter den sowjetischen Einfluß gerieten oder sogar einverleibt wurden (allen voran die baltische Staaten), betonen seit 1990 zumindest den antitotalitären Konsens, mit deutlicher Gewichtung gegen den roten Terror, der ihre Länder beinahe ausgelöscht hätte.

Aber bei uns kippte alles zurück in eine unhistorische Eindimensionalität. Und so hoffte man im Rahmen des alternativen Aufbruchs auch auf alternative Erzählungen, auf geschichtspolitische Souveränität.

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