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Ist die „kritische Rassentheorie“ faschistisch?

Von C. JAHN | Die „kritische Rassentheorie“ („critical race theory“) entwickelt sich in den USA aktuell zu einer Art neuen Staatsideologie. Wer sich als Deutscher mit dieser Theorie beschäftigt, erkennt sofort die Parallelen zum Theoriegebäude des Faschismus, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Sich mit solchem Gedankengut überhaupt auseinanderzusetzen, widerstrebt jedem humanistisch geprägten Menschen. Dennoch sei hier einmal der Frage nachgegangen, ob es sich bei der „kritischen Rassentheorie“ tatsächlich um ein Gedankengebäude in der Tradition des Faschismus handelt oder ob man dieser intellektuell stark abstoßenden „Lehre“ mit einer solchen Einordnung doch Unrecht tut.

Dreh- und Angelpunkt der „kritischen Rassentheorie“ ist die Einordnung aller Menschen in „Rassen“, wobei diese „Rassen“ in der tatsächlichen Debatte in den USA üblicherweise nur auf „weiße“ und „schwarze“ „Rassen“ beschränkt sind, andere „Rassen“ spielen in der Praxis der Diskussion keine Rolle. Wir erkennen also schon auf den ersten Blick, dass es sich bei dieser Theorie nicht um einen universellen Erklärungsansatz menschlichen Verhaltens handelt, sondern um eine Theorie, die sich nur mit einem Teilaspekt, nämlich dem Verhältnis zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ auseinandersetzt – bereits diese gedankliche Einengung auf einen sehr kleinen Ausschnitt menschlichen Zusammenlebens auf der Welt ist bei einer angeblich universell gültigen Theorie fragwürdig.

Dieses Verhältnis zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“, um das sich bei der „kritischen Rassentheorie“ alles dreht, ist laut Theorie angeblich geprägt durch „Rassismus“, der aber ausschließlich das Denken und Handeln von „Weißen“ bestimmt, niemals das Denken und Handeln von „Schwarzen“. Weiter wird unterstellt, dass ein derartiger „Rassismus“ bei „Weißen“ der Normalzustand sei, „Weiße“ also quasi von Geburt an immer „Rassisten“ seien. Nicht unterschieden wird zudem nach gesellschaftlichen Schichten: „Weiße“ Angehörige der Arbeiterschicht und „weiße“ Angehörige des Bürgertums gelten allesamt gleichermaßen als „Rassisten“, „schwarze“ Arbeiter und „schwarze“ Bürgerliche allesamt gleichermaßen als „Opfer“ der „Rassisten“. Der scharfe Gegensatz zur kommunistischen Denkweise, die gesellschaftliche Opfer- und Täterrollen stets mit jeweils unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit verbindet, wird hier bereits deutlich.

Da nun „Weiße“ laut Theorie allesamt „Rassisten“ sind, denen als solchen ein gemeinsames Interesse unterstellt wird, jeden gesellschaftlichen Aufstieg von „Schwarzen“ aus kollektiver Feindseligkeit verhindern zu wollen, sind nach Ansicht der „kritischen Rassentheorie“ alle Bemühungen der „Schwarzen“ sinnlos, einen gesellschaftlichen Aufstieg zu versuchen, etwa durch Bildung und Schulbesuche: die „Weißen“ werden infolge ihrer kollektiv unterstellten Feindseligkeit diesen Aufstieg immer zu verhindern wissen. Die überdurchschnittlich hohe Armut und Kriminalität der „Schwarzen“ in den USA sind also laut „kritischer Rassentheorie“ in erster Linie ein Ergebnis des „Rassismus“ der „Weißen“, keinesfalls sind sie Ergebnis mangelnder eigener Leistungsbereitschaft bzw. -fähigkeit der „Schwarzen“.

Da das freie Kräftespiel der freiheitlichen Gesellschaft laut „kritischer Rassentheorie“ nun diesen unterstellten „Rassismus“ der „Weißen“ gewähren lässt, wird aus einer solchen Deutung des gesellschaftlichen Geschehens die Forderung abgeleitet, die freie Gesellschaft durch verschiedene totalitäre Maßnahmen einzuschränken: Maßnahmen, die sich zugegebenermaßen einseitig gegen die „Weißen“ richten, deren bekennend diskriminierende Einseitigkeit aber dadurch gerechtfertigt wird, dass nur durch eine solche gezielte Diskriminierung und Unterdrückung der „Weißen“ insgesamt auch der unterstellte „Rassismus“ der „Weißen“ beherrschbar sei. Erst wenn die „Weißen“ und damit deren „Rassismus“ unterdrückt werden, sei ein Aufstieg der „Schwarzen“ möglich und die Welt ein Stück „gerechter“ – so die Theorie.

Besonders aus deutscher Sicht wirkt diese ganze Thematisierung von „Rassen“ in einem politischen Gedankengebäude natürlich höchst abstoßend. Jeder Ansatz, einen Zusammenhang zwischen „Rassen“ und politischen Maßnahmen welcher Art auch immer herzustellen, gilt in Deutschland zu Recht als widerlich. Wir hatten solches Denken zur Genüge in der Zeit des Nationalsozialismus, und wir haben es seitdem satt bis oben hin. Allein das Wort „Rasse“ in politischem Zusammenhang ist ein unappetitlicher Begriff, von dem man sich als Deutscher fernhalten sollte – dies sei hier einmal in aller Deutlichkeit den kommenden Ausführungen vorangestellt, denn als Deutscher kann man dem emotionalen Ekel vor dieser ganzen Denkweise ja kaum ausweichen.

Aber zurück zum Thema. Die politische Stoßrichtung der „kritischen Rassentheorie“ ist leicht erkennbar: Sie richtet sich zum einen gegen den universellen Humanismus, dessen Grundgedanke die Gleichheit aller Menschen ist, unabhängig von jeglicher „Rasse“. In einem vom Geist des Humanismus geprägten Staat sind daher auch vor dem Gesetz alle Menschen gleich, unterschiedliche Rechte etwa aufgrund unterschiedlicher biologischer Merkmale wie Hautfarbe oder „Rasse“ – wie sie von der „kritischen Rassentheorie“ zur Diskriminierung von „Weißen“ und Privilegierung von „Schwarzen“ gefordert werden –, darf es nicht geben.

Zum anderen richtet sich die „kritische Rassentheorie“ auch gegen die freiheitlich-liberale Gesellschaft, deren Grundlage das freie Kräftespiel der Meinungen ist, auf dass sich die beste Meinung am Ende zum Nutzen aller durchsetze. Diesem freiheitlichen Gedanken widerspricht die „kritische Rassentheorie“ mit ihrer Forderung nach totalitärer Ausgrenzung bestimmter Meinungen – insbesondere natürlich Meinungen, die sich ihrer Theorie entgegenstellen. Die aus der „kritischen Rassentheorie“ abgeleitete politische Forderung, die „Weißen“ kollektiv mit totalitären Maßnahmen gezielt zu unterdrücken, bricht somit insbesondere mit diesen beiden Grundüberzeugungen der westlich-freiheitlichen Zivilisation: Humanismus und Freiheitlichkeit.

Vor allem die antihumanistische Denkweise der „kritischen Rassentheorie“ ist irritierend: Für eine angeblich „linke“, also in kommunistischer Tradition stehende Denkschule ist die Bemühung von „Rasse“, einem biologischen Merkmal des Menschen, zur Ableitung politischer Forderungen befremdlich. Zielsetzung des Kommunismus war ja immer die Überwindung solch äußerlicher Unterschiede zwischen den Menschen: die Einordnung von Menschen in „Rassen“ und „Nationen“ galt im Kommunismus als Konstrukt des „Kapitalismus“ zur Unterdrückung und gegenseitigen kriegerischen Aufhetzung der Menschen im Interesse des „Kapitals“. Die Gleichheit aller Menschen wurde gerade von den Kommunisten immer als Gegenmodell zur angeblichen Klassengesellschaft des „Kapitalismus“ postuliert. Es heißt bei Marx: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, es heißt nicht: „Schwarze Proletarier aller Länder, vereinigt euch gegen weiße Proletarier!“.

Es ist genau diese antihumanistische Stoßrichtung, die die „kritische Rassentheorie“ von allen anderen „linken“ Theorien fundamental unterscheidet. Erstmals in der jüngeren Geistesgeschichte der westlichen Welt taucht hier also eine Theorie auf, die sich zwar als „links“, in kommunistischer Tradition stehend, bezeichnet, aber ganz eindeutig in mehrfacher Hinsicht in grundsätzlichem Widerspruch zu klassischem „linken“ Denken steht.

Die Frage steht also im Raum: Ist es nicht viel eher der Faschismus als der Kommunismus, bei dem sich die „kritische Rassentheorie“ geistig bedient?

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